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Flugtaxis:Testflug über Singapur

Volocopter-Chef Florian Reuter (re.) und Duncan Walker/Skyports haben das Flugtaxi vorgestellt.

(Foto: Roslan Rahman/AFP)
  • Singapur gilt im Bereich der Stadtplanung als Zukunftslabor.
  • Jetzt schmiedet das deutsche Unternehmen Volocopter Pläne für Südostasien.

"Diese Stadt war niemals schüchtern, wenn es darum ging, neue Ideen auf ihre Tauglichkeit zu testen", sagt Park Byung Joon über die Metropole Singapur. Park ist koreanischer Ökonom und Transportexperte, der im südostasiatischen Stadtstaat Wirtschaft lehrt. Singapur gilt im Bereich der Stadtplanung als Zukunftslabor. Insofern liegt es nahe, dass das deutsche Unternehmen Volocopter, das Flugtaxis entwickelt und erprobt, Pläne für Singapur schmiedet.

Der Vorstoß der badischen Drohnen-Pioniere an den Äquator hat aus Sicht des Start-ups noch weitere Vorteile: Singapur gilt als Schaufenster für ganz Asien und bietet so eine günstige Kulisse, um dem Vorhaben autonom gesteuerter Flugtaxis einen weiteren Schub zu geben. Sie hoffen, dass es nur noch zwei bis vier Jahre dauern wird, bis man auf einer "kommerziellen Route" starten könne, wie Duncan Walker sagt. Er ist Geschäftsführer des Unternehmens Skyports, das in Kooperation mit Volocopter die potenziellen Start- und Landeplätze für Flugtaxis entwickelt.

Pilot an Bord

Tan Kong Whee von der singapurischen Behörde für wirtschaftliche Entwicklung EDB beschwor die Aussicht auf "weitere aufregende Partnerschaften" mit dem Startup. Allerdings hielt sich der Stadtstaat bislang noch bedeckt, wann und wo eine solche Flugtaxistrecke tatsächlich eingerichtet werden könnte.

Am Montag stellten beide Unternehmen schon mal ihre Pläne vor, dafür haben sie einen sogenannten Voloport aufgebaut, der auf einer großen Plattform in der Marina Bay schwimmt. "The Float" ist eine exklusive Adresse im Stadtstaat, die gewöhnlich für Konzerte genutzt wird. In dieser Woche dient sie Volocopter und Skyport als Bühne, wer übers Wasser blickt, sieht links das Wahrzeichen Marina Bay Sands und rechts die Türme des Central Business District.

Am Dienstagmittag hob der Volocopter schließlich zum offiziellen Vorführflug ab. Eine Schleife übers Wasser, 1,5 Kilometer, knapp zwei Minuten, 40 Meter Höhe. Schon tags zuvor hatte das Fluggerät eine nahezu unbemerkte Generalprobe an gleicher Stelle absolviert. Er startete nicht vom Voloport, der als Modell aufgebaut war, sondern gegenüber, auf freiem Feld. Kaum einer der Touristen schien bemerkt zu haben, wie das weiße Fluggerät aus Karbonfaser eine Runde übers Wasser schnurrte.

Allerdings: Der X2 flog nicht als autonome Drohne, sondern gesteuert von einem Piloten. Vorerst wird das auch so bleiben, wie Geschäftsführer Florian Reuter erklärt. Der Volocopter, der bisher ein Zweisitzer ist, lässt sich auf drei Arten steuern: Mit einem Piloten, per Fernsteuerung wie ein Modellflugzeug, aber auch gänzlich autonom, wie Reuter sagt. Dennoch würde das Fluggerät anfangs nur mit Pilot verkehren, sobald Singapur dies genehmigt. Das solle helfen, die Akzeptanz zu sichern, die ein neues Projekt braucht. Axel Zosel, Mitbegründer des Start-ups Volocopter, hinter dem inzwischen auch Daimler steht, hofft allerdings, dass die Firma in fünf bis zehn Jahren auf den selbst fliegenden Modus umsteigen kann.

Mehrere Wettbewerber drängen auf den Markt, der vorerst nur als Vision existiert. Aber vielleicht wird Singapur das ja nun ändern, die Rede ist von zwei ersten möglichen "kommerziellen Routen". Eine könnte Touristen bedienen, die vom Zentrum auf die Insel Sentosa mit ihren Freizeitparks fliegen wollen; eine andere zielt auf Geschäftsleute, die vom Flughafen ins Bankenviertel müssen.

"Diese Dinger sehen aus wie große Spielzeuge", sagt der Ökonom Park Byung Joon. Die Vorstellung, damit in die Luft zu steigen, würde ihm erst einmal Unbehagen bescheren. Der Professor glaubt, dass er damit nicht der Einzige wäre. Der Volocopter sieht aus wie eine Mischung aus Helikopter und Drohne. 18 kleine Rotoren bewegen ihn durch die Luft, wenn einer ausfällt, sind immer noch genügend andere da, sagt Reuter, er wisse um die Notwendigkeit, Vertrauen zu schaffen. Sicherheit sei ihr höchstes Gut. "Jeder Unfall wäre ein herber Rückschlag." Schon um die Sicherheit autonom gesteuerter Autos wird eine heftige Debatte geführt, sie ist noch komplizierter geworden, seitdem es 2018 einen ersten Todesfall gab. Bei Fluggeräten ist die Thematik mindestens so sensibel wie bei Vehikeln am Boden.

Die Pioniere der sogenannten "Urban Air Mobility" wecken hohe Erwartungen, allerdings gibt es auch Stimmen, die solche Euphorie eher dämpfen, zumindest wenn man der Frage nachgeht, ob Flugtaxis dazu beitragen können, Transportengpässe von Metropolen zu lösen. "Ich sehe das nicht", sagt Ökonom Park, schon gar nicht, wenn es darum gehe, Massen zu transportieren. Ein U-Bahnzug fasst in Singapur knapp 2000 Passagiere und könne im Rhythmus von etwa zwei Minuten fahren, erklärt er. So viele Menschen befördert kein anderes Verkehrsmittel.

Viele Fragen der Flugsicherheit sind noch nicht gelöst

Park sieht den Nutzen von Flugtaxis eher in speziellen Aufgaben, etwa als Flugambulanz in der Nothilfe. Auch gebe es viele ungelöste Fragen der Flugsicherheit, wenn Dutzende Drohnen in der Luft sein sollen und gleichzeitig Korridore für mehrere Flugplätze offengehalten werden müssten. Volocopter-Geschäftsführer Reuter versichert, es gehe bei den neuen Geräten nicht darum, ein schon bestehendes Verkehrsmittel zu ersetzen, sondern man wolle zusätzliche Angebote machen. Zurzeit tagt in Singapur die Messe ITS zur Transporttechnologie. Eine Gelegenheit, Vertreter von Metropolen aus ganz Asien zu beeindrucken und Nachfrage zu mobilisieren. Wie Mitbegründer Zosel sagt, könnte eine Stadt wie Jakarta, die unter chronischen Stauproblemen leide, ein interessanter Markt für Flugtaxis sein. Welcher Geschäftsmann wäre dort nicht froh, wenn er die verstopften Straßen durch ein Flugtaxi überspringen könnte.

Doch in diesem Bedarf sieht der Transportexperte Park den Keim zu möglichen Konflikten - vor allem dort, wo Staaten ihre Transportsysteme nicht für alle Bürger modernisieren. Wenn etwa öffentliches Geld fließt, um den Ausbau eines Flugtaxisystems und dessen Infrastruktur zu finanzieren, ohne dass der Staat in den öffentlichen Nahverkehr am Boden investiert, kann das Unmut schaffen. Dann werden sich Leute fragen, ob eine Regierung ihrer Aufgabe noch gerecht wird, Mobilität für alle zu schaffen. Niemand quält sich gern am Boden durch den Stau und sieht über sich eine Drohne hinwegschweben, die es einigen Wenigen leichter macht.