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Volkswagen:Der Brandstifter will's wissen

Volkswagen: VW-Vorstandschef Herbert Diess

Volkswagen-Vorstandschef Herbert Diess pokert hoch und könnte vor der Ablösung stehen.

(Foto: Albert Gea/Reuters)

Herbert Diess führt den Volkswagen-Konzern mit viel Reibung - und viel Hitze. Bisher war er damit erfolgreich. Jetzt aber stellt er zur Unzeit die Vertrauensfrage.

Kommentar von Max Hägler

Herbert Diess ist einer, der über Hitze führt: Probleme klar benennen, also gewissermaßen ein kleines Feuer entfachen, dann noch ein bisschen Benzin rein. Er findet es gut, wenn alles ordentlich glüht, denn dann müssen sich alle bewegen. So hat er das bei BMW gemacht. So macht er das seit fünf Jahren bei Volkswagen, erst als Chef der Marke, mittlerweile als Konzernchef. Oft ist er angeeckt. Viel hat er dadurch erreicht.

Nun aber hat er ein Feuer entfacht, bei dem nicht ganz klar ist, ob es sich löschen lässt. Es betrifft ihn selbst: Herbert Diess beklagt die Arbeitsbedingungen des Systems, in dem er arbeitet. Und er hat, so muss man es deuten, die Vertrauensfrage gestellt. Ersteres ist nachvollziehbar. Die Verknüpfung mit Zweiterem ist jedoch nicht besonders weitsichtig, sofern er den Laden ernstlich weiter führen mag. Denn eine Vertragsentscheidung zu seinen Gunsten kann er derzeit kaum gewinnen. Nicht ausgeschlossen ist deshalb, dass er hinwirft - oder zum Hinwerfen gedrängt wird. Für Dienstagnachmittag hat jedenfalls das Präsidium des Volkswagen-Aufsichtsrats ein Krisengespräch dazu anberaumt.

Das wiederum wäre ein Verlust für die meisten Beteiligten, allen voran den Konzern. Denn Diess bringt Volkswagen derzeit eigentlich auf die richtige Spur in einer schwierigen Zeit. Er tut, was nötig ist: Volkswagen wird von einem Autobauer zu einem Digitalkonzern mit dem Fokus auf E-Mobilität. Wenn das nicht klappt und die Selbstzufriedenheit größer ist als die Tatkraft, wird man bald nicht mehr der größte Autobauer der Welt sein.

Doch das Spurhalten ist schwierig, schreibt Diess dieser Tage. Selbstkritisch, aber vor allem hart und anklagend liest sich das, manches hat auch eine beinah trotzige Note. Tatsächlich ist Volkswagen keine normale Firma, sondern hat etwas Tankerhaftes: Es ist ein Familienunternehmen, mit den Porsches und Piëchs; es ist ein Staatsunternehmen, das Land Niedersachsen hält 20 Prozent; es ist auch ein Unternehmen, in dem die Belegschaft mitregiert, konkret: Betriebsratschef Bernd Osterloh. Rendite und Börsenwert hier, Jobs und Standortinteressen dort - allerlei gilt es zu vereinbaren und dabei auch noch diese Techniktransformationen im Blick zu behalten.

Nach fünf Jahren hat Diess nun eingestanden, dass diesem System nicht beizukommen sei mit seiner provokanten Managementmanier (er spricht gern von "brechen"), zumal nicht in der Zentrale in Wolfsburg. "Verkrustet und kompliziert" sei da vieles und in der Folge zu langsam, um Schritt zu halten in der neuen Automobilwelt. Sein dauernder Vergleich mit dem Vorbild Tesla ist zwar ein bisschen schief: Der US-Autobauer hat keine Mitbestimmung, hat nicht 650 000 Mitarbeiter. Dennoch kann man das aufschreiben, um ein paar der eigenen Leute in Wolfsburg zum Weiterdenken zu bewegen.

Sehr unklug erscheint dagegen, dass Diess diesen Vorwurf des Blockiertwerdens verbindet mit Personalfragen: Es geht um seine Wunschkandidaten für die Vorstandsposten Einkauf und Finanzen, die er bislang nicht durchbekommt - vor allem die Arbeitnehmer sperren sich. Und dann ist da sein in den vergangenen Tagen wahrnehmbar gewordener Wunsch nach einer vorzeitigen Vertragsverlängerung. Das Ansinnen wurde nur gestreut, aber mehrfach, und es ist unwidersprochen und damit bis auf Weiteres gültig. Und es ist eben: eine Vertrauensfrage, gerichtet an den Aufsichtsrat.

Dabei ist es nahezu ausgeschlossen, dass das Gremium sie positiv bescheidet. Zum einen läuft sein Vertrag sowieso bis April 2023, anders als im Fußball wäre eine Verlängerung vorab sehr ungewöhnlich, auch wenn es sich um einen nimmermüden Stürmer handelt, wie Diess einer ist. Zum anderen ist der letzte Ärger noch nicht verflogen: Im Sommer warf Diess dem Aufsichtsrat vor, Straftaten zu begehen, weil Interna über ihn öffentlich gemacht wurden. Kurioserweise ging es auch damals über die Frage seiner Vertragslaufzeit. Es stand Spitz auf Knopf, er entschuldigte sich in aller Form - und bekam dann das Vertrauen ausgesprochen. Bei allen maßgeblichen Gruppen im Aufsichtsrat dachte man: Jetzt mal Ruhe in diesem unseren irren Laden, es gibt ja viel zu tun.

Es mag Chuzpe sein, dass Diess gerade jetzt wieder einen Machtkampf beginnt. Jedenfalls ist es unverständlich. Zumal er gerade viel Spielraum bekommen hat: 150 Milliarden Euro kann er in den kommenden fünf Jahren ausgeben, so hat es der Aufsichtsrat dieser Tage beschlossen. Es wäre spannend zu sehen, wie er das gestaltet. Aber das wird ihm nur gelingen, wenn er sein Feuer einhegt, seine Vertrauensfrage wieder zurückzieht. Und wenn ihm das System andersherum ein paar nötige Freiheiten gewährt.

© SZ/sry
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