bedeckt München 30°

Waffenindustrie:Firmenchefs sind die neuen Wächter der Werte

South Florida Gun Show

Szene auf der South Florida Gun Show: Nun versucht die Wirtschaft, den US-Waffenkult einzudämmen.

(Foto: AFP)

Da die US-Politik dabei versagt, den Waffenkult der Amerikaner einzudämmen, springt nun die Wirtschaft ein. Das ist verdienstvoll - doch es gefährdet die Grundprinzipien der Demokratie.

Kommentar von Kathrin Werner, New York

Harte Zeiten für die Waffenlobby: Die First National Bank of Omaha gibt die "offizielle Kreditkarte der NRA" nicht weiter heraus; es sieht so aus, als fänden sich keine Sponsoren für das Jahrestreffen der Waffenbrüder; Fluglinien wie United oder Delta und der Autoverleiher Hertz schaffen ihre Rabatte für Mitglieder der NRA ab. Da die Politik offenbar versagt, den Waffenkult der Amerikaner einzudämmen, springt nun die Wirtschaft ein.

Dabei galt doch in den USA lange Zeit das Credo des liberalen Ökonomen Milton Friedman: Die soziale Verantwortung von Unternehmen besteht darin, ihre Gewinne zu steigern. Inzwischen scheint es besser für den Profit zu sein, sozialer Verantwortung gerecht zu werden. Einige Unternehmen agieren damit mittlerweile mehr im Sinne der US-Bürger als deren Präsident: In Umfragen spricht sich eine Mehrheit der Amerikaner für schärfere Waffengesetze aus. Und die Zahl der Waffenbesitzer in den USA sinkt seit Jahrzehnten. So hat die NRA zwar noch fünf Millionen Mitglieder, doch sie sind eine Randgruppe - in den USA leben mehr als 320 Millionen Menschen.

Geschäfte mit der NRA sind daher schlecht fürs Image, in einer Zeit, in der sich Protestaktionen und Boykottaufrufe in sozialen Medien rasant verbreiten. Anders als die Politik, die sich Nischeninteressen beugt, besonders wenn sie mit Wahlkampfspenden verbunden sind, müssen Unternehmen die Massen für sich gewinnen; sie wollen ja etwas verkaufen.

So fällt ihnen plötzlich die Rolle zu, Wächter der Werte zu sein. Nachdem Donald Trump Muslime an der Einreise hindern wollte, protestierten die Firmenchefs aus dem Silicon Valley. Als North Carolina ein Gesetz schuf, das transsexuelle Frauen auf die Männertoilette schickte, beendete der Bezahldienst Paypal seine Expansionspläne in dem Bundesstaat. Als Trump nicht gegen Nazi-Aufmärsche Stellung bezog, wandten sich so viele Konzernchefs von ihm ab, dass er zwei Beratergremien auflösen musste.

Die Bürger finden in der US-Politik keine verlässlichen Partner mehr

Vor allem die Geldbranche, die gern von ethischen Investments und sozialer Verantwortung spricht, hat mehr Macht über die Waffenindustrie als jeder Politiker. Wenn Kreditkartenfirmen und Banken verkünden, dass ihr Geld nicht mehr für Waffenkäufe verwendet werden darf, wird es bald keine Waffenkäufe mehr geben. Bezahldienste wie Paypal, Square und Apple Pay haben das bereits entschieden. Der weltweit größte Vermögensverwalter Blackrock hat bei den Waffenherstellern angemahnt, dass sie ihre Firmenpolitik überdenken.

Dass es dazu gekommen ist, ist ein Offenbarungseid für die amerikanische Politik. Weil sie über Jahrzehnte nicht in der Lage war, die Mehrheitsmeinung der Amerikaner, Waffenkäufe zu beschränken, in Gesetze zu gießen. Und weil nun Unternehmen ohne jegliche politische Legitimation Politik machen. Aber anscheinend sehen Bürger die Wirtschaft inzwischen als den verlässlicheren Partner, um auf die Veränderungen der Gesellschaft zu reagieren.

Die Unternehmenschefs als Ordnungshüter? Natürlich verstößt das gegen die Grundprinzipien der Demokratie. Ihnen das aber jetzt zu verwehren, würde bedeuten, die derzeit letzte handlungsfähige Gegenmacht in den USA auszubremsen. Wenn die Amerikaner jedoch nicht wollen, dass letztendlich das Geld regiert, müssen sich die Politiker nun ihrer Verantwortung stellen.

© SZ vom 27.02.2018/vit

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite