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Waschnüsse:Sauberes Gewissen

Weil öko-bewusste Besserverdiener aus Europa selbst mit ihrer schmutzigen Wäsche noch Gutes für die Umwelt tun wollen, wird die indische Waschnuss zum knappen Gut. Der Preis explodiert.

Sie ist etwas größer als eine Haselnuss, aber nicht ganz so voluminös wie eine Walnuss, und ziemlich schrumpelig: die Waschnuss. Völlig unspektakulär kommt die Frucht des Waschnussbaumes (Sapindus mukorossi) daher, doch hinter der rauen Schale steckt das begehrte Saponin, eine seifenähnliche Substanz, völlig pH-neutral und von der Umwelt leicht abbaubar. In Indien galt die Waschnuss aus Mangel an Alternativen lange Zeit als das Reinigungsmittel schlechthin - nicht nur für die Wäsche, sondern auch für die Haarpflege.

Die Waschnuss macht's möglich: Die Wäsche wird sauber, und die Umwelt freut sich auch.

(Foto: Foto: Jan Becker, sueddeutsche.de)

Weil öko schick ist und alle, die zumindest ein bisschen was auf sich halten, für Bio-Produkte gerne den doppelten Preis wie für konventionell hergestellte Waren zahlen, war der Siegeszug der asiatischen Waschnuss nur eine Frage der Zeit.

In etlichen Waschmitteldosen umweltbewusster Haushalte hat die unscheinbare Frucht längst einen Stammplatz - und nicht nur alternativ angehauchte Mütter waschen ihre Baumwoll-Babywäsche mit den Schalen der importierten Nuss.

Und genau das ist das Problem der derzeit so trendigen Waschnuss: Weil immer mehr Bundesbürger ihr Gewissen reinwaschen wollen, ist der Preis für das Importgut deutlich nach oben geschossen.

Kostete ein Kilo indische Waschnüsse vor rund drei Jahren den deutschen Importeur im Einkauf noch zwischen 1,80 und zwei Euro, so zahlt er derzeit mit gut 3,50 Euro fast das Doppelte.

"Die Wäsche wird viel weicher"

Im Exportland Indien verkommt die Nuss zum knappen Gut: Seit 2003 hat sich der Verkaufspreis versechsfacht, Ende 2007 lag er bei 60 Rupien (rund ein Euro), berichten Marktbeobachter. Viele Einwohner des Schwellenlandes können sich die Waschnuss inzwischen einfach nicht mehr leisten.

"Viele Händler sind auf den fahrenden Zug aufgesprungen", sagt Frank Otto, der im sächsischen Leisnig eine Handelsvertretung betreibt. Inzwischen gebe es die Waschnuss sogar bei den Discountern Aldi und Lidl. Otto selbst ist vor rund vier Jahren in das Geschäft mit der Waschnuss eingestiegen - und seitdem ein echter Waschnussfan und -profiteur in Personalunion. "Die Wäsche wird viel weicher", schwärmt er.

Lesen Sie weiter, warum die Waschnuss die Deutsch-Indische Handelskammer in Rage bringt

Sauberes Gewissen

Auf den Wochenmärkten der Region gibt's bei ihm das Kilo Waschnuss für 12,50 Euro. Wer im Internet bestellt, kommt bei Otto günstiger davon: 9,90 Euro kosten aktuell 1000 Gramm Waschnüsse, deren Schalen nach dem Knacken in einem Baumwollsäckchen oder in einer ausrangierten Socke einfach mit in die Waschtrommel gegeben werden. Dass die Waschnuss nicht nur für eingefleischte Ökos in Birkenstocks taugt, beweist das hochpreisige Warenhaus Manufactum. "Waschen mit der Urseife", wirbt es - und verlangt für ein Kilogramm geknackte Waschnussschalen 25 Euro.

Je nach Waschtemperatur reichen fünf bis sieben halbe Waschnussschalen (oder wahlweise zwei gehäufte Teelöffel Waschnusspuder) sogar für zwei Wäschen, allerdings gilt das nur für Temperaturen bis 60 Grad - bei höheren Temperaturen sind die Schalen jedoch nach einmaliger Wäsche verbraucht. Wer's mag, gibt noch pflanzenneutrales Bleichmittel gegen Flecken oder Düfte wie Lavendel hinzu.

Sud gegen Schädlinge

Nach dem Waschen werden die Schalen - natürlich - auf dem Kompost entsorgt, und selbst aus dem Sud lässt sich noch was machen. "Seine antibakterielle und fettlösende Wirkung eignet sich für vielerlei Anwendungen rund um die Körper- und Haushaltsreinigung", heißt es auf www.billiger-waschen.de. Lästige Schmarotzer wie Pilze und Blattläuse von Zimmer-, Balkon- und Gartenpflanzen lassen sich mit der abgekühlten Brühe vertreiben.

Obwohl das unabhängige Verbraucherportal "Öko-Test" schon vor Jahren nachgewiesen hat, dass die Leistung der Waschnuss "alles andere als überzeugend" war, verbreiten echte Anhänger wahre Lobeshymnen im Netz. Gelobt wird die Ergiebigkeit der Frucht, aber auch deren Vielseitigkeit.

"Wolle und Seide lassen sich hervorragend damit waschen", lobt eine Verbraucherin im "Öko-Test-Forum" - um nur wenig später nachzuschieben, dass selbst das Reinigungsgerät von der natürlichen Waschmittelwahl profitiert. "Die Waschmaschine ist seit der Nutzung der Waschnüsse viel sauberer und ohne Schmutzschmierfilm, den ich bei normalem Waschmittel immer hatte", wird dort fabuliert.

Der Hype um das indische Waschmittel, mit dem öko-bewusste Deutsche neben ihrer Wäsche zugleich das Gewissen beruhigen wollen, bringt Dirk Matter von der Deutsch-Indischen Handelskammer in Düsseldorf hingegen mächtig in Rage. Von der indischen Waschnuss gelange nur eine kleine Menge nach Deutschland, um dort im Luxus-Markt an den Mann und an die Frau gebracht zu werden. Entgegen der allgemein verbreiteten Annahme "nimmt in Indien keiner die Waschnuss", sagt er. Das Gegenteil sei seiner Meinung nach der Fall: "Die meisten Inder waschen wie wir mit Waschpulver - teilweise mit ultra-aggressiven Bleichmitteln." Denn wirklich sauber werde mit Waschnuss gewaschene Wäsche nicht.

© sueddeutsche.de/hgn
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