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Automobilindustrie:VW-Werk in der Türkei wird zum Politikum

In Manisa nahe Izmir in Westanatolien soll das VW-Werk errichtet werden.

(Foto: mauritius images)
  • VW hat die Entscheidung zu einem Fabrikneubau in der Türkei bis zum Ende des Jahres auf Eis gelegt - aus politischen Gründen.
  • Die Autoproduktion in der Türkei ging im vergangenen Jahr deutlich zurück.
  • In der Autostadt Bursa versuchen sich die Hersteller trotz Anzeichen einer Krise für die Zukunft aufzustellen.

Früher, sagt der türkische Unternehmer Alper Kanca, so als rede er über eine andere Epoche, da hätten seine deutschen Kunden einen Betriebsbesuch bei ihm in Istanbul gern übers Wochenende ausgedehnt. "Heute fragen sie mich, ob wir nicht alles am Telefon erledigen können", sagt Kanca. "Das tut weh." Die Spannungen in den deutsch-türkischen Beziehungen spüren auch Unternehmer. Jüngstes Beispiel: Wegen der türkischen Militäroffensive in den syrischen Kurdengebieten legte der Volkswagen-Konzern die Entscheidung über den Bau eines Werks in der Türkei auf Eis. Das trifft auch die weit verzweigte Industrie der türkischen Autozulieferer. Alper Kanca, 56, ist der Vorsitzende ihres Verbands.

"Unter den gegenwärtigen Bedingungen" sei eine solche Investition in der Türkei für ihn "persönlich nicht vorstellbar", sagte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil Mitte Oktober, wenige Tage nach Beginn der Militäroffensive. Der Konzernbetriebsrat sprach sich kurz darauf ebenfalls gegen den Fabrikneubau aus, "solange die Türkei versucht, ihre politischen Ziele mit Krieg und Gewalt zu erreichen", zitierte das Betriebsratsblatt Mitbestimmen! den Vorsitzenden Bernd Osterloh. Der Braunschweiger Zeitung sagte er, VW habe wegen der Konzerngeschichte in der Nazizeit eine besondere Verantwortung: "Volkswagen darf und muss moralisch sein."

Im Juli klang das noch anders. Da sagte Weil, "ganz egal" wie die Entscheidung über ein Werk in der Türkei ausfalle, "es wird eine wirtschaftliche Entscheidung und keine politische Aussage sein". Diese Formel - Wirtschaft statt Politik - gefiel auch der türkischen Regierung. Industrie- und Technologieminister Mustafa Varank wiederholt sie nach wie vor gern: "Wir erwarten von einem globalen Unternehmen, dass es bei seinen Entscheidungen kommerzielle Interessen berücksichtigt."

Varank war lange Berater von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, bevor er im Juli 2018 Minister wurde. Zum Fall VW sagte er vergangene Woche in Ankara: "Wenn Unternehmen anfangen, politische Entscheidungen zu treffen, berücksichtigen sie nicht mehr die Interessen ihrer Investoren." Die Militäraktion verteidigt Varank als "Antiterrorkampf". Fragt man ihn nach der Justiz, die beispielsweise den türkischen Unternehmer Osman Kavala seit mehr als zwei Jahren in Haft hält, ohne Urteil, verweist er auf eine geplante Justizreform. Und er erzählt von seinem Bruder, der während des Putschversuchs 2016 ums Leben kam. Wenn Journalisten hinter Gittern säßen, sagt er, habe dies "mit journalistischen Tätigkeiten" nichts zu tun.

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Alper Kanca stellt Zahnräder und Kurbelwellen her, er weiß, dass viele Dinge ineinandergreifen müssen, damit eine Maschine läuft. Kanca sagt, diejenigen, die jetzt die Türkei meiden würden, "um Erdoğan nicht zu unterstützen", täten dies "in gutem Glauben". Aber es treffe eben alle. Auch die, die Erdoğan nicht wählten. Das sagt Kanca nicht, aber so ist es wohl gemeint. Izmir, die drittgrößte Stadt der Türkei, in deren Nähe das VW-Werk entstehen sollte, wird von der Opposition regiert, Istanbul auch.

Die Autoproduktion ist in der Türkei im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen

Die Arbeitslosigkeit stieg im August - das sind die letzten offiziellen Zahlen - auf 14 Prozent, das sind fast drei Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr. Den stärksten Job-Einbruch gab es in der Industrie. Die Inflation - im Oktober 8,55 Prozent - nagt an der Kaufkraft. Die Autoproduktion in der Türkei ging 2018 deutlich zurück, auf 642 000 Stück, Nutz- und Personenwagen. 2016 waren es noch gut eine Million. Gestiegen sind die Exporterlöse, auch wegen des fallenden Lirakurses, berichtet der Verband der türkischen Automobilindustrie.

Deren Zentrum ist die Autostadt Bursa, die viertgrößte Metropole des Landes, mit drei Millionen Einwohnern und einer langen Industrietradition. Das "Detroit der Türkei", nennen sie Bursa. Eine Krise, wie sie die amerikanische Autostadt vor ein paar Jahren erlebte, blieb Bursa bislang erspart. Warnzeichen aber sieht man auch hier. Deshalb stellen sich einige Unternehmen nun eiligst auf die Zukunft ein: zum Beispiel Karsan. Die 1966 von der Koç-Gruppe gegründete Firma baut jetzt Elektrobusse, im Klein- und Großformat. Die Batterien kommen von BMW. Erste Bestellungen aus Deutschland für die Busse, die 300 Kilometer fahren können bevor sie ans Netz müssen, gebe es bereits, sagt Vorstand Okan Baş. Er rechnet mit einem "großen Wandel" im öffentlichen Stadtverkehr, weg vom Diesel, hin zu Elektro.

Bei Karsan haben sie eine Teststrecke mit den unterschiedlichen Straßenbelägen europäischer Kommunen. "Jetzt kommt Belgien", warnt der Fahrer des Testbusses, bevor es über eine Hubbelpiste geht. Die Produktion ist großteils automatisiert. An einem Schaltpult steht die Ingenieurin Özlem Kapitan, sie ist 37 Jahre alt und seit acht Jahren in der Firma. "Ich liebe Autos", sagt sie und schiebt die Schutzbrille auf die Stirn. Dass sie Frauen fördern, betonen türkische Autofirmen nun gern, wohl auch um zu zeigen, dass man den Anschluss an Europa schaffen kann.

Perihan Inci muss nichts mehr beweisen. In fünfter Generation sind Frauen führend in ihrer Firma. Sie war Chefin, nun macht das die Enkelin. Die Inci Holding produziert Autofelgen, ihr Sitz ist nicht weit davon entfernt, wo Volkswagen ein Grundstück angeboten wurde. "Für uns wäre es gut, wenn VW käme", sagt Perihan Inci bei einem Treffen in Istanbul. Sie ist auch Vizepräsidentin des Zuliefererverbands.

Dessen Präsident Kanca sagt, VW habe sich seit zwei Jahren auf den Bau der Fabrik in der Türkei vorbereitet. "Sie haben sogar geprüft, wie viele Kindergärten und Schulen es gibt." Vor ein paar Monaten hätten Leute aus Wolfsburg auch damit angefangen, "die Zulieferer zu organisieren". Alper Kanca macht das Hoffnung, "dass sie doch noch kommen".

Nach einer Sitzung des Aufsichtsrats teilte das Unternehmen am Freitag mit: Bis Jahresende werde VW über ein Werk in der Türkei entscheiden.

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