VW:Der Dieselskandal heißt jetzt nur noch "Diesel"

Volkswagen CEO Matthias Mueller delivers his speech at the annual shareholder meeting in Hanover

Kann bei der Hauptversammlung von Volkswagen noch immer keine klare Antwort auf die Schuldfrage geben: VW-Chef Matthias Müller.

(Foto: REUTERS)
  • Bei der VW-Hauptversammlung gehen einige Aktionäre die Chefs zwar hart an, alles in allem scheint aber langsam Normalität bei Volkswagen einzukehren.
  • Gestört wird diese Normalität jedoch von einer Nachricht von außerhalb: Die Finanzaufsicht Bafin hat die Manager Müller, Pötsch und Winterkorn angezeigt.

Von Max Hägler und Angelika Slavik, Hannover

So eine Hauptversammlung motiviert die Beteiligten mitunter zu rhetorischen Höchstleistungen. VW-Vorstandschef Matthias Müller prägt beim Aktionärstreffen des Unternehmens an diesem Mittwoch gleich mehrere schöne Sätze. "Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, alles andere schon", ist so ein Satz. Oder: "Nach meiner Überzeugung ist Größe aber niemals Selbstzweck." Auch hübsch: "Dreidimensionale Mobilität ist keineswegs unrealistisch." Damit meint Müller den Versuch, Automobile flugfähig zu machen, woran sie tatsächlich arbeiten bei VW. Müller ist nicht der Einzige, der an diesem Tag in Hannover seine ganze Sprachgewalt nutzt.

Schon vor Beginn der Hauptversammlung stehen Demonstranten vor der Halle, die lang nicht so gefüllt ist wie im vergangenen Jahr. "Keine Entlastung für Umweltverbrecher", steht auf einem der Transparente, "Euer Narzissmus - nicht auf unsere Kosten" auf einem anderen. Die VW-Führung mag gedanklich schon in der Zukunft sein, in der Ära der fliegenden Autos, aber einige Kritiker sind nicht bereit, die Vergangenheit schon ruhen zu lassen. Die Vergangenheit, in der Volkswagen und die Schwestermarken Dieselmotoren manipulierten und damit Behörden, Kunden und Öffentlichkeit betrogen. "Wir wissen, dass wir Ihnen zuletzt einiges zugemutet haben", sagt Müller. Das ist kein rhetorisches Highlight, das ist Pflichtprogramm: Nach eineinhalb Jahren in der Krise hat man bei VW Routine entwickelt, wenn es darum geht, sich bei irgendjemandem zu entschuldigen. Das ist fast schon Normalität.

Der Dieselskandal wird von einigen pragmatisch nur noch "Diesel" genannt

Normalität. Davon gibt es wenig, seit im September 2015 aufgeflogen ist, dass VW die Abgaswerte von Dieselmotoren illegal aufgehübscht hat. Der Dieselskandal, der an diesem Tag in den Messehallen von Hannover von den VW-Leuten wahlweise Diesel-Thematik, Diesel-Krise oder auch einfach nur "Diesel" genannt wird, nimmt viel Platz ein in der Rede von Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch, auch in der des Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller, des Herren über diese zwölf Fahrzeugmarken. "Die Folgen von Diesel" haben belastet, das stehe außer Frage, sagt Müller den Aktionären. "Aber wir haben gegengehalten."

Und das stimmt eben auch. Größter Autohersteller der Welt. 217 Milliarden Euro Umsatz. Gut, der Gewinn (7,1 Milliarden Euro vor Steuern) könnte höher sein. Aber letztlich haben es die Manager des Konzerns aus Niedersachsen es geschafft, den milliardenteuren Skandal irgendwie in das Tagesgeschäft zu überführen, bei dem das sonst Übliche, das Autobauen, gleichberechtigt zum Tragen kommt. Diesen Wunsch, die Dieselaffäre endlich hinter sich zu lassen, drückt sich auch in einem prägnanten Satz dieses Tages aus: "Einen schriftlichen Abschlussbericht von Jones Day gibt es nicht, und es wird ihn auch nicht geben." Es ist der Aufsichtsratschef Pötsch, der das sagt.

Zur Erinnerung: Jones Day heißt die große Anwaltskanzlei, die im Auftrag des Konzerns die Genese des Skandals erforscht: Wer hat wann gewusst, angeordnet oder toleriert, dass Millionen Diesel-Motoren auf der echten Straße in den Dreck-Modus schalten? Im vergangenen Jahr hatte Volkswagen noch angekündigt, die so umfangreichen Untersuchungen zu bündeln und den Abschlussbericht zu veröffentlichen. Immer wieder wurde die Veröffentlichung verschoben. Davon ist nun endgültig keine Rede mehr. Aus rechtlichen Gründen sei das nicht möglich, sagt Pötsch. Die US-Behörden würden das nicht tolerieren.

Auf die Schuldfrage gibt es noch immer keine Antwort

Die Aktionäre wollen das nicht recht glauben, entsprechend harsch fallen die Kommentare aus. "Sollten mit dem Transparenzversprechen die Aktionäre bewusst getäuscht werden?", fragt einer. "Sie sind die größte Teflonpfanne der Nation!", schimpft ein anderer. Mehr als 40 behördliche Untersuchungen, 3550 Klagen von Haltern, das sind juristischen Folgen aus der Dieselaffäre. Und bei der entscheidenden Frage, wer denn nun schuld ist an der Misere, gibt keine Antworten.

Stattdessen gibt es sogar von außerhalb der Halle neuen Ärger: Am Tag der Hauptversammlung wurde bekannt, dass die Finanzaufsicht Bafin Pötsch, Müller und dessen Vorgänger Martin Winterkorn angezeigt hat bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart wegen möglicher Fehlinformation von Aktionären zu Beginn des Dieselskandals.

Auch der Abgang von Christine Hohmann-Dennhart, die nach nur einem Jahr als "Vorstand für Integrität und Recht" hingeschmissen hat, bewegt die Aktionäre. Sie wollen wissen, ob Hohmann-Dennhart bei der Aufarbeitung von "Diesel" härter durchgreifen wollte, als es den Kollegen recht war. Man habe nur unterschiedliche Auffassung über ihre Aufgabe gehabt, erklären die Herren vorne. Und freuen sich dann wohl, dass wieder eine normale Frage kommt: Die Anleitungen von VW-Autos seien unlesbar wegen allerlei Anglizismen. Ja, das stimme mitunter schon, sagt Chef Müller. Und versichert: "Wir bemühen uns, mehr deutsche Worte zu verwenden."

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