Wasserstoff:Erst grau und blau, dann grün?

Lesezeit: 2 min

NRW Wirtschaftsminister Prof. Dr. Andreas Pinkwart stellt die Wasserstoff Roadmap vor Aktuell; Duesseldorf, 09.11.2020,

Andreas Pinkwart, NRW-Wirtschaftsminister, setzt große Hoffnungen in Wasserstoff.

(Foto: via www.imago-images.de/imago images/Political-Moments)

Nordrhein-Westfalen, das größte Industrie-Bundesland, setzt auf Wasserstoff, damit Fabriken und Flugzeuge klimaneutral werden können. Doch noch haben die Pläne mehrere Haken.

Von Benedikt Müller-Arnold, Düsseldorf

Klimaneutral bis 2050, so lautet das Ziel der EU, doch der Weg dorthin ist knifflig. Während Elektroautos Ökostrom tanken und Wärmepumpen Häuser heizen können, müssen andere Bereiche bislang fossile Ressourcen verbrennen: Flugzeuge brauchen Kerosin, Stahlwerke viel Kohle, Chemiefabriken Öl und Gas. Sie alle emittieren Treibhausgase.

Sogenannter grüner Wasserstoff ist vielfach der Ausweg; er wird mit viel Ökostrom aus Wasser gewonnen. Deutschlands größtes Industrieland Nordrhein-Westfalen will die Anwendung nun stark ausbauen. "Wasserstoff bietet aus unserer Sicht enorme Chancen für den Klimaschutz", sagt Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP).

Beispielsweise setzt das Land darauf, dass der Stahlkonzern Thyssenkrupp bis 2025 eine erste Großanlage bauen wird, die Eisenerz nicht mit Kohle, sondern mit Wasserstoff verarbeiten soll. Auch die Shell-Raffinerie in Köln soll erste klimaneutrale Kraftstoffe und Chemikalien produzieren. NRW plant zudem mit Brennstoffzellen, die bis 2025 Hunderte Busse und Lkws antreiben sollen.

Allerdings kommen die Pläne nicht ohne Fußnoten aus. So werde das Land in Zukunft fünf- bis sechsmal so viel Wasserstoff benötigen wie heute. Mangels Ökostrom werde NRW diesen Bedarf zu bis zu 90 Prozent importieren müssen. "Das muss uns gar nicht überraschen", beschwichtigt Pinkwart, man importiere ja auch heute Gas, Kohle oder Öl.

Doch woher nehmen? NRW setzt zum einen auf Elektrolyse nahe der deutschen, niederländischen oder belgischen Küste. Zum anderen knüpfe Deutschland Partnerschaften mit sonnenreichen Staaten, etwa in Arabien. Man könne Wasserstoff "aus verschiedenen Himmelsrichtungen" beziehen, sagt Pinkwart. Diese Konkurrenz ermögliche wettbewerbsfähige Preise.

Daher fordern die Energieminister der Länder, dass Wasserstoffleitungen - beispielsweise von der Küste ins Ruhrgebiet - Teil des öffentlich regulierten Gasnetzes werden sollten. So hätten die Betreiber zwar planbare Einnahmen. Allerdings müssten dann alle Gas-Kunden die Wasserstoff-Pipelines über die Netzentgelte finanzieren. Der Bund hat darüber noch nicht entschieden.

Zudem sprechen sich Pinkwart und der Bund dafür aus, dass Erzeuger "grünen" Wasserstoffs keine EEG-Umlage zahlen sollten. Dagegen argumentieren Umweltschützer, dass sich gerade große Stromverbraucher am Ausbau der Erneuerbaren beteiligen müssten.

Und was tun, wenn der Bedarf an "grünem" Wasserstoff das Angebot übersteigt? Pinkwart wirbt für Pragmatismus: Man könne mit sogenanntem grauen Wasserstoff, klimaschädlich gewonnen aus Erdgas, beginnen sowie mit "blauem" Wasserstoff, dessen CO₂-Emissionen in der Herstellung abgeschieden und gespeichert werden. Hauptsache, der Wasserstoff werde bis 2050 "grün", so Pinkwart: "Bis dahin brauchen wir vor allem schnell Wasserstoff."

Erzeugung und Anwendung "grünen" Wasserstoffs könnten bis zu 130 000 Arbeitsplätze in NRW sichern oder neu schaffen, argumentiert der Minister: "Wenn sich jetzt BP oder Shell nicht umstellen oder auch der Stahl nicht umstellt, dann ist er auf Dauer hier nicht wettbewerbsfähig."

Der Landesverband Erneuerbare Energien (LEE) kritisiert indes, dass NRW die Wasserstoffproduktion vor Ort vernachlässige: "Statt so viel wie möglich selbst zu machen, verlässt sich die NRW-Landesregierung darauf, dass es schon andere Länder richten werden", moniert LEE-Chef Reiner Priggen, "mitunter auch solche, die es mit Menschenrechten nicht so genau nehmen".

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