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Pharmazie:Diese Medikamente wurden zufällig entdeckt

  • Der Zufall spielt bei der Entwicklung von Medikamenten eine größere Rolle als man meinen könnte.
  • US-Forscher zum Beispiel empfehlen neuerdings Aspirin vorbeugend gegen Krebs, Infarkt und Schlaganfall.

Alle reden über Addyi, die neue Lustpille für die Frau. Sie soll sexuell stimulieren, an die wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolge des männlichen Pendants Viagra anknüpfen. Die Herstellerfirma Sprout Pharmaceuticals hofft auf starke Umsätze und Gewinne, hat prompt ein Übernahmeangebot von dem Wettbewerber Valeant. Erfunden hat sie diese rosa Pille für die Frau nicht, und ursprünglich sollte ihr Wirkstoff auch nicht die Libido wecken, sondern Depressionen bekämpfen.

Doktor Zufall spielt in den Laboren eine größere Rolle, als manche meinen, sogar bei revolutionären Entdeckungen wie dem Penicillin, das als erstes Antibiotikum Millionen von Menschen das Leben rettete. Seit das menschliche Erbgut entschlüsselt wird, gehen die Pharmaforscher sehr gezielt auf Entdeckungsreise, um Krankheiten schon im Keim zu ersticken. Sie sollten es besser wissen: Die Medizingeschichte lehrt, wie wichtig Zufallsfunde und die Beachtung positiver Nebenwirkungen sind.

Lust Was Frauen wollen
Lustpille "Addyi"

Was Frauen wollen

Sie haben weniger als dreimal im Monat Sex und auch sonst kein Hollywood-Leben? Vielleicht müssen Sie mal zum Arzt und ein paar Pillen einwerfen. Am besten rosarote aus den USA.   Von Felicitas Kock

Depressionen sind als Krankheit weit verbreitet. In den 90er-Jahren forschte das deutsche Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim an Gegenmitteln. Sie testeten den Wirkstoff Flibanserin, der über das Hirn und die Hormone wirkt. Frauen setzen solche Mittel häufig ab, wenn ihre Libido erlahmt. Bei Flibanserin war es anders, die Testpersonen berichteten von stärkerem sexuellen Verlangen. Boehringer entschied sich dennoch gegen dieses Therapie-Gebiet, verkaufte alle Rechte an die US-Start-up-Firma Sprout. "Um so mehr freuen wir uns, dass Flibanserin heute Frauen zur Verfügung steht", heißt es in Ingelheim. Im Vergleich dazu verlief die Viagra-Story nahezu blauäugig.

Keime auf dem Labortisch vergessen - der Anfang der Geschichte des Penicillin

Der US-Pharmakonzern Pfizer wollte ein neues Mittel gegen Herzerkrankungen erproben. Er nannte den Wirkstoff Sildenafil und hoffte auf Linderung der Angina Pectoris. Die Studien verliefen enttäuschend, aber viele Männer gaben die restlichen Medikamente nicht mehr her. Unbekannte brachen sogar in ein Labor ein, um sich den magischen Stoff zu beschaffen. Sildenafil verhalf vermehrt zu Erektionen. Pfizer testete es daraufhin gegen Erektionsstörungen. Schon in der Erprobungsphase erhielt man Hunderte Dankesbriefe beglückter Probanden. 1998 wurde Viagra in den USA und Europa zugelassen. Seither bekamen 37 Millionen Männer weltweit das Mittel verordnet. Pfizer erzielte mit Viagra seit der Zulassung einen Umsatz von 28,4 Milliarden Dollar, seit dem Ablauf des Patents gibt es etliche Nachahmer der blauen Pille.

Weniger um die Lust als um das nackte Überleben ging es in Zeiten mangelnder Hygiene und Seuchen wie Diphtherie und Tuberkulose. Der schottische Arzt Alexander Fleming vergaß 1928 gefährliche Keime in einem offenen Gefäß auf dem Labortisch. Bald erhielt er die Quittung für seine Schlamperei: seine vergammelte Petrischale war von einem Pilz namens Penicillium notatum überwuchert, die Keime aber weg. Zwölf Jahre später gelang es den Wissenschaftlern Howard Florey und Ernst Chain, reines Penicillin aus diesem Schimmelpilz zu gewinnen. Sie testeten es und konnten beweisen, dass es bakterielle Erkrankungen stoppen kann. Das war eine Sensation, ein solches Medikament hatte es bis dahin noch nicht gegeben.

Bis heute werden bakterielle Krankheiten mit einer Vielzahl von Antibiotika wie Penicillin behandelt, die von vielen Pharmaunternehmen zu geringen Preisen angeboten werden. Die Antibiotika-Schwemme hat ihren Preis: gegen neue resistente Bakterien wirken die alten Mittel nicht mehr. Deshalb sind die Forscher heute wieder gefordert, neue Wirkstoffe zu finden, etwa gegen die gefürchteten Krankenhauskeime. Fleming erhielt zusammen mit Florey und Chain im Jahr 1945 den Nobelpreis für Medizin.

Botox für schielende Patienten

Medizin kann bitter, auch giftig sein, das ist eine Frage der Dosis. Schon 1817 beschrieb der Amtsarzt Justinus Christian Kerner Vergiftungserscheinungen nach dem Essen schlecht gewordener Würste. Man nannte das Gift Botulinum nach dem lateinischen Namen für Wurst, später das verantwortliche Bakterium Clostridium botulinum. Erst 1981 erkannte der amerikanische Mediziner Alan Scott den therapeutischen Nutzen. Er spritzte schielenden Patienten winzige Mengen in bestimmte Augenmuskeln. Die Muskeln entspannten sich und das Schielen ging so zurück. Bald bewährte sich das Mittel als Krampflöser bei Augenlidern, Gesichtsmuskeln oder Schiefhalts und anderen spastischen Erkrankungen. Eine Nebenwirkung der Behandlung wollten Patientinnen nicht mehr missen. Die Falten im Gesicht verschwanden, wenn auch nicht für immer. Inzwischen hat sich Botox als Gesichtsglätter weltweit etabliert. Nicht nur Prominente geben regelmäßig viel Geld aus, um ihre Gesichter zu straffen. Scott aber trat 1991 die Botox-Rechte für 4,5 Millionen Dollar an das kalifornische Unternehmen Allergan ab, was er später bereute. Denn Allergan erzielte mit dem Faltenkiller Milliarden. Wegen des großen Erfolges wurde das Unternehmen vor Kurzem vom Konkurrenten Actavis zum Preis von 66 Milliarden Dollar übernommen, zuvor zeigte auch Valeant Interesse.

In der Regel quälen die Nebenwirkungen der Medikamente die Patienten, weshalb es Beipackzettel und den berühmten Spruch zu "Risiken und Nebenwirkungen" gibt. Manchmal aber sind sie erwünscht. Zum Beispiel ist der Wirkstoff Bupropion sowohl als Mittel gegen Depressionen als auch zur Entwöhnung von Nikotin zugelassen, auch so ein Zufallsfund. Die neue Generation der Antibaby-Pille macht nebenbei schöne Haut und befreit von Pickeln. Deshalb lassen sich junge Mädchen die Präparate verschreiben, obwohl Mediziner vor anderen Nebenwirkungen wie Thrombosen oder Bluthochdruck warnen.

Nahaufnahme Antibabypillen von Bayer unter Verdacht
Nebenwirkungen

Antibabypillen von Bayer unter Verdacht

Yasmin, Yasminelle, Yaz, Aida und Petibelle: Die Antibabypillen von Bayer sollen ein erhöhtes Risiko für Embolien bergen. Frauen wie Kathrin Weigele wehren sich.   Von Helga Einecke

Manchmal sorgen selbst Klassiker für Überraschungen, etwa das von Bayer entwickelte Aspirin. Amerikanische Forscher empfehlen es neuerdings in Maßen zur täglichen Einnahme vorbeugend gegen Krebs, Infarkt und Schlaganfall. Dieser Schutz überwiege den potenziellen Schaden vor Blutungen in Hirn und Magen-Darm-Trakt, so die Überzeugung. Die 1897 in Elberfeld erstmals synthetisierte Bayer-Arznei hat längst keinen Patentschutz mehr und wird unter anderem Namen von vielen Firmen angeboten. Ihr Wirkstoff Acetylsalicylsäure, kurz ASS, steht auf der Liste der weltweit unentbehrlichen Arzneimittel, weil er Schmerzen stillt, Fieber senkt, Entzündungen hemmt.