Silicon Beach:Wo ist mein Weihnachtsgeschenk?

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Silicon Beach: Illustration: Bernd Schifferdecker

Illustration: Bernd Schifferdecker

Die anfällige globale Lieferkette dürfte der Grund dafür sein, dass viele Weihnachtsgeschenke nicht rechtzeitig ankommen werden - überraschenderweise profitieren einige Firmen genau davon.

Von Jürgen Schmieder

Wo ist mein Weihnachtsgeschenk? John Healey ist ein erwachsener Mann, und doch stellt er diese Frage mit kindlicher Furcht. Er ist Autor bei der Los Angeles Times, er ist Brettspiel-Aficionado, und er wollte, wie so viele Leute derzeit, ganz einfach wissen: Wo ist das Produkt, das ich bestellt habe und unter den Christbaum legen will? Er startete ein faszinierendes Experiment, das einem deutlich vor Augen führt, wie anfällig die globale Lieferkette derzeit ist, und das symbolisch steht für die komplette Branche. Es zeigt in Verbindung mit ein paar anderen Zahlen aber auch, dass Firmen profitieren, von denen man glaubte, dass sie leiden würden.

Healey hat das Brettspiel Wingspan gewählt, es hätte auch Tech-Spielzeug sein können oder ein Teddybär. All das wird im chinesischen Shenzhen produziert, und die Probleme beginnen dort: Die Produktion dieses Spiels dauert vier Wochen länger als die üblichen drei Monate, zum einen wegen Covid-bedingter Einschränkungen, zum anderen wegen Regulierungen der Regierung. Das allein wäre zu verschmerzen; das wahre Problem jedoch ist, dass es am Hafen von Shenzhen kaum Container gibt, in die man das Spiel verladen könnte.

Das wiederum liegt daran, dass sich diese Container etwa auf einem der 100 Schiffe befinden, die derzeit vor den Häfen in Los Angeles im Pazifik liegen - oder dort darauf warten, vom Truck eines Logistikunternehmens abtransportiert zu werden. US-Präsident Joe Biden kann anordnen, dass rund um die Uhr gearbeitet wird, er kann allerdings keine Lastwagen herzaubern. Verzögerung am chinesischen Hafen: mehrere Wochen. Die am Hafen in LA, inklusive Abtransport: bis zu sechs Wochen.

Biden kann keine Trucks herbeizaubern und auch keine Trucker. Dem TV-Sender CNN zufolge fehlen alleine in den USA etwa 80 000 Lastwagenfahrer, um diese Lieferkette zu entlasten; das führt noch einmal zu Verzögerungen von ein paar Wochen. Rechnet man alles zusammen, dann dürfte das Spiel, das Healey gerne unter den Baum gelegt hätte, erst im Mai kommenden Jahres ankommen. Frohe Weihnachten.

Man sollte meinen, dass nun gerade jene Unternehmen jammern, die für Transport verantwortlich sind; doch nun wird es interessant: A. P. Møller-Mærsk, die größte Containerschiffreederei der Welt, dürfte in diesem Jahr 16 Milliarden Dollar Gewinn machen; drei Mal so viel wie 2014, dem bislang besten Geschäftsjahr des Konzerns. Cosco Shipping hat in den ersten neun Monaten des Jahres 12,6 Milliarden Dollar Gewinn erzielt und kürzlich verkündet, den Umsatz im Vergleich zum Vorjahr wohl verdoppeln zu können. Wan Hai Lines hat seinen Gewinn verneunzehnfacht, auf 2,5 Milliarden Dollar. Läuft bei denen - aber warum?

Angebot und Nachfrage haben sich gewaltig verschoben während der Pandemie. Im Jahr 2019 kostete es um die 2000 Dollar, einen Container von China an die amerikanische Westküste zu transportieren. Als im Sommer die globale Lieferkette fragil wurde, stiegen diese Preise auf bis zu 20 000 Dollar pro Container; mittlerweile sind es etwa 15 000. Experten glauben, dass die Preise bis Mitte 2022 wieder sinken werden - derzeit liegen sie aber immer noch beim Siebeneinhalbfachen der Prä-Covid-Zeit.

Die Kunden bezahlen im Voraus, und sie bezahlen eine Strafe an die Reederei, sollten sie die Container nicht zeitnah vom Hafen abholen - und vor allem: wieder leer zurückbringen. Das bedeutet: Aufgrund des immensen Preisanstiegs stehen Reedereien nicht so unter Druck, möglichst schnell zu liefern. Das gilt auch für einige US-Firmen an Land: C.H. Robinson Worldwide, eine der größten Logistikfirmen der Welt, hat in den ersten neun Monaten dieses Jahres einen Gewinn von 614 Millionen Dollar erzielt; 30 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum im Jahr 2019. "Die Kunden der Logistikfirmen sind verzweifelt, weil die Preise steigen und die Produkte nicht ankommen", sagt Christopher Tang, Professor an der UCLA School of Management und Experte für Lieferketten: "Große Logistikfirmen dürften heimlich recht glücklich sein."

Wo ist mein Weihnachtsgeschenk? Auf einem Schiff im Pazifik oder in einem Lastwagen zwischen Los Angeles und Chicago vielleicht. Wer das seinen Kindern erklären will, der sagt vielleicht: Auf dem Weg vom Nordpol zum Schornstein - doch kann es sein, dass der Hersteller vom Schlitten des Nikolaus gar nicht mal so unglücklich ist darüber, wenn es erst nach Weihachten ankommt.

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