Weintrinker sind eher traditionell unterwegs. Egal ob weiß, rot oder rosé, die Flasche muss aus Glas und mit Naturkorken verschlossen sein, auch das Etikett muss was hergeben. Viele Konsumenten sind da wenig flexibel, vor allem, wenn es um das gehobene Preissegment geht. Wer dagegen Wein im Drei-Liter-Tetrapack kauft, muss sich im Supermarkt tief bücken. Ganz unten steht normalerweise das, was günstig ist, weniger Ansprüche an die Qualität stellt und trotzdem gut läuft. Doch auch bei Wein kommt es auf Äußerlichkeiten an, wenn man in der ersten Reihe stehen will.
Wer an diesem Wertesystem rüttelt, muss schon ein bisschen verrückt sein, wenigstens aber risikofreudig. In diese Kategorie fällt wohl auch das Experiment, mit dem ein Wiesbadener Weinimporteur, die Heinz Hein GmbH, derzeit am Start ist: Es geht um Weinflaschen, die hauptsächlich aus Papier bestehen, exakt 82 Gramm schwer und damit deutlich leichter als ihr 750 Gramm schweres Pendant aus Glas. Nach Angaben des Weinhändlers sollen darin drei Weine aus Umbrien abgefüllt und in einzelnen Filialen von Edeka und Rewe verkauft werden, zum Preis von 9,99 Euro. Ein Schnäppchen ist der Wein im Papier-Gefäß also nicht.
Dafür soll die neuartige Verpackung deutlich nachhaltiger sein als andere. In ihrer Zusammensetzung ähnelt die Papierflasche den Verbundkartons, in denen Milch und Fruchtsäfte, aber auch Wein abgefüllt werden. Während ein Tetrapack laut der Deutschen Umwelthilfe aus bis zu sieben Schichten Material besteht - Kunststoffe, Aluminium und Karton - kommen die Papierflaschen mit nur drei Materialschichten aus: einer PET-Folie, einer äußeren Hülle aus bedruckter Pappe, der Verschluss besteht aus Aluminium. Der Vorteil daran: Die Flaschen können leichter recycelt werden. Dafür gab es in diesem Jahr den PAC Global Award für innovative Verpackungen in New York.
Experten streiten sich darüber, was besser ist: Mehrweg- oder Einwegflaschen?
Was am Ende wirklich besser für Umwelt und Klima ist - Mehrweg oder Einweg -, darüber streiten Experten seit Jahren. Eine Papierflasche lässt sich nur einmal befüllen, eine Glasflasche ist wiederverwendbar, unzählige Male. Doch Letzteres ist blanke Theorie. Die meisten Weinflaschen landen nach einmaligem Gebrauch im Glascontainer, ein flächendeckendes Pfandsystem fehlt. Allein 2021 wurden in Deutschland knapp 860 Millionen Flaschen Wein im 0,7-Liter-Format verkauft. Für deren Herstellung werden Quarzsand, Soda und Kalk benötigt. Zwar bestehen neue Glasflaschen zu bis zu 70 Prozent aus Recyclingglas, grüne Flaschen sogar teilweise zu 90 Prozent. Doch der Energiebedarf dafür ist gewaltig. Seit dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine sind die Energiekosten deutlich gestiegen. Das spüren auch die Abnehmer in der Weinbranche.
Die Inhaberin von Heinz Hein, Silvia Miebach, jedenfalls ist vom ökologischen Vorteil der Papierflasche überzeugt. Die alternative Verpackung hinterlasse keinen so großen ökologischen Fußabdruck wie die Glasproduktion, die allein viel Wasser verbrauche, betont sie. Wegen des geringeren Gewichts vermindere sich außerdem der Treibstoffverbrauch beim Transport. Und wenn das Papierflaschen- Experiment doch schiefgehen sollte, als kostenlose Reklame taugt es allemal.

