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Abgasskandal:VW will Schadenersatz von Winterkorn und Stadler

Volkswagen: Ex-VW-Chef Martin Winterkorn

Martin Winterkorn, ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Volkswagen. Er ist Zeuge im Abgas-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Die beiden ehemaligen Manager hätten bei der Aufklärung des Dieselskandals ihre Sorgfaltspflichten verletzt, erklärt der Aufsichtsrat.

Von Max Hägler

Mehr als fünf Jahre nach dem Auffliegen des Diesel-Skandals verlangt der VW-Konzern von seinem früheren Chef Martin Winterkorn und von Ex-Audi-Chef Rupert Stadler Schadenersatz. Dies teilte das Unternehmen am Freitag nach einer Sitzung des Aufsichtsrats mit. Volkswagen erklärte, man werde die beiden ehemaligen Top-Manager nun, "wegen aktienrechtlicher Sorgfaltspflichtverletzungen auf Schadenersatz in Anspruch nehmen". Damit solle ein "Schlussstrich" gezogen werden unter die umfangreiche Aufarbeitung des Skandals. Die Kanzlei Gleiss Lutz beriet den VW-Aufsichtsrat zu diesem Thema und legte in dieser Woche ihren Abschlussbericht vor.

Welches finanzielle Ausmaß die Forderungen haben könnten, ist noch unklar. Kenner des Sachverhaltes gehen davon aus, dass man die ehemaligen Vorstände nicht im völligen Übermaß belasten wolle. Womöglich sind diese Ansprüche auch abgedeckt von speziellen Manager-Policen, sogenannten D&O-Versicherungen.

Gegenstand der unternehmensinternen Untersuchungen war, ob Winterkorn, Stadler und möglicherweise auch noch weiteren damaligen Führungskräften vor dem Auffliegen der Affäre im September 2015 fahrlässige Management- und Kontrollversäumnisse vorzuwerfen sind - was letztlich die Manipulationen an weltweit Millionen Dieselautos ermöglicht oder zumindest nicht verhindert haben könnte.

Als Ergebnis dieser Untersuchung stehe "nach Überzeugung des Aufsichtsrats" fest, dass Winterkorn seine Sorgfaltspflichten verletzt habe, indem er es im Sommer 2015 unterließ, die Hintergründe des Einsatzes unzulässiger Softwarefunktionen aufzuklären. Rupert Stadler habe seine Sorgfaltspflichten verletzt, weil er nach dem Auffliegen des Skandals die Aufklärung der Manipulation unterlassen habe.

Im September 2015 war durch Ermittlungen von US-Behörden bekanntgeworden, dass Volkswagen-Autos auf der Straße weit höhere Abgaswerte haben als auf Prüfständen. Danach wurde offenbart, dass etliche Modelle der Konzernmarken auf der ganzen Welt von diesen Manipulationen betroffen waren.

In einer Mitteilung erklärten die Rechtsanwälte von Winterkorn, Kersten von Schenck und Felix Dörr, ihr Mandant bedauere die Entscheidung des Aufsichtsrats. Er weise den gegen ihn erhobenen Vorwurf zurück und sei überzeugt, alles getan zu haben, um den Schaden zu mindern. Von Stadlers Seite lag noch keine Stellungnahme vor, er hatte sich aber zuletzt bei Gericht in diesem Sinne eingelassen.

Bei der Untersuchung habe Gründlichkeit vor Schnelligkeit gegolten

Der Volkswagen-Konzern hat sich sehr viel Zeit gelassen für diese Entscheidung, nämlich über fünf Jahre. Zum Vergleich: Beim milliardenschweren Schmiergeldskandal bei Siemens wurde der damals verantwortliche Vorstandschef, Heinrich von Pierer, nach nicht einmal zwei Jahren in Regress genommen, er zahlte letztlich fünf Millionen Euro. Wieso dauert das bei VW so lange? Weil es so viel Material zu sichten gegeben habe, heißt es von Volkswagen nun. Dabei habe gegolten: Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Bislang war die Lesart dazu in Wolfsburg bezugnehmend auf Winterkorn wie auch auf dessen Ex-Kollegen, Audi-Chef Rupert Stadler allerdings vor allem, dass man den Ausgang der Diesel-Strafprozesse abwarten wolle.

Jener gegen Stadler hat im vergangenen Herbst in München begonnen, jener gegen Winterkorn wird - nach coronabedingter Verschiebung - in diesem Herbst in Braunschweig starten. Beide Manager haben sich bis zum Auffliegen des Dieselskandals verdient gemacht beim finanziellen Erfolg des Konzerns, das wird dort immer wieder betont. Und beide haben bislang alle Vorwürfe zurückgewiesen. Wie die Gerichte in den wohl über Jahre laufenden Verfahren entscheiden werden, ist offen.

Aber der ehemalige Arbeitgeber will offensichtlich nicht mehr warten. Man beende nun die im Oktober 2015 eingeleitete Untersuchung der Ursachen und Verantwortlichen für die "Dieselkrise", teilte der VW-Aufsichtsrat mit. Offensichtlich auch auf das Risiko hin, dass durch diese Schadenersatz-Forderungen von enttäuschten Käufern Auftrieb bekommen. 32 Milliarden Euro musste Volkswagen bislang für die Bereinigung des Skandals zahlen.

© SZ
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