bedeckt München 17°
vgwortpixel

Waffen in den USA:"Mördermaschine"

Vigil Held In Newtown, Connecticut For Las Vegas Shooting Victims

In den USA mahnen Bürger nach dem Anschlag in Las Vegas, welche Folgen die lockere Waffenpolitik hat.

(Foto: Spencer Platt/AFP)

Die Eltern erschossener Kinder haben sich in den USA zusammengetan und klagen gegen den Waffenhersteller Remington.

Es ist immer wieder die gleiche Waffe. Das halb automatische Gewehr Bushmaster AR-15, schwarz, schwer und hergestellt von der Firma Remington, ist die zivile Variante des M16-Maschinengewehrs des US-Militärs. "Soldaten gehen durch mehr als 100 Stunden Intensivtraining und werden gründlich auf psychische Krankheiten untersucht, bevor sie das Gewehr bekommen", sagt Ian Hockley. "Wenn der Hersteller die Bushmaster in den zivilen Markt entlässt, gibt es keinerlei Vorsichtsmaßnahmen. Es ist ihnen völlig egal, was mit den Waffen passiert, sobald das Geld in der Bank ist."

Hockleys Sohn Dylan ist mit einer Bushmaster AR-15 getötet worden. Er war sechs Jahre alt, als der 20-jährige Adam Lanza mit dem Gewehr im Anschlag in die Grundschule Sandy Hook in der Stadt Newtown in Connecticut eingedrungen ist und 20 Erstklässler und sechs Lehrer und Schulverwaltungsmitarbeiter erschossen hat. Fast genau fünf Jahre ist das nun her. Ian Hockley und seine Frau Nicole haben sich zusammengetan mit den Familien von acht weiteren Opfern und einer Lehrerin, die schwer verletzt überlebte. Sie klagen seit Jahren gegen die Firma Remington. In dieser Woche ist der Fall vor dem höchsten Gericht des Bundesstaats Connecticut, dem Supreme Court. "Wir haben unendliche Geduld, dafür zu sorgen, dass Gerechtigkeit geschieht", sagt Hockley. "Wir haben keine Unze Vertrauen verloren in die Berechtigung unserer Klage."

Es wird nicht leicht für die Familien der Opfer gegen den Gewehrhersteller und die mächtige US-Waffenlobby zu gewinnen. Der US-Kongress hat Waffenherstellern im Jahr 2005 mit einem Spezialgesetz fast vollständig Immunität erteilt. Niemand darf gegen sie klagen, wenn mit ihren Waffen Verbrechen geschehen. Es gibt allerdings eine Ausnahme: "fahrlässiges Anvertrauen". Wenn der Waffenkonzern weiß oder wissen müsste, dass der Käufer das Gerät wahrscheinlich in einer Art und Weise verwenden wird, die Menschen verletzt, ist eine Klage möglich.

Die Firma hat den Amokläufer nicht gekannt, aber um ihn geworben, sagen die Kläger

Nun ist es so, dass Remington vor der Tat noch nie etwas von dem jungen, verhaltensauffälligen Waffennarr Lanza gehört hatte. Genauso wenig wie das Unternehmen die Täter kannte, die vor zwei Wochen in einer Kirche in Texas und an diesem Dienstag in einer Schule in Kalifornien mit Bushmaster-Gewehren um sich schossen. Das Argument der Kläger und ihrer Anwälte ist indirekt: Remingtons Werbung richte sich gezielt an Waffenkäufer wie Lanza und die anderen Amokläufer. Darin ginge es nie um Jagd oder sonstige, eher unschuldige Anwendungsmöglichkeiten für die Gewehre, wie von den Verteidigern des Herstellers vor Gericht betont wird. Besonders der militärische Tonfall der Werbung spreche Täter wie Lanza an. Remington preist das Bushmaster AR-15 etwa als "ultimatives Gefechtswaffen-System" an. "Die Kräfte des Widerstands beugen sich nieder", heißt einer der Werbesprüche. "Consider your man card reissued", lautet ein weiterer. Er lässt sich schwer übersetzen, meint aber: Die Waffe ist eine Art Ausweis für die Männlichkeit ihres Besitzers. "Was könnte fahrlässiger sein als das?", fragt Hockley.

Solche Slogans, argumentieren die Kläger und ihre Anwälte, richten sich eben nicht an Menschen, die gern jagen gehen oder sich im Notfall gegen Einbrecher verteidigen wollen. Sie richteten sich an Menschen wie Lanza: jung, männlich, militäraffin, mit Männlichkeitskomplex. "Remington mag Adam Lanza nicht gekannt haben, aber sie haben seit Jahren um ihn geworben", sagte der Opferanwalt Josh Koskoff. "Lanza ist auf ihre Werbung angesprungen." Eine "Mördermaschine", nennen die Kläger das Gewehr, es sei für das Militär entwickelt worden und hätte nie in den öffentlichen Verkauf gehen dürfen - erst recht nicht mit dieser Werbung. Remingtons Verteidiger bestehen dagegen darauf, dass das Gesetz vor einer Klage wie dieser schützt.

Die Familien klagen auch gegen den Zwischenhändler der Bushmaster, Camfour Holding, und das Waffengeschäft Riverview Gun Sales in Connecticut, in dem Lanzas Mutter gemeinsam mit ihrem Sohn das Gewehr gekauft hat, offenbar als Geschenk zu seinem 18. Geburtstag. Lanza hatte kurz vor seinem Amoklauf auch seine Mutter erschossen. Der Waffenladen hat seine Lizenz verloren und ist inzwischen insolvent. Gegen Waffengeschäfte ist die Fahrlässigkeits-Ausnahme im Immunitätsgesetz für die Waffenbranche schon erfolgreich eingesetzt worden, wenn der Verkäufer hätte erkennen können, dass der Käufer die Waffe gegen Menschen richten würde.

Gegen einen Hersteller verfing die Ausnahme noch nie, Kläger haben Werbekampagnen noch nie als Argument angebracht. Die Entscheidung des Supreme Courts in Connecticut fällt demnächst. Sollte das Gericht die Klage zulassen, dürfte sie vor dem höchsten Gericht in Washington landen.

© SZ vom 16.11.2017

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite