Vorsorge Die können das

Alle müssen einzahlen, vom Geld der Reichen profitieren Menschen mit geringem Einkommen: Warum die Schweizer bei der Rente fast sozialistisch sind und wie es in anderen Ländern aussieht.

Von Charlotte Theile

Samstagabend, ein thailändisches Restaurant in der Zürcher Innenstadt, fünf junge Menschen. Zwei davon sind noch müde vom Abend zuvor, einer ist gerade aus dem Yoga Retreat in der Toskana zurückgekehrt. Eine hat am Nachmittag Rechnungen sortiert und bezahlt, die fünfte kommt gerade aus London. Es geht um die Esoteriker in der Toskana, Naturvölker in Namibia, Türsteher in Zürich, Cristiano Ronaldo. Dann erzählt die mit den Rechnungen von ihren Finanzen. So und so viel habe sich inzwischen angespart, da müsse man doch einmal etwas machen. Anlegen, vorsorgen, Aktien.

Ist das noch Smalltalk? Nicht wirklich. Einer erzählt, wo er im vergangenen Jahr 15 000 Franken angelegt hat, plötzlich geht es um Renditen, Hebel, Zinsen.

In Deutschland wäre eine solche Diskussion unwahrscheinlich. Man sollte vermutlich etwas sparen, aber man sei nun mal kein Zahlenmensch, es sei ohnehin spießig - viel weiter gehen solche Diskussionen selten. Für Philipp Vorndran, Kapitalmarktstratege der Kölner Vermögensverwaltung Flossbach von Storch, ist das ein gutes Beispiel. Die Schweizer hätten ein anderes Verhältnis zum Geld, glaubt Vorndran, der selbst 12 Jahre lang in der Schweiz gelebt hat. Er sagt: "Ich bin großer Anhänger der Schweizer Altersvorsorge." Als er 2004 wieder nach Deutschland zurückkehrte, ließ er einen Teil seiner Vorsorge in der Schweiz bestehen.

Damit ist er nicht alleine. Die Schweizer Altersvorsorge hat in Deutschland viele Fans. Politiker wie der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier überlegen immer wieder, einen Teil der deutschen Renten schweizerischer zu machen.

Das Modell, um das es geht, beruht auf drei Säulen. In der ersten Säule geht es um die Existenzsicherung. Die Alters- und Hinterlassenenversicherung, kurz AHV genannt, wurde 1948 eingeführt. Alle Einwohner der Schweiz sind darin pflichtversichert, auch Beamte, Studenten und Hausfrauen. Knapp neun Prozent des Verdienstes gehen an die AHV, Arbeitgeber und Arbeitnehmer teilen sich die Beiträge. Anders als in Deutschland gibt es beim Einzahlen keine Obergrenze. Ausgezahlt aber werden aus der AHV - umgerechnet - höchstens 2140 Euro im Monat, der Mindestbetrag ist 1070 Euro. Bei den Schweizer Lebenskosten reicht dies für eine Grundsicherung. "Eigentlich ein sozialistisches Prinzip" sagt Vorndran. Für viele Senioren ist es eine der wichtigsten Sicherheiten überhaupt.

Illustration: Stefan Dimitrov

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Für Hermann-Josef Tenhagen vom Verbraucherportal Finanztip ist die AHV ein entscheidender Vorteil der Schweiz. "Anders als unser lineares System unterstützt diese Verteilung die unteren Einkommen und bewahrt sie ein Stück weit vor der Altersarmut", glaubt der Finanz-Experte.

Die zweite Säule, in der Einkommen zwischen 20 000 und 77 000 Euro obligatorisch versichert werden, wird von unabhängigen Stiftungen und Versicherern betrieben. Wie bei der AHV ist der Arbeitgeber verpflichtet, 50 Prozent beizutragen. Ziel der zweiten Säule ist es, den "gewohnten Lebensstandard" über die Pensionierung hinaus zu sichern. Mit diesen zwei Säulen kommen Schweizer, die ein durchschnittliches Einkommen erhalten haben, im Alter auf etwa 60 Prozent ihres Gehalts.

Wirklich interessant wird es für Kapitalmarktstrategen wie Vorndran in der dritten Säule. Hier geht es um private Vorsorge - und massive steuerliche Vorteile. Wer in die zweite Säule einzahlt, kann jährlich gut 6200 Euro steuerlich geltend machen. Viele schöpfen dieses Angebot voll aus: Die Steuervorteile verstärken den Anreiz, über die obligatorische Vorsorge hinaus Geld zurückzulegen. Wie man diese Summe anlegt, bleibt den Schweizern weitgehend selbst überlassen. Einige wählen Lebensversicherungen, andere Aktienfonds.

Das System fördert Eigenverantwortung und Finanzbildung

Der größte Unterschied zum deutschen System? "Die Schweizer haben einen anderen Umgang mit Risiko als die Deutschen", sagt Vorndran, der für die Schweizer Privatbank Julius Bär und die Zürcher Großbank Credit Suisse gearbeitet hat. Selbst die Volksversicherung AHV lege das Geld auch in riskanten Anlagen an, die langfristig bessere Performance versprechen - obgleich kurzfristig Verluste drohen. In Deutschland dagegen unterliegen staatlich geförderte Anlageoptionen strengen Restriktionen, etwa der sogenannten Nominalgarantie in der Riester-Rente. Dadurch werde das Geld fast "unmanagebar", sagt Vorndran, der als Kapitalmarktspezialist möglichst flexibel mit dem Vermögen in seinem Verantwortungsbereich umgehen möchte. Große Risiken für die Kunden entstünden durch diese Strategie nicht: "Über lange Zeithorizonte - wie es sie bei der Altersvorsorge gibt - wachsen die Risiken der Anlagen heraus, und die Renditechancen treten in den Vordergrund."

SZ-Serien-Finale: Folge 26

Wie groß der Unterschied ist, den eine risikotolerante Anlagepolitik machen kann? Vorndran weist auf die Zahlen der OECD hin: Etwa 50 Prozent mehr bekomme ein Schweizer Rentner im Vergleich zu einem Deutschen, bei ähnlicher Einzahlung. Dass Vorndran kein Freund staatlicher Regulierungen ist, versteht sich von selbst. Der 54-Jährige arbeitet für einen Finanzdienstleister, der für seine flexiblen Anlagestrategien berühmt ist. Neben Edelmetallen setzt man dabei auf Aktien großer Unternehmen - und die sind oft in der Altersvorsorge für ihre Mitarbeiter erneut staatlichen Regeln unterworfen. Für Vorndran sind das Fesseln, die es abzuwerfen gilt.

Viele Deutsche setzen dagegen beim Sparen auf Sicherheiten und Garantien. Die Nominalgarantie in der Riester-Rente gewährleistet etwa, dass man mindestens die Summe der eingezahlten Beträge zurückbekommt. Wie viel eine solche Garantie bringt, ist umstritten: Schließlich frisst die Inflation im Laufe der Jahrzehnte etwa die Hälfte des Wertes auf. Kapitalmarktexperten wissen: Garantien gibt es in ihrem Geschäft kaum. Jedes Unternehmen kann straucheln, vor Skandalen sind die Größten nicht gefeit. Für viele Bürger dagegen sind Garantien beruhigend. Vorndran hält das für ein Zeichen mangelnder Finanzbildung. Wer nicht wisse, wie Risiko, Zinsen und Renditen funktionieren, könne nur schwer nachvollziehen, welche Anlage für ihn sinnvoll sei. Aus diesem Grund werde in Deutschland viel Geld schlecht angelegt.

Finanz-Experte Tenhagen dagegen glaubt, die Garantien im deutschen System seien nicht per se schlecht. Sie würden erst zum Problem, wenn die Zinsen wie jetzt niedrig sind. Neben dem linearen System, das niedrigen Einkommen kaum eine Chance auf eine vernünftige Rente lasse, seien die Gebühren der Finanzprodukte für die Lücken in der Altersvorsorge verantwortlich. "Fondsgesellschaften und Versicherungen behalten oft vier oder fünf Prozent des angesparten Kapitals als Servicegebühr ein." Damit werde der ohnehin schon kleine Ertrag weiter geschmälert.

Das Schweizer System wurde zu einer Zeit installiert, als die demografische Verteilung ganz anders aussah als heute. Wer es in der Gegenwart kopieren würde, dürfte kaum den gleichen Erfolg haben. Auch in der Schweiz muss angepasst werden: Das Rentenalter für Frauen soll erhöht werden. Die Anbieter der Berufsvorsorge der zweiten Säule haben aufgrund der niedrigen Zinsen Schwierigkeiten, ihre Zusagen einzuhalten. Probleme wie dieses kennt jedes Rentensystem. Niedrige Zinsen und eine alternde Bevölkerung stellen alle auf die Probe. Die Schweiz hat gegenüber Deutschland aber einige grundsätzliche Vorteile: Es gibt keine Exit-Option für Gutverdiener aus der allgemeinen Vorsorge. Und: Das System fördert Eigenverantwortung und Finanzbildung.

Mit Freunden beim Bier über Renditen und Zinsen zu sprechen - das klingt spießig, berechnend. Man könnte aber auch sagen: Es gehört zum Leben, genau wie Reisen, Fußball und Türsteher.

Reicht die Rente in Zukunft zum Leben? Wie kann ich zusätzlich vorsorgen? Wie ändert sich das Leben alter Menschen? Die SZ-Serie "Unsere Zukunft, unsere Rente" beschäftigt sich mit den wichtigsten Aspekten des Ruhestands.