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IW-Studie:Bis zu 30 Prozent weniger CO₂

Grün erzeugter Wasserstoff kann das Klima schützen, wo es Ökostrom allein nicht vermag. Am Beispiel des Ruhrgebiets haben Forscher nun berechnet, wie viel CO₂-Emissionen das einsparen könnte.

Von Benedikt Müller-Arnold, Düsseldorf

Erneuerbare Energie ist die Voraussetzung dafür, dass Europa bis 2050 klimaneutral werden kann: Ökostrom ersetzt Kohlekraft, treibt Elektroautos an, Wärmepumpen heizen Häuser. Doch mancherorts reicht Strom nicht aus. Seien es Flugzeuge, die viel zu schwere Batterien brauchen würden, sei es ein Stahlwerk, das große Hitze benötigt. Solche Branchen dürften künftig viel mehr Wasserstoff verbrennen. Dies schont das Klima, wenn das "H₂" mit viel Ökostrom aus Wasser gewonnen wird.

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat nun berechnet, welchen Beitrag "grüner" Wasserstoff zum Klimaschutz leisten könnte - am Beispiel des Ruhrgebiets und im Auftrag des Regionalverbands Ruhr. Denn der Pott hat nicht nur fünf Millionen Einwohner, sondern noch immer viele Kraftwerke und Stahlhütten, Raffinerien und Chemiefabriken. Sie stießen 2018 gut 83 Millionen Tonnen CO₂ aus. Das ist fast ein Zehntel aller CO₂-Emissionen Deutschlands.

Das IW betrachtet verschiedene Szenarien, darunter auch das Ziel der EU, den Ausstoß bis 2050 so gut wie vollständig zu senken. Die Forscher rechnen eine Welt durch, in der Wasserstoff je nach Bedarf vor Ort erzeugt wird - und alternativ ein Szenario mit großen Elektrolyseuren und Pipelines. Je nachdem könnte allein der Wasserstoff-Einsatz die jährlichen CO₂-Emissionen des Potts um 19,5 bis 25,5 Millionen Tonnen senken, so das IW.

Die Forscher gehen etwa davon aus, dass Stahlwerke Eisenerz künftig mit Wasserstoff statt mit Kohle zu Eisen verarbeiten werden. Dies plant die Branche tatsächlich, es würde freilich zunächst Milliarden kosten. Auch nimmt das IW an, dass Raffinerien "grünen" Wasserstoff einsetzen werden, statt das H₂ klimaschädlich aus Erdgas herzustellen. Und sie gehen davon aus, dass Wasserstoff wenigstens zu Teilen in Heizungen und im Verkehr zum Einsatz kommen wird. Das jedoch ist freilich umstritten, da mehr und mehr Gebäude eben auch mit Wärmepumpen und Ökostrom heizen können - und Pkw und leichte Nutzfahrzeuge batteriebetrieben fahren können.

Der "CO₂-Kompass" des IW verdeutlicht daher auch: Wasserstoff allein reicht nicht, damit Regionen klimaneutral werden. Es braucht auch Ökostromanlagen, die etwa Kohlemeiler ersetzen. Oder Gebäudesanierungen, die den Energiebedarf senken.

Die Bundesregierung will der Wasserstoffwirtschaft mit bis zu neun Milliarden Euro auf die Beine helfen

Zudem birgt die Studie eine schlechte Nachricht: "Derzeit sind die Erzeugung und Nutzung von Wasserstoff aus erneuerbaren Energien noch nicht wirtschaftlich", konstatieren die Autoren. Tatsächlich ist es bislang deutlich billiger, das H₂ klimaschädlich aus Erdgas zu gewinnen. Hoffnung besteht darin, dass Wasserstoff-Technologien in den kommenden Jahren deutlich effizienter und günstiger werden könnten - ähnlich wie es etwa Solarzellen geworden sind. Darauf hofft auch die Bundesregierung. Sie will der Wasserstoffwirtschaft mit bis zu sieben Milliarden Euro Förderung auf die Beine helfen. Zudem sieht ihre Wasserstoff-Strategie vor, dass der Staat internationale Partnerschaften mit weiteren zwei Milliarden Euro fördert.

Zurück im Ruhrgebiet grassiert freilich noch eine ganz andere Sorge: Die CO₂-Bilanz der Region ließe sich ja auch verbessern, indem Industrien mit hohen Emissionen auf dem Weltmarkt verdrängt oder ihre Fabriken ins Ausland verlagern würden. Das Risiko ist real. "Einfacher Stahl wird heute in China gekocht", so die IW-Autoren. Sie sprechen sich dafür aus, lieber klimafreundliche Technologien im Inland zu fördern. Weltweit wäre die Klimakrise nicht gelöst, wenn energieintensive Industrien sich ins Ausland verlagerten, so die Forscher, "sondern im Gegenteil eher noch verschärft".

© SZ/vit
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