Chemieindustrie„Energie ist Wohlstand“

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Die Polysilizium-Herstellung im Werk Burghausen des Wacker-Konzerns. In den Abscheidern herrschen 1000 Grad. Um solche Temperaturen zu erzielen, braucht es viel Energie.
Die Polysilizium-Herstellung im Werk Burghausen des Wacker-Konzerns. In den Abscheidern herrschen 1000 Grad. Um solche Temperaturen zu erzielen, braucht es viel Energie. Achim Zeller/Wacker

Kein anderer Industriezweig klagt so ausdauernd über die Preise für Strom und Gas wie die Chemieindustrie. Sie braucht auch viel davon, wie das Beispiel von Wacker in Burghausen zeigt. Ein Besuch da, wo es richtig heiß ist.

Von Elisabeth Dostert, Burghausen

Das „Reinste, was Menschen produzieren können“, sieht für Laien ziemlich unspektakulär aus. Ein grauer glänzender Brocken von etwas. Es ist Rohsilizium, aus dem Wacker Chemie Polysilizium für Halbleiter und Solarzellen herstellt. Christian Hartel ist Chemiker und Vorstandschef des Chemiekonzerns, er weiß das natürlich. Es sieht vieles mit anderen Augen. Polysilizium ist für ihn eine geniale Innovation, an deren Entwicklung Wacker im Laufe der Jahrzehnte kräftig mitgewirkt hat. Ohne den Stoff wären weder Energiewende noch Digitalisierung möglich, Polysilizum steckt in Solarmodulen und Halbleitern. „In jedem zweiten Chip auf der Welt steckt Polysilizium aus Burghausen“, sagt Hartel.

Wobei Wacker die Hersteller von Chips und Solarzellen nicht direkt beliefert, sondern die Hersteller von Wafern. Das sind runde Scheiben aus Silizium, die Firmen wie Siltronic, Global Wafers oder Shin-Etsu herstellen, die damit Halbleiterfirmen wie Infineon, Intel, TSMC oder Global Foundries beliefern. Es ist eine der vielen Wertschöpfungsketten in der Industrie. In solchen Ketten stehen Firmen wie Wacker mit ihren Produkten eher vorne. Wo Wacker drinsteckt, steht selten Wacker drauf. „Wir sind der einzige Hersteller von Polysilizium in Europa“, sagt Hartel: „Niemand auf der Welt stellt so reines Polysilizium her wie wir.“

Die Türme der Anlagen für die Destillation überragen im Werk Burghausen von Wacker alles.
Die Türme der Anlagen für die Destillation überragen im Werk Burghausen von Wacker alles. Achim Zeller/Wacker

Hartel steht im Vorraum einer Halle auf dem Werksgelände in Burghausen. Neben ihm steht Markus Kahler, einer der Betriebsleiter. Die beiden Männer erklären erst einmal, wie aus Quarz, einem der am weitesten verbreiteten Minerale auf der Welt, hochreines Polysilizium wird. Das Rohsilizium bezieht Wacker zum Teil aus seinem Werk im norwegischen Holla, zum Teil kauft der Konzern es zu. Es wird in Burghausen gemahlen und zu Trichlorsilan verflüssigt. Das Trichlorsilan werde danach destilliert und damit aufgereinigt, erklärt Kahler: „Es ist ein wenig wie Schnapsbrennen: erhitzen, abkühlen, wieder erhitzen.“ Die Türme für die Destillation ragen hoch in den Himmel. Hinter der Tür am Ende des Vorraums wird aus Trichlorsilan Polysilizium mit einer Reinheit von bis zu 99,999 999 999 999 Prozent hergestellt. „Das entspricht einem Würfel Zucker im Bodensee“, sagt Hartel.

Hartel und Kahler stehen jetzt in der Halle: ein breiter Gang, links und rechts eine lange Reihe Kessel, sogenannte Abscheider. Das ist das Reich von Kahler: „50 Reaktoren stehen allein in dieser Halle, und wir haben noch ein paar mehr davon hier auf dem Gelände.“ Er öffnet eine Luke. Es glüht im Reaktor. Bei Temperaturen von 1000 Grad wird aus Trichlorsilan wieder ein fester Stoff. Das Silizium aus der Flüssigkeit setzt sich an den Stäben im Inneren des Reaktors ab. „Wir müssen den Vorgang rund 20 Mal wiederholen, um das Silizium komplett aus dem Trichlorsilan zu holen“, sagt Kahler. Dann wird „geerntet“.

Die „Ernte“: hochreines Polysilizium für Halbleiter.
Die „Ernte“: hochreines Polysilizium für Halbleiter. Achim Zeller/ Wacker

„Ohne Energie geht gar nichts“, sagt Manager Hartel. Wenn die Klagen der Chemieindustrie ein Lied wären, wäre das der Refrain. Für Wacker sei Energie ein großer Kostenblock, wie groß er ist, will Hartel aber nicht sagen – „aus Wettbewerbsgründen“. Er hat die Konkurrenz im Nacken.

Keine andere Anlage in Burghausen verbrauche so viel Strom wie die Abscheider, so Hartel: „2,5 Terawattstunden, so viel wie die Stadt Nürnberg.“ Das Werk in Nünchritz braucht eine Terawattstunde. Auf die beiden Werke zusammen entfällt knapp ein Prozent des deutschen Stromverbrauchs. Fremde dürfen in der Halle nicht fotografieren. Experten könnten aus dem Aufbau der Anlage, den Kesseln, den Rohren, deren Anordnung, Schlüsse auf das Verfahren ziehen. Und dann vielleicht irgendwo auf der Welt auch so eine Anlage für hochreines Polysilizium aufbauen und günstiger produzieren, da wo Energie billiger ist. „Und das ist sie an vielen Orten“, sagt Hartel:  „Es gibt Werke in China, die stehen direkt auf der Kohlegrube. „Die zahlen auch keine Netzentgelte und keinen CO₂-Preis.“ Energie ist sein großes Thema, in jedem Gespräch.

Die „Ernte“, also zumindest ein paar Vorzeigeexemplare, liegt auch im Vorraum in einer Vitrine: dicke Stäbe, einer mit glatter Oberfläche, das ist das Polysilizium für Halbleiter, und einer, dessen Oberfläche aussieht wie platt gedrücktes graues Popcorn. Was immer daraus wird, die Stäbe müssen erst wieder in kleine Stücke gebrochen werden. Das Polysilizium für Halbleiter müsse dann noch mal gereinigt werden, erklärt Kahler. Am Ende werde es in Fünf-Kilo-Säcke verpackt und ausgeliefert. „In Burghausen stellen wir fast ausschließlich Polysilizium für Halbleiter her“, sagt Hartel. In Nünchritz in Sachsen und in Charleston im US-Bundesstaat Tennessee auch Polysilizium für Solarmodule.

Das sind zwei sehr unterschiedliche Märkte, das merkt man schon an den Preisen. Die eigenen Preise will Hartel nicht nennen. Ach ja, die Konkurrenz. Die Preise für Halbleiter-Polysilizium seien sehr intransparent, schreibt Marktforscher Johannes Bernreuter der SZ. Er gehe derzeit von einer Spanne von 35 bis 40 Dollar je Kilogramm aus. Deutlich weniger koste das für die Solarindustrie: Für Ware aus China habe der Preis in den ersten Wochen 2026 zwischen 5,50 und 7,50 Dollar gelegen je Kilo. Außerhalb Chinas koste es dreimal so viel.

Die weltweite Polysilizium-Produktion schätzt Bernreuter auf 1,4 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr, davon gehen 35 000 bis 45 000 Tonnen in die Halbleiterindustrie. Die Produktion und die Kapazitäten in China seien in den vergangenen Jahren stark ausgebaut worden, aber nur die Produktion sank 2025 deutlich. Im Solarbereich gebe es in China immer noch gewaltige Überkapazitäten. Allein in China seien 2025 gut 1,3 Millionen Tonnen Polysilizium produziert worden, die Kapazitäten lägen bei 3,3 Millionen Tonnen. Die Anlagen für Solar-Silizium in China seien nur zu 40 Prozent ausgelastet, schreibt Bernreuter in einer E-Mail.

„Den Wettbewerb auf dem Solarmarkt hat der Westen längst verloren. Der ist komplett in chinesischer Hand“, sagt Hartel: Im Markt für Halbleiter-Polysilizium spiele China heute noch eine untergeordnete Rolle. Und Wacker spielt eine große Rolle. Seinen Marktanteil beziffert Hartel auf rund die Hälfte. Das Wort „heute“ klingt aus seinem Munde wie eine Warnung. Es gibt ja viele Märkte, auf denen China mal eine untergeordnete Rolle gespielt hat, bei Elektroautos beispielsweise und – das ist noch länger her – auch bei Solarpaneelen.

Christian Hartel sorgt sich um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.
Christian Hartel sorgt sich um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Lorenz Mehrlich

Mit wachsender Vehemenz drängt Hartel auf günstige Preise für Strom. Es gehe ihm um mehr als Wacker, es gehe auch um Europa.  Über Lieferketten, Resilienz und Abhängigkeiten redeten doch jetzt alle – Manager, Politiker in Berlin und Brüssel. „Aber es gibt halt eine Lücke zwischen Theorie und Realität“, so Hartel. Für ihn ist die Standortfrage eine Energiepreisfrage. „Energie ist in Europa zu teuer.“ Hartels Formel ist so einfach wie eingängig, für ihn ist sie die Formel, um die wirtschaftlichen Probleme in Deutschland zu lösen: „Energie ist Wohlstand.“ Ohne preiswerte Energie lasse sich die Deindustrialisierung in Deutschland nicht aufhalten, „die sehen wir ja schon“.

Er sitzt jetzt in einem Besprechungsraum mit einem langen alten Sitzungstisch. In der Ecke, gleich neben dem riesigen Flachbildschirm, steht eine Bronzebüste von Alexander Wacker, der 1914 Wacker Chemie gegründet hat. Schon damals ging es bei der Wahl des Standorts Burghausen um die Energieversorgung. Die Verträge mit König Ludwig III. für den Bau des Alzkanals, der die Alz mit der Salzach verbindet, seien in diesem Raum unterschrieben worden, erzählen sie in Burghausen. Über Fallrohre läuft das Wasser und treibt das Wasserkraftwerk am Fuß des Hügels an. Es liefert zehn Prozent zum Stromverbrauch.

Das Wasserkraftwerk von Wacker in Burghausen. Es liefert bis heute Strom.
Das Wasserkraftwerk von Wacker in Burghausen. Es liefert bis heute Strom. etd

Der Preis der Energie entscheidet über Standorte, wo investiert wird und wo nicht, welche Standorte bleiben und welche zugemacht werden. Wobei: Hartel braucht gerade keine neuen Kapazitäten. Und ob er die Polysilizium-Produktion in Werken wie Nünchritz halten kann, hängt auch ein wenig von US-Präsident Donald Trump ab. Ob es Zölle auf Polysilizium aus Gründen der nationalen Sicherheit geben wird und Ausnahmen für Ware aus Europa oder für Unternehmen, die in den USA investieren. „Das wird entscheidend sein“, sagt Hartel.

Was will er? Altes müsse auch mal infrage gestellt werden, fordert Hartel. Er meint damit unter anderem den Emissionshandel der EU, es ist eines ihrer zentralen Instrumente, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu senken. „Eigentlich ein sinnvolles System“, sagt Hartel, weil man dadurch mit einem marktwirtschaftlichen System CO₂ bepreise. Nur die Prämissen 2005 bei der Einführung, dass global alle mitmachen und erneuerbare Energien einschließlich der Netze günstigen Strom liefern, seien nicht eingetreten. „Es machen nicht alle Staaten mit, und es gibt in Deutschland nicht genügend Grünstom zu international wettbewerbsfähigen Preisen“, sagt Hartel: „Wenn Prämissen nicht eintreten, muss das System angepasst werden.“ Das geschehe bisher nicht. „Europa ist oft zu träge, zu starr und zu langsam.“

Anfänglich wurden die Verschmutzungsrechte kostenlos zugeteilt, in den nächsten Jahren gibt es weniger kostenlose Zertifikate, und ihre Zahl wird weiter verknappt. „Damit steigt dann auch der Preis“, sagt Hartel. Wacker benötige derzeit rund eine Million CO₂-Zertifikate, davon müsse das Unternehmen etwa die Hälfte am Markt zukaufen.  Der Preis im kurzfristigen Handel am Spotmarkt der Energiebörse EEX in Leipzig lag am 6. Februar bei 77,12 Euro je Zertifikat. „Wenigstens der Abschmelzungsprozess sollte eingefroren werden und sich am EU-Klimaziel orientieren“, sagt Hartel. Die EU will bis 2050 klimaneutral sein. Die Versteigerung von Verschmutzungsrechte soll bislang 2039 enden. Hartel braucht mehr Zeit. Das eigene Gaskraftwerk, es liefert 35 Prozent des Stroms für das Werk Burghausen, ließe sich auf Wasserstoff umstellen. „Aber Stand heute gibt es nicht genügend, und der Preis ist zu hoch“, so Hartel. Wasserstoff werde erst in den 2030er-Jahren ein Thema werden.

Konzerne wie Wacker werden vom Bund finanziell entlastet. „Ohne die finanziellen Entlastungen des Bundes könnten wir Polysilizium heute schon nicht mehr wirtschaftlich produzieren“, sagt Hartel. Der größte Batzen entfällt auf die Strompreiskompensation (SPK), über die der Bund stromintensive Firmen von den indirekten Kosten des EU-Emissionshandels entlastet, weil Energieversorger ihre Kosten für die Verschmutzungsrechte auf die Abnehmer abwälzen. Keine andere Firma bekam 2023 vom Bund mehr Geld als Wacker: rund 183 Millionen Euro. „Aber es gibt auch keine andere Firma, die so einen energieintensiven Prozess wie die Herstellung von Polysilizum betreibt“, sagt Hartel. Es gab auch Geld aus anderen öffentlichen Töpfen, „einen kleinen zweistelligen Millionenbetrag“.

Und es gibt nun den Industriestrompreis. „Darüber haben wir zehn Jahre diskutiert.“ Noch stehen nicht alle Einzelheiten fest. Und was feststeht, gefällt Hartel nicht. „Es nützt mir wenig, wenn ich einen attraktiven Strompreis für drei Jahre habe, Chemieanlagen kosten Millionen.“ Allein in seine Polysilizium-Anlagen habe Wacker Milliarden investiert. „Wir brauchen Planungssicherheit für mindestens zehn Jahre“, sagt Hartel. Mit fünf Cents je Kilowattstunde für den gesamten Stromverbrauch wäre eine „gewisse Wettbewerbsfähigkeit“ im Vergleich zu anderen Nationen gegeben, wenn da nicht noch Steuern und Umlagen obendrauf kämen, sagt Hartel: „Der Weltbeste ist man dann immer noch nicht.“  Und wichtig ist ihm, dass der Industriestrompreis mit der Strompreiskompensation kombinierbar sei, „sonst haben wir gar keinen Effekt“.

Ein Wunsch Hartels scheint sich zu erfüllen. Wie das Handelsblatt vor wenigen Tagen berichtet, will die EU-Kommission die kostenlose Zuteilung von Emissionszertifikaten verlängern, aber an Gegenleistungen knüpfen. Die Entlastung findet Hartel gut. Sie sei dringend notwendig, denn kein anderes Instrument belastet die Industrie auch nur annähernd so stark, „hier werden keine Geschenke verteilt, sondern Ungleichheiten ausgeglichen“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. Von Gegenleistungen in Form „erzwungener Investitionen“' hält Hartel nichts. Sie ergäben wenig Sinn, wenn sie sich nicht rechnen. „Die Entlastungswirkung wird damit hinfällig.“

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