Weinbau Winzer müssen sich dem Klimawandel anpassen

Die Steillagen sind im Weinbau besonders begehrt. Doch in Zukunft könnte es dort zu trocken und zu heiß werden.

(Foto: Harald Tittel/dpa)
  • Die Temperaturen steigen seit Beginn der Aufzeichnungen im MIttel an. Winzer müssen sich auf stärkere Wetterschwankungen einzustellen.
  • Sie bewässern Weinberge, schließen Unwetterversicherungen ab, experimentieren mit Rebsorten aus dem Süden.
  • Der Riesling, die häufigste Rebsorte hierzulande, mag kühle Gegenden. Er könnte in Zukunft in höheren Lagen angebaut oder zu anderen Zeiten geerntet werden.
Von Silvia Liebrich und Benedikt Müller

In Max Schönlebers Heimat gibt es Weinberge, die noch vor zehn Jahren kaum jemand haben wollte. Sie stehen weit oben im Rheingau, wo die Reben an den Wald grenzen. Dort ist es kühler als unten, in den Südhängen direkt am Rhein zwischen Wiesbaden und Rüdesheim. Oben wurden Trauben früher oft nicht voll reif; wer sie verarbeitete, lief Gefahr, einen sauren Wein zu machen. "Heute sind diese Lagen heiß begehrt", sagt Schönleber, Kellermeister des Weinguts Allendorf in Oestrich-Winkel: Nicht nur, weil Weinberge im Rheingau knapp sind, sondern auch wegen des Klimawandels. Seine Folgen sind ein großes Thema, wenn sich 60 000 Fachleute von Sonntag an zur Pro Wein in Düsseldorf treffen, der größten Fachmesse der Weinwelt.

Dort gilt Deutschland als eine sogenannte "Cool Climate"-Region: nicht berühmt für dunkle, schwere Rotweine mit viel Alkohol wie in Mittelmeerländern - sondern für spritzige Weißweine mit gewisser Säure. Allen voran für den Riesling, die häufigste Rebsorte hierzulande. "Der Riesling liebt die Kühle", heißt es beim Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP).

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Doch seitdem Menschen das Wetter aufzeichnen, steigt die Temperatur im Mittel an. Neun der zehn wärmsten Jahre wurden seit 2000 verzeichnet. Und Wissenschaftler erwarten, dass Wetterextreme zunehmen. "Unsere Winzer stellen sich darauf ein", sagt Monika Reule, Geschäftsführerin des Deutschen Weininstituts (DWI): Sie bewässern Weinberge, schließen Unwetterversicherungen ab, experimentieren mit Rebsorten aus dem Süden. "Und wir werden höher gehen, wir werden vielleicht auch in Seitentäler gehen."

Dabei betont Reule: "Insgesamt hat uns der Klimawandel in Deutschland gutgetan." Vorbei die Jahre, in denen Weinberge so wenig Sonne abbekamen, dass kaum Zucker in den Trauben entstand. Ohne dieses sogenannte Mostgewicht, können Winzer keine Spitzenweine ausbauen. In einem langen und trockenen Sommer wie 2018 hingegen reiften Trauben derart schnell, dass hiesige Weingüter so früh mit der Lese begannen wie nie zuvor.

Winzer tun sich zusammen, um Kosten für Bewässerungssysteme zu sparen

Schönlebers Familienweingut, mit 70 Hektar eines der größeren in Deutschland, fuhr im Sommer mit Traktor und Schlauch raus, um vor allem junge Reben zu gießen. "Bewässerung ist für uns im Rheingau ein ganz neues Thema", sagt Schönleber. "Vor zehn Jahren hat sich darüber noch niemand Gedanken gemacht."

Wenn das Weingut Allendorf heute Reben auf sandigen Böden oder steilen Schieferhängen pflanzt, baut es ein Tröpfchensystem ein: Lange Schläuche mit kleinen Löchern durchziehen den Weinberg und bewässern ihn. Alte Reben können hingegen metertief verwurzelt sein, sie brauchen keinen künstlichen Regen. Auch die Messe Pro Wein präsentiert solche Systeme. Mancherorts schließen sich Winzer schon zusammen, damit sie sich die Kosten der Bewässerung teilen können.

Zugleich wachsen hierzulande Sorten heran, deren Anbau vor 25 Jahren unmöglich war. Etwa der Syrah oder der Merlot, die man aus dem Bordeaux kennt. "Winzer experimentieren mit Rebsorten, die aus heißeren Gefilden stammen", sagt eine VDP-Sprecherin. Man schaue da allerdings in die sprichwörtliche Glaskugel, so der VDP, zu unsicher seien die klimatischen Bedingungen der Zukunft.

An der Universität Geisenheim versuchen Forscher, die Zukunft des Weinbaus vorherzusagen. Die Forschungseinrichtung gilt als eine der weltweit führenden auf dem Gebiet. Mitte März herrscht in den Versuchsanlagen an den Südhängen über dem Rhein so etwas wie Winterruhe. Doch läuft hier einiges anders als sonst üblich: Während manche Rebstöcke stark zurückgeschnitten sind, wuchern andere fast buschartig, dazwischen immer wieder weiß gekalkte Rebstöcke. Hier experimentieren Wissenschaftler, wie sich etwa durch den Schnitt oder weiße Farbe am Rebstock die Reife der Trauben hinauszögern lässt, wie auch Schädlinge und Krankheiten besser bekämpft werden können. Probleme, die nach Einschätzung der Experten mit den steigenden Temperaturen zunehmen werden.

Ein paar hundert Meter entfernt von Hörsälen und Gewächshäusern wird getestet, wie sich Reben entwickeln, wenn der CO₂-Gehalt in der Luft bis 2050 um 20 Prozent steigt, wie Klimaforscher prognostizieren. Mitten im Weinberg sind kreisförmige Anlagen aufgebaut, die Rebstöcke das ganze Jahr mit Kohlendioxid begasen. "Wir wollen wissen, wie sich die Klimaerwärmung auf den Weinbau auswirken wird", sagt Professor Hans Reiner Schultz, Präsident der Hochschule. Er hat lange für das Projekt gekämpft, das seit 2014 läuft.

Der Riesling wird so schnell nicht verschwinden

Erste Ergebnisse zeigen nach seinen Angaben, dass der Weinbau allein durch einen höheren CO₂-Gehalt profitieren kann, weil Erträge steigen könnten. Sicher sei das jedoch noch nicht. "Die Pflanzen scheinen zugleich empfindlicher auf Wassermangel zu reagieren. Was nicht den bisherigen Erkenntnissen bei anderen Pflanzenarten entspricht", ergänzt Schultz. Es gebe zudem Anzeichen, dass Schädlings- und Pilzbefall zunehmen könnten. Im Versuch wurde die Entwicklung des Traubenwicklers untersucht, ein Nachtfalter, dessen Larven Blüten und Trauben befallen. "Dessen Larven werden durch die höhere CO₂-Konzentration um 25 Prozent größer und sie entwickeln sich deutlich schneller."

Schultz weist jedoch Vorhersagen zurück, wonach etwa der Riesling nicht mehr in Deutschland angebaut werden könnte, wenn sich das Klima weiter erwärmt. "Sicher gedeihen in Deutschland inzwischen auch Sorten, für die es noch in den Achtzigerjahren hier zu kühl war. Das bedeutet aber nicht, dass der Riesling deshalb verschwinden muss." In Geisenheim untersuchen sie etwa, wie sich die Reife von Beeren bis in die kühlere Jahreszeit hinauszögern lässt. "Einstellen müssen sich die Weinbauern vor allem darauf, dass die Wetterschwankungen in den nächsten Jahren zunehmen werden", sagt Schultz.

Schmerzlich erinnern die Winzer etwa das Frühjahr 2017, als es zunächst warm war und die Reben früh austrieben. Doch dann folgten Frostnächte, denen viele Triebe in den Tälern zum Opfer fielen. Die Internationale Organisation für Rebe und Wein meldete damals einen historisch schwachen Jahrgang. Schönlebers Kollegen huschten mit Gebläsen durch die Weinberge, um kalte Luft zu verwirbeln.

Der Winzer hat den Eindruck, dass die Übergangsjahreszeiten hierzulande kürzer werden: Entweder es herrsche Sommer, mit ungewohnter Wärme und Dürrezeiten, oder Frost- und Sturmgefahr. Schönleber sieht auch das historische Niedrigwasser des Rheins im vergangenen Sommer als Indiz dafür: "Bei uns gibt's doch gar kein normales Wetter mehr."

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