Elektromobilität Die deutsche Autoindustrie hat schon genug Zeit vertrödelt

VW-Chef Herbert Diess fordert mehr Unterstützung von der Bundesregierung für E-Autos.

(Foto: Getty Images)

VW-Chef Herbert Diess hat Recht: Die deutschen Hersteller müssen sich radikal auf E-Autos umstellen. Sofort. Sonst macht China das große Geschäft.

Kommentar von Joachim Becker

An Selbstbewusstsein, man könnte auch sagen an Selbstgefälligkeit kann es kaum eine andere Branche mit der Autoindustrie aufnehmen. Wer jahrelang Milliardengewinne einfährt und Hunderttausende Arbeitsplätze bietet, reklamiert für sich gern eine Sonderstellung. Gestritten wird im feinen Club der Autohersteller höchstens hinter verschlossenen Türen, nach außen hält der Verband der Automobilindustrie (VDA) die Reihen streng geschlossen. Doch jetzt ist ein offener Richtungsstreit ausgebrochen: VW gegen alle anderen.

Herbert Diess, der VW-Konzernchef, will eine radikale Wende hin zur Elektromobilität. Politik, Unternehmen und Gesellschaft müssten ihre ganze Kraft - und damit auch einen Großteil ihrer finanziellen Mittel - auf die Elektromobilität als Leittechnologie der Zukunft konzentrieren, fordert er. Aus dem VDA schlägt Diess offener Widerstand entgegen, auch die anderen deutschen Hersteller gehen auf Distanz, und doch: Diess verfolgt die richtige Strategie.

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Der Elektroantrieb ist bis jetzt noch eine Nische. Momentan haben die Stromer einen Marktanteil von knapp zwei Prozent in Deutschland. Diess will das ändern, er will schnell eine kritische Masse an bezahlbaren E-Autos schaffen. In Deutschland könnte das nach VW-Berechnungen 100 000 Arbeitsplätze bei Herstellern und Zulieferern kosten. Kein Wunder also, dass der VDA keine Lust hat, für den Klimaschutz auf die Barrikaden zu gehen.

Mit Nischenlösungen kann der weltgrößte Autohersteller seine Fabriken nicht auslasten

Doch Diess hat gute Gründe. Er ist nicht Chef eines Start-ups, sondern leitet ein Unternehmen mit 650 000 Arbeitsplätzen. Mit Nischenlösungen kann der weltgrößte Autohersteller seine Fabriken nicht auslasten. Er muss massentaugliche Produkte auf den Markt bringen. Denn nicht exklusive Premiumfahrzeuge, sondern preisgünstige E-Autos entscheiden darüber, ob die Mobilitätswende gelingt. Und beim Bau solcher Stromer geben die Chinesen den Takt vor. Dort wird die Wende per Quote vorgeschrieben, flankiert von Wirtschaftshilfen und einem massiven Ausbau der Lade-Infrastruktur. Über solche dirigistischen Maßnahmen kann man sich empören, sie stellen ohne Frage eine Wettbewerbsverzerrung dar. Aber sie schaffen einen Markt und sichern damit Arbeitsplätze.

Vom Elektroboom in China werden auch die deutschen Hersteller profitieren. Für sie ist China längst der größte Einzelmarkt. Mit seiner von oben verordneten Transformation könnte das Land schnell zur größten Gefahr für die deutsche Autoindustrie werden. Die chinesischen Autohersteller haben unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit aufgeholt - die technisch relativ einfache Elektromobilität bietet ihnen die Gelegenheit zum Überholen: Hohe Stückzahlen sind das beste Mittel, um die Stromer billiger zu machen und damit wettbewerbsfähig gegenüber konventionellen Autos.

Diess hat dies offenbar erkannt. Er hat deshalb recht damit, den VW-Konzern radikal umzubauen. 2030 soll jedes zweite Konzernfahrzeug rein elektrisch fahren. Das klingt aus deutscher Sicht utopisch, doch dies ist der richtige Weg, um den Angreifern aus China Paroli zu bieten. Natürlich verfolgt Diess auch eigene Firmeninteressen, aber es ist gut, dass endlich ein Autoboss aufs Tempo drückt. Die deutsche Autoindustrie hat, genauso wie die Politik, beim Thema Elektromobilität schon viel zu viel Zeit vertrödelt.

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