Waffen, Drogen, Korruption:Moskau, 19. Dezember 2012

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Kurz vor Jahresende trifft das russische Parlament eine Entscheidung. Sie erinnert an die Zeiten des Kalten Kriegs: Amerikanern ist es nicht mehr gestattet, russische Kinder zu adoptieren. Das Gesetz ist die Antwort auf den sogenannten Magnitskij Act, den US-Präsident Barack Obama fünf Tage zuvor unterzeichnet hat: Verdächtige russische Beamte dürfen von nun an weder in die USA einreisen noch ein Konto bei einer amerikanischen Bank haben. Barack Obama gegen Wladimir Putin, Weltmacht gegen Weltmacht. Große Politik - und auch hier mischen die Taylors mit.

Sergej Magnitskij, nach dem das amerikanische Gesetz benannt ist, war ein junger russischer Anwalt, der den Investmentfonds Hermitage Capital in Moskau vertrat. Ein Blick fünf Jahre zurück.

Am 4. Juni 2007 bekommt Magnitskij einen Anruf seines Chefs. Es ist Montagmorgen und Magnitskij ist noch zu Hause. Der Chef am Telefon ist besorgt: Dutzende Beamte des russischen Innenministeriums, erzählt er, filzen die Büros der Investmentfirma. Angeblich suchen die Behörden nach Informationen über einen Anleger. Sie beschlagnahmen sämtliche Computer und Server, zwei Transporter voller Akten, dazu Stempel und Gründungsdokumente von 20 Hermitage-Töchtern. In Russland hat man mit diesen Unterlagen dieselbe Macht wie der Unternehmenseigner, auch wenn einem die Firma gar nicht gehört.

Wenige Wochen nach der Durchsuchung beginnt ein verurteilter Mörder im Namen von Hermitage Geschäfte zu machen. Er bemächtigt sich mehrerer Tochterfirmen und beantragt im Dezember 2007 zusammen mit mehreren Komplizen Steuerrückzahlungen in Höhe von 230 Millionen Dollar. Das Millionen-Geschenk kommt prompt: Mutmaßliche Verbündete in den Moskauer Steuerbehörden genehmigen die Zahlung einen Tag nach Eingang des Antrages - normalerweise vergehen in Russland Jahre, bis Rückzahlungen abgewickelt werden. Die Zentralbank überweist schließlich das Geld an mehrere Personen, die sich mit den beschlagnahmten Unterlagen als Hermitage-Angestellte ausgeben.

Anwalt Magnistskij beginnt zu recherchieren und kommt bald dem größten Steuerbetrug der russischen Geschichte auf die Schliche. In einem 250 Seiten starken Dossier fasst er für den Fonds Hermitage die Vorwürfe zusammen und sendet die Akten an den Generalstaatsanwalt. Erst nach Wochen meldet sich die Staatsanwaltschaft, doch statt die mutmaßlichen Steuerbetrüger zu verhören, bestellen sie Magnitskij ein.

Da ist das Geld längst verschoben, auf Konten im Ausland. Die 230 Millionen Dollar werden von Konten bei der Citibank, bei JP Morgan, und der Credit Suisse immer weiter überwiesen, bis sich die Spur verliert. Mitten drin: die Briefkastenfirma Bristoll Export. Auch sie: Eine Firma der Taylors. Michael Taylor hat sie im Sommer 2007 aufgesetzt, wenige Wochen nach den Durchsuchungen in Moskau. Bristoll Export überweist beispielsweise zwei Millionen Euro auf ein Konto bei der Credit Suisse. Das Konto gehört ausgerechnet dem Ehemann einer Beamtin, die die Steuererstattung angeordnet hatte. Mit dem Geld werden später Immobilien in Montenegro und auf einer der Palm Islands von Dubai gekauft.

Am 24. November 2008 klingeln schließlich Ermittler bei Magnitskij und nehmen ihn fest. Seiner Frau verspricht er beim Abschied, er käme in spätestens drei Tagen zurück. Knapp ein Jahr später stirbt Magnitskij in einem Moskauer Untersuchungsgefängnis - mit Misshandlungsspuren am Körper. Er ist 37 Jahre alt.

Wo aber sind die 230 Millionen Dollar? Sie sind verschwunden auf Steueroasen, in einem Geflecht von Scheinfirmen mit Sitz in Panama, den Britischen Jungferninseln und in Zypern. Alleine auf Konten der Mittelmeerinsel sollen etwa 30 Millionen Euro lagern. Hermitage stellt Ermittlern in der Schweiz und in Zypern Akten zur Verfügung. In Nikosia interessiert sich nur niemand für den Fall.

Bei der Credit Suisse nimmt man den Fall hingen ernst und versucht, das Geld aufzuspüren. Dazu arbeiten die internen Ermittler der Bank mit Alexander Perepilitschnij zusammen. Der 44-jährige Geschäftsmann ist nach Großbritannien geflohen und hilft den Schweizern, die Verbindung nach Dubai und Montenegro zu klären. Bis auch er plötzlich stirbt.

Im November 2012 bricht er im britischen Weybridge, in der Nähe von London, zusammen. Passanten finden den leblosen Körper vor seinem Haus.

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