Wasserpark in Rust:Wie Mallorca, nur ohne Wetter

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Am Europa-Park eröffnet ein riesiges Hallenbad. Die Besucher sollen so künftig auch im Winter ins badische Rust kommen, am liebsten gleich für ein paar Urlaubstage. Und ins Ausland strebt die Betreiberfamilie Mack jetzt auch noch.

Von Stefan Mayr, Rust

Roland Mack stapft mit blau-weißen Schuh-Überziehern aus Plastik über die grauen Fliesen seines neuen Riesen-Hallenbads. "Thomas, die stehen da nicht schön", sagt er zu seinem Sohn, "das geht so nicht". Der strenge Blick des Vaters fällt durch seine runde Brille auf zwei Sitzgruppen, die ihm nicht gefallen. Kurz vor der Eröffnung des Wasserparks "Rulantica" im badischen Rust begutachten der 70-Jährige und sein Sohn Thomas, 38, die fünf Fußballfelder große Halle. Mehr als 180 Millionen Euro hat der Neubau zusammen mit dem benachbarten 1300-Betten-Hotel gekostet, da muss jedes Detail sitzen. An diesem Donnerstag wird die Rutsch- und Planschwelt in Nachbarschaft zum Freizeitpark Europa-Park eröffnet.

Die Rutschen bieten teilweise sogar Platz für eine vierköpfige Familie. (Foto: oh)

Das Projekt ist die größte Einzelinvestition in der Geschichte der Firma Europa-Park, die Inhaberfamilie Mack geht ins Risiko und zeigt damit zweierlei: Sie will ihren Betrieb zu einem Ganzjahresziel ausbauen, der unabhängig von schönem Wetter Gäste anlockt. Zudem sollen die Besucher künftig länger bleiben als bisher nur eine Nacht. Das Familienunternehmen treibt seine Expansion überhaupt gerade voran. Inzwischen auch im Ausland.

Der Europa-Park ist mit 6000 Betten Deutschlands größter Hotelstandort

Was anno 1780 als Ein-Mann-Werkstatt für Kutschen im nahen Städtchen Waldkirch begann, ist heute ein Entertainment-Konzern mit 5000 Mitarbeitern - und schätzungsweise einer halben Milliarde Euro Jahresumsatz. Der Europa-Park in Rust ist mit 6000 Betten Deutschlands größter Hotelstandort und auch der umsatzstärkste Gastronomiebetrieb der Republik. In 83 Restaurants - von der Fastfood-Bude bis zur Gourmet-Küche mit zwei Michelin-Sternen - verspeisen die Besucher pro Jahr mehr als 500 Tonnen Pommes. Fortan sollen Fritten und Euros aber nicht nur an schönen Sommertagen über den Tresen gehen. Sondern über das ganze Jahr hinweg. "Unsere Vision ist es, das Einzugsgebiet zu vergrößern", sagt Roland Mack, "deshalb wollen wir mehr bieten als nur einen Tag". Derzeit bleibe ein Gast im Durchschnitt 1,4 Tage in Rust, sagt Thomas Mack. "Unser Ziel sind zwei Nächte und drei Tage." Und irgendwann die ganze Woche. Mit Ausflügen in den Schwarzwald, ins Elsass, nach Straßburg. Oder auch zum nahen Golfplatz, bei dem die Macks längst Hauptaktionär und Namensgeber sind. "Außerdem könnten weitere Abend-Events in unserer Arena kommen", sagt der Senior-Chef.

Das Wellenbad mitsamt künstlichem Strand darf im neuen Wasserpark natürlich nicht fehlen. (Foto: oh)

Der wetterfeste Europa-Zweitpark als erster Schritt in Richtung Ersatz-Mallorca. Ganz ohne Flugscham. Allerdings braucht so ein Mega-Hallenbad auch viel Energie, das Blockheizkraftwerk mit seinem dampfenden Schornstein beweist das. Und Umweltschützer kritisieren die Versiegelung der einstigen Ackerfläche und den zusätzlichen Autoverkehr.

Andererseits entstehen im Rulantica zusätzliche Arbeitsplätze. Der Europa-Park wurde im Jahr 1975 von Roland Mack und seinem Vater Franz gegründet - als Schaufenster für das damalige Kerngeschäft, die Produktion von Fahrgeschäften. Heute baut die Tochter Mack Rides nicht nur Achterbahnen für den Europa-Park, sondern auch für die Universal Studios und all die Disney-Welten und Legoländer dieser Welt. Ein klassischer versteckter Weltmarktführer; Jeder Freizeitpark- und Volksfestbesucher saß wohl schon in einem Gefährt, das Mack Rides entwickelt, gebogen und zusammengeschweißt hat.

Roland Mack hat den Europa-Park in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut, nun zieht er sich langsam aus dem Tagesgeschäft zurück. (Foto: oh)

Beim Betrieb von Schwimmbädern haben die Macks dagegen keine Erfahrung. Deshalb holten sie sich einen Experten, der in den USA schon mehrere Wasserparks gestaltet hat. Gemeinsam stellten sie eine muschelförmige Halle auf die grüne Wiese, in der 3500 Badegäste gleichzeitig Platz haben. Für sie stehen 2200 Liegestühle bereit, 17 Wasserrutschen, drei Strömungskanäle mit verschiedenen Geschwindigkeiten, zwei Wasserbars, ein Wellenbad, ein Außenbereich sowie ein Planschbereich für die ganz Kleinen. Besonders Betuchte können eine Luxus-Hütte mit Balkon buchen - mit Kühlschrank und Sofa, mit Speisekarte und Service-Knopf. Der Spaß kostet 290 Euro Aufpreis zum ohnehin schon stattlichen Tagespreis.

Das Rulantica ist unabhängig vom Europa-Park, auch die Eintrittskarten müssen getrennt gekauft werden. Mack hofft auf etwa 700 000 Badegäste im Wasserpark pro Jahr - zusätzlich zu den mehr als 5,6 Millionen Besuchern, die den Europa-Park zum zweitgrößten Freizeitpark nach Disneyland Paris machen.

Den Namen Rulantica hat Spezialist Manfred Gotta entwickelt, der auch schon Kunstworte wie Panamera, Twingo oder Evonik erfunden hat. Eine tiefere Bedeutung hat Rulantica nicht - es ist eine Mischung aus Rust und Atlantik. Wer will, kann aber auch den Vornamen des Firmenpatriarchen Roland herauslesen. Wie auch immer, mit dem Bad hat er sich das zweite Denkmal gesetzt.

Was es im Rulantica nicht gibt: Ein Sportbecken und Bahnen zum Schwimmen. Und Papageien und Palmen. Auf tropische Elemente haben die Macks bewusst verzichtet, um sich von anderen Anbietern abzugrenzen. Stattdessen stehen, tanzen und hängen überall Trolle und Feen und jede Menge Drachen. Die Gäste sollen sich fühlen wie in einer nordischen Sagenwelt. Das geht schon im Hotelfoyer los, wo ein riesiges Drachenskelett an der Decke hängt. Auf eine zeitnahe Erweiterung des Areals darf schon jetzt gewettet werden: Genehmigt sind 45 Hektar, davon ist bislang "nur" ein Drittel bebaut. Ein Wellness- und Sauna-Bereich sowie weitere Hotels dürften in den nächsten Jahren noch kommen.

17 Wasserrutschen sind über den Park verteilt, Badefans können sie mit oder ohne Reifen benutzen. (Foto: oh)

Wie viel Gesamtumsatz der Mack-Konzern macht, gibt die Familie nicht preis. Es dürften um die 500 Millionen Euro sein. Ganz nebenbei expandiert der Familienkonzern still und leise weit über Badens Grenzen hinaus: Ein Animationsstudio in Hannover und eine Virtual-Reality-Werkstatt in Kaiserslautern gehören nun dazu.

Ein Tochterunternehmen ist zur Zeit auch im Londoner Hyde Park aktiv

Und seit einer Woche ist ein Tochterunternehmen erstmals beim Winter Wonderland im Londoner Hyde Park präsent. "Paddington on Ice" heißt die Eis-Revue, die fünfmal am Tag aufgeführt wird. Produziert von der Blue Banana Entertainment, einer hundertprozentigen Europa-Park-Tochter. "Wir haben bewusst einen Namen gewählt, der nicht nach Europa-Park klingt", sagt Thomas Mack, "damit auch andere Parks wie Disneyland unsere Shows buchen."

Auf dem Papier ist der Diplom-Hotelier zusammen mit seinem Bruder Michael (41, Diplom-Betriebswirt) Geschäftsführer des Konzerns. Vater Roland hat sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Im Oktober feierte er seinen 70. Geburtstag, aber wer ihn beim Rundgang durch Rulantica erlebt, erkennt sofort: Der Mann hat nach wie vor die Fäden in der Hand.

Auf seinem kreativen Expansions-Trip kam er unlängst auf die Idee, eine Seilbahn von Rust bis nach Frankreich zu bauen. Als Völker verbindendes Element, das sein Freizeitimperium quasi bis ins Nachbarland erweitern würde. Frankreich Präsident Emmanuel Macron zeigte sich via Twitter begeistert. Aber Umweltfreunde wehrten sich, weil die Trasse ein Naturschutzgebiet überqueren würde. Mack hat seine Pläne daraufhin zunächst auf Eis gelegt. Er hatte ja auch genügend andere Dinge zu tun. Zumal 2018 ein Teil des Europa-Parks abbrannte. "Man steht daneben und sieht einen Teil seines Lebenswerkes wegbrennen", erzählt er, "das war ein Albtraum". Inzwischen ist aber fast alles wieder aufgebaut. Wer Mack kennt und hört, weiß: Die Expansion wird weitergehen.

© SZ vom 28.11.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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