Verletzung von Menschenrechten:Eine Entschuldigung von VW wäre eine große Überraschung

Verletzung von Menschenrechten: Die Geschichte der VW-Produktion in Brasilien beginnt kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Im unrühmlichsten Kapitel dieser Zusammenarbeit geht es nicht nur um Schuld im juristischen Sinne.

Die Geschichte der VW-Produktion in Brasilien beginnt kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Im unrühmlichsten Kapitel dieser Zusammenarbeit geht es nicht nur um Schuld im juristischen Sinne.

(Foto: Sven Simon/imago)

VW soll in den 70-er und 80-er Jahren mit der brasilianischen Militärdiktatur paktiert haben. Im Raum steht auch der Vorwurf der "Sklavenarbeit". Die Zeit drängt, die Vergehen aufzuarbeiten.

Kommentar von Boris Herrmann

Am Dienstag findet vor dem Arbeitsgericht in der brasilianischen Hauptstadt Brasília eine Anhörung statt, die sicherlich auch in Wolfsburg aufmerksam verfolgt wird. Der VW-Konzern muss sich für seine Kollaboration mit der brasilianischen Militärdiktatur in den Siebziger- und Achtzigerjahren verantworten. Es geht um eines der besonders dunklen Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte der Nachkriegszeit. Im Raum steht der Vorwurf der "Sklavenarbeit". In Brasília wird es um die große Frage gehen, wie viel Verantwortung ein Weltkonzern heute noch dafür trägt, was zu anderen Zeiten und unter anderen politischen Bedingungen auf seinem Firmengelände geschah. Es geht aber auch um eine ganz simple Frage: Kann es denn so schwer sein, einfach mal laut und deutlich "perdão" sagen, also Entschuldigung?

Aus heutiger Sicht ist es schwer nachvollziehbar, was Volkswagen dazu bewegte, ab 1973 eine Rinderfarm in Brasilien aufzubauen und ins globale Fleischgeschäft einzusteigen. Der Autobauer hat dafür zehntausende Hektar Wald im Amazonasbecken roden lassen und Hunderte von Arbeiter in ein weitgehend unerschlossenes Gebiet gekarrt. Nach allem, was man heute weiß, spekulierte VW auf eine Mischung aus steuerlichen und politischen Vorteilen, indem es sich an der von der brasilianischen Regierung ausgerufenen "Eroberung des Amazonas" beteiligte. Fest steht jedenfalls, was Volkswagen nicht von diesem Investment abhielt: Dass damals in Brasilien ein brutales Militärregime herrschte, das unterdrückte, einsperrte und folterte. VW machte sich zum Komplizen dieser Diktatur.

Rückblickend war die "Fazenda Volkswagen" für das Unternehmen ein doppeltes Fiasko. Sie entpuppte sich als gigantisches Verlustgeschäft und wurde nach nicht einmal anderthalb Jahrzehnten wieder verkauft. Zurück bleibt aber auch eine moralische Bankrotterklärung samt Ermittlungsverfahren. Nach Erkenntnissen der brasilianischen Staatsanwaltschaft wurden auf der VW-Farm zwischen 1974 und 1986 systematische Menschenrechtsverletzungen begangen. Es geht um Schuldknechtschaft, Menschenhandel sowie um die "Ausbeutung von Sklavenarbeit". Die Verbrechen sollen auf dem Farmgelände an Leiharbeitern verübt worden sein, die für Rodungsarbeiten eingesetzt wurden - wohl mit Wissen des Konzernvorstands in Wolfsburg. Am Dienstag muss sich VW nun erstmals vor Gericht diesen Vorwürfen stellen. Es wäre die Gelegenheit zu einem großen Schuldbekenntnis. Aber die Signale deuten eher in eine andere Richtung: Perdão wird nicht gegeben.

VW hat schon einmal Geld an einen Opferband gezahlt, sah darin aber eher eine Spende denn eine Entschuldigung

Es ist ja nicht das erste Mal, das VW von seiner uneingeschränkten Loyalität zu den brasilianischen Militärdiktatoren eingeholt wird. 2017 belegten Recherchen von NDR, SWR und SZ, dass sich Volkswagen zu Diktaturzeiten offenbar aktiv an der politischen Verfolgung von Regimegegnern auf seinem Werksgelände für die Käfer-Produktion bei São Paulo beteiligt hatte. 2020 verpflichtete sich VW do Brasil in einem Vergleich zu einer Zahlung von umgerechnet 5,5 Millionen Euro an einen Opferverband. Aber erstens war der Hauptkläger damals schon verstorben. Und zweitens betonte VW damals den "Spendencharakter" dieses Geldes und vermied hartnäckig begriffe wie "Entschädigung" oder "Entschuldigung".

Heute verweist der VW-Konzern darauf, dass er unter den deutschen Unternehmen, die zu Diktaturzeiten in Brasilien vor allem auf die Zahlen achteten, am transparentesten mit seiner Geschichte umgehe. Aber dass andere es möglicherweise noch schlechter machen, macht die Sache für VW nicht besser.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass die mutmaßlichen Menschenrechtsverletzungen auf der VW-Farm aus Sicht der brasilianischen Justiz verjährt sind. Aber auf eine rein juristische Position sollte sich der VW-Konzern nicht zurückziehen. Er steht hier in der moralischen Pflicht, seine Vergangenheit endlich aktiv aufzuarbeiten. VW muss sich bei den Betroffenen öffentlich entschuldigen und sie angemessen entschädigen. Die Zeit drängt, denn auch viele dieser Opfer sind inzwischen hochbetagt. Wenn da nicht bald etwas geschieht, nährt das den Verdacht, VW wolle die Aufarbeitung so lange verzögern, bis sich niemand mehr beschweren kann.

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