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VW-Skandal:Bei Volkswagen ist alles möglich

Emissions Falsification Scandal Rocks Volkswagen

Besucher vor dem Volkswagen-Ausstellungsberich bei der diesjährigen IAA in Frankfurt.

(Foto: Getty Images)
  • Warum werden die Vorgänge bei VW gerade jetzt öffentlich: An diesem Freitag sollte eigentlich der Vertrag Winterkorn bis 2018 verlängert werden.
  • Einige bei VW spekulieren, dass diesen Sturm jemand vorbereitet hat, dass einer die Fäden zieht, der im Frühjahr seinen Machtkampf gegen Winterkorn verloren hat.
  • VW soll die Krisensitzung des Aufsichtsrats vorgezogen haben, heißt es in einem Medienbericht.

Warum gerade jetzt? An einem Tag in Wolfsburg, an dem man nicht genau weiß, ob der Chef noch lange im Amt ist oder nicht, stellen sie sich bei VW viele Fragen. Zum Beispiel, ob es Zufall ist, dass ausgerechnet in dieser Woche der große Abgasskandal aus den USA in die Welt hineinschwappt und den Konzern in eine schwere, wohl existenzielle Krise stürzt? Denn ausgerechnet an diesem Freitag sollte eigentlich der Vertrag von VW-Boss Martin Winterkorn um zwei Jahre bis 2018 verlängert werden - drei Tage vor diesem Datum ist nicht einmal klar, ob er am Ende der Woche überhaupt noch Chef sein wird.

Einige bei VW spekulieren, dass diesen Sturm jemand vorbereitet hat, dass einer die Fäden zieht, der im Frühjahr seinen Machtkampf gegen Winterkorn verloren hat. Steckt der frühere VW-Aufsichtsratschef und Konzernpatriarch Ferdinand Piëch dahinter? "Es weiß doch jeder, dass Piëch jetzt nicht zu Hause sitzt und Rosen züchtet", sagt einer, der den Konzern gut kennt. Daher sei das Timing "perfekt gewählt". Die US-Behörden gehen jedenfalls davon aus, dass die Vorwürfe schon im Mai 2014 im Hause VW bekannt waren. Damals hatten wohl erste Untersuchungen die Manipulationen an den Abgaswerten für Dieselfahrzeuge aufgedeckt. Eine Zeitbombe also - und demnach war es nur eine Frage der Zeit, wann sie jemand scharf stellen würde. Wenn es so gewesen ist, dann wäre das Milliardendesaster um Abgas-Manipulationen in diesen Tagen nichts anderes als die Fortsetzung des Frühjahrsdramas "Piëch gegen Winterkorn." Zweiter Teil.

"Es weiß doch jeder, dass Piëch jetzt nicht zu Hause sitzt und Rosen züchtet"

Aber ist das wirklich überzeugend? Ist diese Hypothese glaubhaft? Oder sind das nicht die üblichen Verschwörungstheorien, die es in so einem Fall immer gibt? Die andere Sichtweise, die in Wolfsburg verbreitet wird, ist deshalb genauso plausibel, und sie geht so: Warum soll jemand so verrückt sein und seinen eigenen Konzern zerstören? Warum soll er sein Lebenswerk gefährden, in das er Milliarden Euro investiert hat, die sich gerade an der Börse in Luft auflösen? Ein gutes Drittel ihres Wertes hat die Aktie in nur zwei Tagen verloren. "Der Mann würde doch riskieren, alles zu verlieren. Das ergibt keinen Sinn", sagt einer aus dem Konzern.

Es sind Debatten, die zeigen: Im großen Volkswagen-Konzern rumort es wie kaum zuvor, Gewissheiten gibt es keine. Alles gilt als möglich, man verdächtigt sich gegenseitig, das Misstrauen wächst - und das Selbstvertrauen schwindet. Ein Konzern spekuliert über sich selbst.

Vorentscheidung am Mittwoch

Noch am Dienstagabend trafen sich Mitglieder des mächtigen-Aufsichtsrats mit Top-Managern zu einer Krisensitzung. Ihr Ziel: Das Treffen am Mittwochmorgen vorbereiten und die Stimmung der Teilnehmer sondieren. Die aber sind: äußerst skeptisch. Aufsichtsratschef Berthold Huber, VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh, Großaktionär Wolfgang Porsche, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil ringen um eine Lösung. "Die Situation ist sehr schwierig", heißt es aus dem Kontrollgremium. Das kann man auch so übersetzen: Die Sitzung ist ergebnisoffen, das Schicksal Winterkorns, dessen Vertrag regulär im nächsten Jahr ausläuft, hängt am seidenen Faden. Das Vertrauen der Aufsichtsräte wackelt, und um es wieder aufzurichten, braucht es schon sehr gute Argumente.

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