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VW, Scania, MAN: Ferdinand Piëch:Wolfsburger Spinnennetz

Wendelin Wiedeking und Håkan Samuelsson hatten geglaubt, an Piëchs sicherem Gespür für Macht vorbeizukommen. Doch sie hatten das Wichtigste übersehen.

Auf den ersten Blick sind Wendelin Wiedeking und Håkan Samuelsson sehr unterschiedliche Typen. Hemdsärmelig, forsch, direkt und Westfale der eine, zurückhaltend, bisweilen ironisch, aus Prinzip charmant und Schwede der andere. Bemerkenswert ist, dass beide in die gleiche Falle liefen: Sie hatten sich überschätzt und auf einen Machtkampf mit dem VW-Patriarchen Ferdinand Piëch eingelassen. Wiedeking wollte mit Porsche den VW-Konzern übernehmen. Samuelsson plante, mit MAN den schwedischen Rivalen Scania zu schlucken, an dem VW bereits beteiligt war.

Außerordentliche VW-Hauptversammlung

VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch hat ein sicheres Gespür für Macht, daran scheiterten auch der ehemalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und Ex-MAN-Chef Håkan Samuelsson.

(Foto: dpa)

Beide hatten geglaubt, an Piëchs sicherem Gespür für Macht vorbeizukommen und das Wichtigste nicht gesehen: Dass sie einen Gegenspieler hatten, der den VW-Konzern zum größten Autobauer der Welt ausbauen will. Sie hatten nicht beachtet, dass Piëch längst ein Autoreich plante, das von Massenfahrzeugen wie VWs oder Skodas über Audi-Sportwagen und Luxusschlitten von Lamborghini bis zu 40-Tonnern reicht. Die beiden Firmenchefs hatten übersehen, dass Piëch nicht in Quartalen denkt, sondern in Dekaden. Im Grunde aber kamen Wiedeking und Samuelsson dem VW-Strategen Piëch gerade recht. Sie hatten zwar die Spinne gestört, die noch dabei war, ihr Netz auszuspannen, doch sie verhedderten sich darin und konnten sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien.

Piëchs Drehbuch

Die Geschichten von Porsche und MAN haben ihre Unterschiede, aber das hinter ihrem Handeln liegende Drehbuch stammt aus der gleichen Feder: Nach der Schlacht werden zunächst die Verlierer vom Feld gefegt. Wiedeking ist heute nicht mehr Porsche-Chef, Samuelsson hat den Münchner Lkw-Bauer MAN längst verlassen. Im nächsten Kapitel werden die Fäden in Wolfsburg zusammengezogen, die Angreifer selbst übernommen. Der Sportwagenhersteller Porsche, der VW übernehmen wollte, wird gerade zu einer VW-Tochter gemacht, und MAN soll nun ausgerechnet über die schwedische Tochter Scania in den VW-Konzern genommen werden. Der Plan gleicht einem verzwickten Hütchenspiel: VW überträgt seine eigenen 30 Prozent an MAN dem schwedischen Lkw-Hersteller Scania, an dem die Wolfsburger die Stimmenmehrheit halten, und lassen dann einfach Scania MAN übernehmen. Die Spinne hat ganze Arbeit geleistet.

Kühles Verhältnis

Piëch wird vollenden, was Scania und MAN bisher nicht schafften - er wird aus beiden Unternehmen einen Nutzfahrzeugkonzern unter Wolfsburger Führung schmieden. Wer bei der MAN-Hauptversammlung im Frühjahr genau zuhörte, hatte verstanden: Als Piëch, der auch Aufsichtsratschef bei MAN ist, beide Lkw-Bauer aufforderte, enger zusammenzuarbeiten, war das keine höfliche Bitte. Es war ein Ultimatum. Trotzdem blieb die Beziehung der beiden so, wie man sie sich nach gescheiterten Übernahmeversuchen zweier rivalisierender Unternehmen vorstellte: Kühl und distanziert. Warum sollten sich Ingenieure aus Schweden und München, die jahrelang gegeneinander arbeiteten, nun an einen Tisch setzen? In Zukunft wird ihnen nichts anderes übrig bleiben.

Die Ironie der Geschichte ist, dass nun ausgerechnet MAN zu Scania kommt und nicht umgekehrt. Der stolze Münchner Traditionskonzern wird sich schwer damit tun, plötzlich das Anhängsel des schwedischen Rivalen unter einem VW-Dach zu werden. Nach der Schlacht liegt es daher an Piëch, die nächsten Schritte sensibel anzugehen. Ein Zusammengehen gleichberechtigter Partner solle es werden, heißt es bei VW. Darauf wird es ankommen. Für VW, den Viel-Marken-Konzern, ist das Sammeln von Marken inzwischen zwar Routine. Es gehört zum Tagesgeschäft der Finanzmanager, Ingenieure und Marketingexperten in Wolfsburg. Nur: Wer Marken sammelt, bekommt auch viele Unternehmenskulturen. Die zusammenzubringen, ist weitaus schwieriger als die gemeinsame Planung von Achsen und Getrieben.