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Continental:Nikolai Setzer wird neuer Chef von Conti

Continental Tire Company

Continental-Fabrik in Hannover: Der Autozulieferer steckt in einer existenziellen Krise.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Führungswechsel bei Continental: Nikolai Setzer soll den angeschlagenen Zuliefer-Konzern aus der Krise führen. Das wird nicht leicht.

Von Max Hägler, Uwe Ritzer und Angelika Slavik, München/Hannover

Es lief alles nach Plan an diesem Donnerstagnachmittag in Hannover, und das ist vielleicht die größte Überraschung: Dass es keine unerwarteten Schwierigkeiten gab, keine Hiobsbotschaften in letzter Sekunde, keine öffentliche Empörung. Nikolai Setzer, 49, wird neuer Vorstandschef bei Continental, so beschloss es der Aufsichtsrat. Setzer übernimmt einen Dax-Konzern, der zuletzt ständig mit unerwarteten Schwierigkeiten konfrontiert war. Mit Hiobsbotschaften. Mit öffentlicher Empörung.

Der Autozulieferer Continental steckt in einer existenziellen Krise, und wohl genau deshalb fiel die Entscheidung über den neuen Chef so schnell: Der Wirtschaftsingenieur Setzer verbrachte sein gesamtes Berufsleben bei Continental, zuletzt leitete er den größten Bereich, die Autosparte. Er kennt Conti mit all seinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und sozialen Tücken genau - und mit diesem Argument dürfte er andere externe Kandidaten ausgestochen haben. Denn in der Lage, in der sich Continental derzeit befindet, kann sich das Unternehmen keinen Chef leisten, der sich erst einarbeiten muss.

Vor zwei Wochen erst hatte der langjährige Conti-Chef Elmar Degenhart, 61, mit Verweis auf seine Gesundheit seinen Rückzug angekündigt. Seine Ära war lange von beachtlichem Erfolg geprägt. Dass sich der Konzern als einer der drei weltweit größten Zulieferer etabliert hatte, ist zu großen Teilen sein Verdienst. Doch in den vergangenen zwei Jahren geriet Conti in massive Schwierigkeiten. Die Gewinnerwartungen mussten immer wieder deutlich gekappt werden; 30 000 Jobs stehen auf der Kippe, der Ärger mit Politik und Arbeitnehmervertretern ist enorm. Stellenstreichungen beim einstigen Vorzeigekonzern, das lässt in Hannover niemanden kalt. Der Ministerpräsident ließ wissen, er erwarte "einen Dialog". Die Gewerkschaft nannte das Management "kurzsichtig und hilflos". Und über alldem steht die Frage: Hätte Continental diese Schwierigkeiten verhindern können, wenn man im Konzern den Wandel in der Industrie nicht unterschätzt hätte? Denn es ist nicht das Virus, das Conti in Schwierigkeiten gebracht hat, zumindest nicht das Virus allein.

Nikolai Setzer

Damals noch im Gespräch ohne Maske: Nikolai Setzer auf der IAA 2018.

(Foto: Peter Steffen/dpa)

Die Autobranche befindet sich in einem teuren Umbruch, zudem ist das Wachstum vorüber: Im Jahr 2017 wurden 94 Millionen Fahrzeuge in der Welt verkauft. Doch vor zwei Jahren änderte sich der Trend. 2020 dürften nicht einmal mehr 90 Millionen Fahrzeuge verkauft werden. Die sogenannten Premiumhersteller Audi, BMW und Mercedes spüren davon nicht ganz so viel, auch weil China als Ausnahmeerscheinung hervorragend läuft und dort viele teure deutsche Autos verkauft werden. Aber Zulieferer wie Conti spüren, dass die Umsätze stagnieren und zugleich die Kosten zunehmen: Ihre Kunden in aller Welt fragen weniger Teile nach. Denn der Wandel zur digitalisierten Elektromobilität verändert die Bedürfnisse der Autohersteller.

Zudem werden die Fabrikanlagen und Abläufe von Jahr zu Jahr effizienter, im Industriedurchschnitt zwei bis drei Prozent. Es ergäbe wirtschaftlich nur Sinn, die Beschäftigungszahl zu halten, wenn die Nachfrage steigen würde - was aber nicht der Fall ist. Es schrumpfen gerade die arbeitsintensiven Felder: Verbrennermotoren werden in dem Maße weniger nachgefragt, wie die Elektromobilität an Fahrt gewinnt. Diese Aggregate sind konstruktiv simpler, es braucht weniger Beschäftigte, aber hohe Investitionen in neue Anlagen.

Im ebenfalls so wichtig gewordenen Feld der Digitalisierung hinkt die einstige Autonation Deutschland hinterher: Continental entwickelt zum Beispiel gerade einen Zentralrechner, der das Wirrwarr aus Dutzenden Steuergeräten in einem Auto ersetzen soll. Aber noch ist es nicht so weit - Tesla hingegen hat so etwas schon, selbst programmiert. Dazu kommt die Konkurrenz durch die eigene Kundschaft: Volkswagen etwa arbeitet mit Hochdruck an einem solchen Supercomputer, und zwar im eigenen Haus. Ähnlich ist es bei Fahrassistenzsystemen, die irgendwann selbstfahrende Autos ermöglichen sollen: Die vor Jahren angekündigte Kooperation von Conti mit IBM und Google ist weitgehend eingeschlafen.

"Keine ihrer Krisen der vergangenen 70 Jahre war größer und schärfer."

Insgesamt verschiebt der Technologiewandel die Spielregeln in der Industrie zu Ungunsten der Zuliefer-Konzerne. Die Autohersteller geben den Spardruck weiter an ihre Zulieferer, die mehr als zwei Drittel zu einem Auto beitragen. Sie drehen die Variantenvielfalt zurück, nehmen geringere Stückzahlen ab oder setzen in immer größeren Einkaufsverbünden niedrigere Preise durch. Die Unternehmensberatung Alix Partners hat vor Kurzem einmal ausgerechnet, was das in Zahlen bedeutet: Das Betriebsergebnis der Hersteller sank zwischen 2015 und 2019 um 13 Prozent, das der Zulieferer sogar um 33 Prozent. Jeder zweite Zulieferer stand bereits im Jahr 2019 unter hohem finanziellem Stress. Der scheidende Chef Degenhart hat das so beschrieben: "Die gesamte Autoindustrie hat derzeit gewaltige Herausforderungen zu bewältigen. Keine ihrer Krisen der vergangenen 70 Jahre war größer und schärfer."

Sein Nachfolger muss nun diese wirtschaftliche Herausforderung lösen und den Konzern vor allem in Sachen Software voranbringen. Und er muss sich mit dem einflussreichen Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle, 71, arrangieren. Reitzle, so hört man, ist seit geraumer Zeit unzufrieden mit den Vorgängen bei Conti und scheut sich nicht, das intern auch deutlich zu sagen. Setzer an der Spitze zu installieren, gilt als seine Idee. Reitzle ist ein Vertrauter von Georg und Maria-Elisabeth Schaeffler, die 46 Prozent am Unternehmen halten. Mutter und Sohn Schaeffler geben Reitzle viele Freiheiten: So waren sie in die Suche nach einem Degenhart-Nachfolger zwar eingebunden, überließen sie jedoch weitgehend dem Aufsichtsratschef, der ihnen nur am Ende eine Shortlist präsentiert habe, wie man hört. Seit der Conti-Übernahme 2008 fühlen sich die Schaefflers in Hannover nicht willkommen; dementsprechend üben sie sich weitgehend in Zurückhaltung, um sich nicht den Vorwurf zuzuziehen, sie würden zu sehr ins Geschäft bei Conti eingreifen.

Das ist Conti eben auch: Ein Laden, in dem es nicht nur um Technologiewandel geht, sondern in dem auch auf allerlei Sensibilitäten Rücksicht genommen werden muss. Auf die der Schaefflers, auf die Reitzles, auf die von Politik und Arbeitnehmern. Es mag keine Schwierigkeiten gegeben haben bei der Bestellung Nikolai Setzers zum Vorstandschef. Im Amt wird er es aber nicht immer so leicht haben.

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