Wohnungsunternehmen:Vonovia räumt die letzte Hürde aus dem Weg

Berlin Wedding Afrikanisches Viertel zwischen Afrikanische Straï¬'e und Guineastraï¬'e Siedlung der V

Das "Afrikanische Viertel" im Berliner Stadtteil Wedding, teilweise saniert von der Vonovia.

(Foto: Jürgen Ritter/imago images)

Deutschlands größter Vermieter will die Deutsche Wohnen übernehmen. Dafür braucht es nicht unbedingt 50 Prozent der Aktien, heißt es jetzt von dem Dax-Unternehmen. Zumindest nicht sofort.

Von Benedikt Müller-Arnold, Düsseldorf

50 Prozent plus eins lautet das Zauberwort, egal ob in der Wirtschaft oder in der Politik: Wer die Mehrheit der Stimmen im Parlament hat, kann Gesetze beschließen. Und wer die Mehrzahl der Aktien einer Firma besitzt, der entscheidet in der Hauptversammlung über das große Ganze - und darf die Geschäfte in die eigene Bilanz aufnehmen.

Da überrascht es auf den ersten Blick, wenn der Immobilienkonzern Vonovia nun sagt, er brauche kein "50 plus eins". Deutschlands größter Vermieter will mit der Deutsche Wohnen fusionieren, dem größten privaten Wohnungsunternehmen in Berlin. Nun knüpft Vonovia den Erfolg der Offerte an keinerlei Bedingungen mehr, das hat die Firma am späten Montagabend bekanntgegeben. Und man fragt sich: Hat da jemand Angst, die magischen 50 Prozent abermals zu verfehlen?

Vonovia sieht das anders, der Konzern verweist auf zwei Besonderheiten. Zum einen die Logik der Fusion: Vonovia und Deutsche Wohnen wollen ihre zusammengerechnet gut 500 000 Wohnungen in Deutschland künftig gemeinsam bewirtschaften - beispielsweise mit einer einheitlichen Handwerker-Organisation; das soll Kosten sparen. Derlei Synergien könne man "weitestgehend unabhängig" davon heben, wie viele Deutsche-Wohnen-Aktionäre nun die Offerte von Vonovia annehmen, heißt es von den Unternehmen.

Zum anderen zeigt sich Vonovia ziemlich sicher, dass man - früher oder später - schon die Mehrheit an dem Konkurrenten erlangen werde. Die Bochumer haben ohnehin knapp 30 Prozent der Deutsche-Wohnen-Anteile selbst gekauft. Über weitere zehn Prozent habe Vonovia bereits Offerten oder Zusagen sicher, teilt der Konzern mit. Und selbst wenn man bis Oktober die 50-Prozent-Schwelle verfehlen sollte, könnte Deutsche Wohnen zur Not zusätzliche Aktien ausgeben, die dann Vonovia - und nur Vonovia - kaufen dürfte. So haben es die Unternehmen vereinbart.

Im Juli war der Zusammenschluss knapp an der 50-Prozent-Hürde gescheitert

Die beiden größten privatwirtschaftlichen Vermieter Deutschlands hatten bereits im Mai beschlossen, dass sie fusionieren wollen. Gemeinsam könnten sie die Herausforderungen der Branche besser bewältigen, so die Begründung. Vonovia und Deutsche Wohnen verweisen etwa auf den Neubau von Mietwohnungen - oder den milliardenschweren Umbau hin zu klimafreundlichen und barrierefreien Siedlungen.

Beide Firmen haben in den vergangenen Jahren davon profitiert, dass viele Menschen in hiesige Großstädte gezogen sind und der Neubau zunächst kaum hinterherkam. Vielerorts konnten Vonovia und Deutsche Wohnen die Mieten erhöhen. Dank niedriger Zinsen können sie sich zudem günstig finanzieren, ihre Immobilien haben Milliarden an Wert gewonnen.

All das ruft freilich auch Kritik hervor. Beispielsweise hat eine Initiative in Berlin genug Unterschriften gesammelt, damit die Wahlberechtigten bald über den Vorschlag abstimmen dürfen, privatwirtschaftliche Großvermieter in der Hauptstadt zu enteignen. Deutsche Wohnen ist als Marktführer in Berlin das Feindbild dieser Kampagne, während Vonovia in deutlich mehr Ballungsräumen Wohnungen besitzt, zudem einige Zehntausend in Österreich und Schweden.

Obwohl viele Investoren den Fusionsplan begrüßten und das Bundeskartellamt den Zusammenschluss bereits genehmigt hat, scheiterte die Übernahme im Juli zunächst knapp an der 50-Prozent-Hürde. Vonovia verwies darauf, dass sogenannte passive Investoren die Offerte nicht annehmen konnten, weil sie beispielsweise einen Dax-ETF besitzen. Der ETF kann die Deutsche-Wohnen-Aktien erst dann verkaufen, wenn das Unternehmen den Dax verlässt, also nach einer geglückten Fusion. Zudem spekulierten einige Fonds darauf, dass Vonovia zu einem späteren Zeitpunkt noch mehr Geld pro Deutsche-Wohnen-Aktie bieten würde; also verkauften sie ihre Anteile zunächst nicht.

Vonovia-Chef Rolf Buch zauderte nicht lange und hat sein Angebot im August um einen Euro erhöht - auf nun 53 Euro je Deutsche-Wohnen-Aktie. Zudem signalisierte Buch, dass dies die letzte Offerte sei. Investoren gehen offensichtlich davon aus, dass die Fusion gelingen dürfte: An der Börse notierte Deutsche Wohnen am Dienstag zeitweise genau bei jenen 53 Euro je Anteilsschein. "Buch macht den Sack jetzt zu", kommentiert Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, "der Drops ist gelutscht."

© SZ
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