VW-Abgasaffäre Winterkorn will nichts gewusst haben - schwer vorstellbar

VW-Liebhaber Winterkorn: Der frühere Vorstandschef spricht auch eineinhalb Jahre nach seinem Rückzug von der Konzernspitze immer noch von "uns" und "wir"

(Foto: dpa)

Der ehemalige Konzernchef kennt immer noch jedes technische Detail der VW-Autos - und die Abgasmanipulation ist ihm nicht aufgefallen?

Kommentar von Max Hägler

Der Mann ist immer noch ein Automobil-Connaisseur. Eine gute Stunde saß Martin Winterkorn am Donnerstag bereits im Vernehmungssaal im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, eigentlich eine unangenehme Situation: Die Mitglieder des Untersuchungsausschusses wollten wissen, welche Rolle er beim Dieselskandal spielt. Verteidigung und Rechtfertigung, das macht keinen Spaß.

Doch plötzlich kam dem 69-Jährigen ein Lächeln auf die Lippen: Ausschussmitglied Oliver Krischer, ein Grüner übrigens, hatte dem ehemaligen Volkswagen-Chef gerade erzählt, dass er einen VW-Passat fahre und er im Zuge des Dieselskandals gelernt habe, dass die Motorsteuerung gewissermaßen das Gehirn seines Autos sei. Ein VW-Fahrer, das stimmt den Autoliebhaber Winterkorn offensichtlich immer noch froh. Denn Volkswagen, das ist auch eineinhalb Jahre nach seinem Rückzug noch Winterkorns Unternehmen, so oft wie er von "uns" und "wir" sprach bei seiner Vernehmung.

Auch weil dadurch deutlich wurde, dass hier im Sitzungssaal an der Spree irgendwie immer noch der erste Mann des Konzerns saß, waren die Ausschussmitglieder pikiert: Wieso redet der dann nicht ganz offen? Wieso gibt er sich nur als der selbst getäuschte Konzernchef, der letztlich im entscheidenden Punkt von nichts wusste? Chance vertan - so urteilten die Politiker parteiübergreifend nach Winterkorns Auftritt: Der Mann hätte seine Zeugenaussage nutzen können, nutzen sollen, um allen Beteiligten endlich Klarheit zu verschaffen, anstatt über technische Spezialitäten zu reden und sonst jegliche Beteiligung an manipulierten Dieselmotoren abzustreiten.

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Natürlich, genaue Erläuterungen zu seiner Rolle wären interessant gewesen, aber Empörung über deren Ausbleiben ist nicht angebracht. Es geht in diesem weltumspannenden Skandal - Winterkorn sagt dazu übrigens "sogenannte Dieselaffäre" - um mehr als die Ehre, es geht um Schadenersatz in Milliardenhöhe und vielleicht sogar auch um Haftstrafen. Wer würde sich schon freiwillig in diese Gefahr begeben? Das kann niemand verlangen. Es ist verständlich, dass Winterkorn zuerst mit dem Staatsanwalt reden will, in Ruhe, ohne die Öffentlichkeit. Damit hat Winterkorn auch keine Schuld eingestanden, sondern sich so verhalten, wie es der Rechtsstaat erlaubt.

Winterkorn macht sich selbst verdächtig

Dass ihm aber alle vier Fraktionen - Union, Linke, Grüne und SPD -, nicht recht Glauben schenken, ist indes auch zu verstehen. Denn fraglos hat er mit seinen ausgewählten Antworten den Verdacht gegen sich selbst bestärkt. Ausführlich schilderte Winterkorn Details vom Automobilbau, er sprach über Emissionstests, Stickoxide und Einspritzpumpen - dieser Mann ist vom Fach, immer noch. Zu seiner Rolle sagte er bloß: "Vielleicht habe ich Signale übersehen."

Um welche Signale es geht, das mag er nur dem Staatsanwalt erzählen, wobei damit schon ein wenig die Verteidigungsstrategie durchklingt: Wer etwas übersieht, dem kann man vielleicht irgendwann eine Pflichtverletzung vorwerfen, eine Fahrlässigkeit, jedoch keine Beteiligung an dem Betrug.

Das würde die Sache für ihn einfacher machen. Aber: Kann es wirklich sein, dass gerade ihm, dem obersten Ingenieur, dem VW-Liebhaber, nicht die Unstimmigkeiten auffielen bei der Konstruktion der Motoren, bei der Abgasreinigung oder spätestens beim Rückruf einer halben Million Autos, als die US-Behörden sich zum ersten Mal beschwert hatten über viel zu hohe Abgaswerte? Mehr als zuvor gilt nun: schwer vorstellbar.

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