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Wachstumsgeschäft:Neue Kunden, neue Kosten

Ein Viertel der Deutschen hat eine Absicherung gegen Prozesskosten.

Der Dieselskandal trifft auch Versicherer, wenn sie wie Arag in der Rechtsschutzversicherung aktiv sind. Sie zahlen die Prozesskosten ihrer Kunden, die Schadenersatz von den Herstellern verlangen. "Das ist schon ein sehr großer Schaden für uns", sagt Vorstandschef und Eigner Paul-Otto Faßbender. "Wir rechnen mit rund 30 Millionen Euro, bislang sind es schon 20 Millionen Euro." In 9000 Fällen ging es um VW, in 700 um Daimler, dazu kommen 270 Fälle mit anderen Marken.

Arag ist einst als deutscher Rechtsschutzspezialist groß geworden, in den 60er Jahren hatte er einen Marktanteil von mehr als 40 Prozent. Doch dann begannen auch Versicherer, die solche Spezialpolicen vorher nicht angefasst hatten, sich in diesem Markt auszubreiten. Der Marktanteil von Arag in Deutschland ging dramatisch zurück - jetzt steht das Unternehmen bei knapp weniger als zehn Prozent. Allianz, Ergo und Roland sind größer.

In der Zwischenzeit hat das Unternehmen sein Auslandsgeschäft kräftig ausgebaut, 42 Prozent der Beiträge kommen jetzt aus anderen Ländern. In Deutschland sind 22,3 Millionen Rechtsschutzverträge in Kraft, drei Millionen mehr als 2000. Die Beitragseinnahmen beliefen sich 2018 auf 4,1 Milliarden Euro. Arag wächst auch wieder im Heimatmarkt.

Die gespürte Unsicherheit im Land bringt Rechtsschutzversicherern Neugeschäft - aber wirtschaftliche Turbulenzen kosten auch Geld. Der Abschwung hat direkte Folgen, sagt Faßbender. "Wir werden zum Beispiel mehr Arbeitsgerichtsprozesse sehen, das sind natürlich Schäden für uns, wenn Arbeitsrechtsschutz besteht." Er stellt fest, dass sich insgesamt das Klima ändert. "Es gibt Sammelklagen und andere Aktionen, die zu höheren Belastungen führen."

Das ist nicht nur die Folge gesetzgeberischer Maßnahmen. "Der Gesetzgeber verändert die Rahmenbedingungen, das stimmt", sagt er. "Aber wir haben auch selbstbewusstere Gerichte." Auch höchstrichterliche Entscheidungen werden der Versicherungsbranche noch Bauchschmerzen bereiten, "nicht nur uns".

Wer als Versicherer in dem Umfeld gewinnen will, muss vorausschauend handeln, sagt Faßbender. Dazu gehört der Aufbau von sogenannten Legaltechs - das sind Online-Firmen, die Kunden im ersten Schritt bei Rechtsproblemen helfen, Musterdokumente bereitstellen und Anwälte empfehlen. In den Niederlanden ist Arag damit erfolgreich, in Deutschland darf sie das noch nicht.

Faßbender glaubt, dass sein Unternehmen "drei bis vier Jahre Vorsprung" vor Wettbewerbern hat - und den auch braucht. "Der Versicherer muss nicht nur schnell sein für den Kunden, sondern der Kunde muss auch das Gefühl haben, dass er das beste Produkt im Markt bekommt", sagt er.

Das geht nur mit einer hochmodernen IT. Früher hatte auch Arag in diesem Bereich große Probleme. "Wir haben sehr früh einen klaren Schnitt gemacht und sind von den Altsystemen weggekommen", sagt Faßbender. Heute arbeite der Düsseldorfer Konzern komplett mit dem Betriebssystem Linux. "Ich sehe mit Interesse, dass andere Häuser das nicht können und wieder andere es jetzt erst machen."

© SZ vom 15.01.2020
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