Wall-Street-Broker Ted Weisberg Im Moloch des Mammons

Der Club war die "letzte Bastion des Kapitalismus" - mit diesem Slogan warb der exklusive Verein, als er 1898 von Aktienhändlern, Investoren und Industriellen gegründet wurde. Er sollte, so steht es in der Satzung, als "ruhiger, würdevoller Rückzugsort" dienen.

Die Händler durften damals nicht auf dem Parkett essen, und so lief um die Mittagszeit ein Botenjunge durch die Menge und rief: "Lunchtime!" Also schön: schieben, drücken, rempeln - um noch einen der begehrten freien Plätze zu erwischen.

Aber schnell sein allein genügte nicht: Wer keinen Anzug und Krawatte trug, kam nicht rein; Frauen mit "nackten Armen" wurden von den Kellner abgewiesen. Im Club tafelten Finanzgrößen wie John P. Morgan, Andrew Carnegie oder Aktienhändler wie John "Black Jack" Bouvier, der Vater von Jacky Kennedy Onassis.

"In den Achtzigern ging es gemütlicher zu"

Die Kellner balancierten Silbertabletts mit Austern, Champagner oder Tomaten-Klaffmuschel-Saft durch den protzigen Club. Am Nachmittag stahlen sich Trader vom Parkett hierher, um einen Gin Tonic zu trinken oder sich kurz hinzulegen.

Heute trinkt, liegt, steht hier niemand mehr. Heute kann keiner mal schnell weg vom Parkett. Keine Minute. In dieser Minute könnte sich die Welt verändern. So wie am 15. September 2008, als die einst legendäre New Yorker Investmentbank Lehman Brothers pleite ging.

Ted Weisberg isst mittags ein Sandwich. Auf dem Parkett. Im Stehen. Gerne eines mit Erdnussbutter und Marmelade. Im Luncheon Club ist er sehr lange nicht mehr gewesen. Keine Zeit.

"In den Achtzigern ging es gemütlicher zu. Aber ich will mich nicht beklagen", sagt er. Weisberg ist kein sentimentaler Typ. Als Broker kommt man da nicht weit. Das Ende des Clubs trifft ihn nicht besonders. War gut, war schön, war geil. That's it.

Jetzt ist Krise. Wahnsinn. Absturz. Vielleicht, sagt Ted Weisberg, vielleicht muss ich doch bald raus hier. Sagt er und erzählt vom vergangenen Dienstag, als er mal wieder in Harry's Bar am Hanover Square vorbeischaute, gleich bei der Börse ums Eck.

Was er dort sah, gefiel ihm nicht: ernste Gesichter, voller Sorge, voller Angst. Früher, sagt Ted Weisberg, früher waren wir Gegner auf dem Parkett, aber nach Börsenschluss waren wir Freunde.

Die Händler feierten in Harry's Bar, ließen dort den am Tag aufgestauten Dampf ab. Die jungen Aufsteiger, die alten Etablierten, sie alle waren eine Gemeinschaft, die stolz auf das war, was sie tat. Und heute: Geld ausgeben, gut Essen, gut Feiern, ab und zu einen Joint? "Alles passé", sagt Ted Weisberg. Alles passé. Tristesse monétaire.

Keiner hat Antworten

Das Geld, die Arbeit, das Glück - dieser Dreiklang war der Lebensinhalt von Wall-Street-Händlern wie Weisberg. Arbeit ist noch da, Geld und Glück sind weg, aus, vorbei.

Es ist schon erstaunlich, sagt Ted Weisberg, wie auf einen Schlag alles nicht mehr so ist, wie es einmal war. In seinem Leben gab es schon zwei dieser Momente: seine Scheidung und Nine Eleven. Jetzt passiert es ein drittes Mal: Nichts ist mehr so, wie es einmal war.

Am Abend will sich Weisberg mit Kunden treffen. Sie wollen Steaks essen. Und übers Segeln plaudern. Über Strömungen, Wellen und den Wind. Die Krise spült jeden Tag neue schlechte Nachrichten in die Stadt, die niemals schlafen will.

Wann es endlich wieder good news geben wird, werden die Kunden Ted Weisberg fragen. Er wird ihnen nicht antworten. Er wird mit den Schultern zucken. Was soll er auch sagen? Keiner weiß die Antwort. Keiner.

Bevor Weisberg die Kunden trifft, geht er nochmal in sein Büro, im 31. Stock, 60 Broad Street, New York. Er geht zum Fenster und blickt aufs Meer, als suchte er etwas. Einen Gedanken. Eine Antwort. Irgendwas. Egal was.