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Vor EZB-Entscheidung:Finanzmärkte rechnen mit historischem Zinsschritt

Geld in Europa könnte noch billiger werden - zumindest für die Banken. Volkswirte erwarten von der Europäischen Zentralbank einen historischen Schritt: Erstmals seit Einführung des Euro 1999 könnte der Leitzins im Währungsraum unter ein Prozent fallen. Manche Experten sehen den Schritt kritisch.

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird heute wahrscheinlich erstmals in ihrer Geschichte den Leitzins auf unter ein Prozent senken. An den Finanzmärkten wird allgemein erwartet, dass die Währungshüter wegen der Euro-Krise und der Eintrübung der Wirtschaft den Schlüsselzins um einen viertel Prozentpunkt auf 0,75 Prozent kappen - einige Finanzprofis halten sogar 0,5 Prozent für möglich. Auch eine Absenkung des Einlagesatzes, den Banken von der EZB bekommen, wenn sie Geld bei ihr parken, auf null oder knapp über null Prozent ist im Bereich des Möglichen. Für 13:45 Uhr wird die Entscheidung des EZB-Rats erwartet.

Mario Draghi

Die Finanzwelt wird seinen Worten heute sehr genau zuhören: EZB-Chef Mario Draghi wird am Nachmittag auf einer Pressekonferenz über die Entscheidung des EZB-Rats sprechen.

(Foto: dpa)

Die Fachleute werden zudem bei der Pressekonferenz im Anschluss an die Zinsentscheidung des EZB-Rats genau darauf achten, ob Zentralbankchef Mario Draghi Hinweise auf weitere Maßnahmen gegen die Schuldenkrise gibt. Denkbar sind etwa zusätzliche Liquiditätsspritzen für die Banken. Draghi wird voraussichtlich um 14:30 Uhr vor die Presse treten.

Umstrittene Maßnahme

Unter Finanzexperten ist die Maßnahme einer weiteren Zinssenkung umstritten. Bereits am Dienstag riet die Präsidentin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, der EZB zu verstärkten Anleihe-Käufen, statt eine weitere Senkung vorzunehmen.

Nach Ansicht des Ökonomen Torsten Schmidt würde dies kaum zu mehr Wirtschaftswachstum führen. "In der Realwirtschaft ist die Unsicherheit so groß, dass eine Zinssenkung um einen Viertelprozentpunkt keinen Investitionsboom auslösen wird", sagte der Experte für Geldpolitik am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung. Klarer Profiteur wären demnach aber die Banken, die sich günstiger bei der Europäischen Zentralbank mit Geld eindecken könnten.

Andere Fachleute, wie Henning Vöpel vom Hamburger Weltwirtschaftsinsitut, halten den Impuls für die Wirtschaft derzeit allerdings nur für zweitrangig. Die mögliche Senkung würde helfen, einen Verfall der Vermögen in der Krise zu verhindern. "Sie stützen die Immobilienmärkte, die Nachfrage nach Staatsanleihen und den Aktienmarkt", sagte der Experte für Geldpolitik. "Bei der Leitzinssenkung geht es um die Signalwirkung."

Noch keine Entlastung für die Märkte

Bereits vor der EZB entscheidet am Mittag die Bank of England über ihren weiteren geldpolitischen Kurs. Auch von ihr erwarten die meisten Investoren eine Lockerung der Geldpolitik, jedoch in Form weiterer Staatsanleihenkäufe statt einer Zinssenkung.

Im fernöstlichen Handel steht der Euro vor dem Zinsentscheid weiter unter Druck. Die Gemeinschaftswährung wurde am Donnerstag mit 1,2527 Dollar gehandelt. Händler sagten, dass ein Teil der Schwäche auch auf den Ausverkauf nach dem Zinsausblick der schwedischen Zentralbank zurückzuführen sei. Die Notenbank hatte die Zinsen unverändert bei 1,50 Prozent gelassen und für einige Zeit stabile Zinsen in Aussicht gestellt - es sei denn, die Schuldenkrise in Europa würde sich verschärfen. Marktteilnehmer hatten eine deutlichere Stellungnahme zu künftigen Zinssenkungen erwartet.

Der Euro rutschte zur schwedischen Krone auf den tiefsten Stand seit mehr als elf Jahren. In japanischer Währung kostete der Euro 100,31 Yen, der Dollar 80,05 Yen. Der Schweizer Franken notierte bei 0,9585 Franken je Dollar und 1,2010 Franken je Euro.