Süddeutsche Zeitung

Luftfahrt:Volocopter braucht dringend neues Geld

Lesezeit: 2 min

Nach der Absage einer staatlichen Kreditbürgschaft muss das Flugtaxi-Unternehmen schnell die künftige Finanzierung sichern. Firmenchef Dirk Hoke fürchtet gar eine Insolvenz.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Der Flugtaxi-Hersteller Volocopter befindet sich nach der Absage einer staatlichen Kreditbürgschaft aus Bayern in einer existenziellen Krise. Sollte sich nicht doch noch eine Lösung finden und sich die derzeitigen privaten Anteilseigner des Unternehmens auf eine weitere Finanzierungsrunde einigen "müssen wir in absehbarer Zeit eine Insolvenz in Betracht ziehen", so Volocopter-Chef Dirk Hoke im SZ-Gespräch.

Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) hatte sich zuletzt dagegen ausgesprochen, dass das Land Volocopter mit einer Kreditbürgschaft von bis zu 50 Millionen Euro unterstützt. Der Bund hätte sich in diesem Fall in gleicher Höhe engagiert und die bisherigen Anteilseinger weiteres Geld zugeschossen, Volocopter wäre von Bruchsal/Baden-Württemberg nach Bayern umgezogen. Die CSU kritisierte ihren Koalitionspartner daraufhin deutlich: "Diese einmalige Chance dürfen wir in wirtschaftlich schwierigen Zeiten unter keinen Umständen verstreichen lassen, sonst verspielen wir unseren Ruf als innovativer Wirtschaftsstandort", so Fraktionschef Klaus Holetschek. Aiwanger, der sich zu dem Thema nicht äußern wolle, blockiere dies aber.

Volocopter entwickelt seit Jahren die zweisitzige Version ihres Volocity. Dabei handelt es sich um ein Flugtaxi mit zunächst zwei Sitzen, das von 18 elektrischen Motoren angetrieben wird. Der Volocity ist vor allem für den Einsatz in Städten gedacht und könnte dort auch viele Hubschrauber ersetzen. Volocopter hat in den vergangenen Monaten stark darauf hingearbeitet, den Volocity während der Olympischen Spiele in Paris im Sommer bei ersten Passagierflügen zu demonstrieren. Dafür braucht Volocopter noch eine vorläufige Zulassung ("Permit to fly") und rechnet damit, als erster westlicher Hersteller noch im Laufe dieses Jahres die volle Zulassung der European Union Aviation Safety Agency (EASA) zu erhalten. Diese Pläne sind aber nun wegen der finanziellen Lage gefährdet.

Nach dem Zweisitzer, der vor allem als Einstieg in den Markt gedacht ist, aber nach Angaben von Volocopter auf Dauer nicht wirtschaftlich zu betreiben sein wird, will die Firma auch einen Fünfsitzer entwickeln, der eigenen Studien zufolge profitabel eingesetzt werden kann. Die Flugtests für den Volocity finden derzeit in Bruchsal statt, wo auch die ersten Serienmaschinen montiert werden.

Auch Intel und Microsoft gehören zu den Geldgebern

Zu den Anteilseignern von Volocopter gehören unter anderem Neom (Saudi-Arabien), der Vermögensverwalter Blackrock, Mercedes-Benz, Schenker, Intel und Microsoft sowie der chinesische Autobauer Geely. Diese sind im Laufe mehrerer Finanzierungsrunden eingestiegen. Nach einer anfänglichen Boom-Phase hat sich das Investitionsklima für die gerade entstehende Branche der elektrischen Flugtaxis in den vergangenen zwei Jahren jedoch drastisch verschlechtert. "Die Finanzmärkte haben sich gedreht", so Hoke. "Sie konzentrieren sich auf Firmen, die bereits Umsätze erzielen, oder besser noch sogar schon Gewinne, es sei denn, es geht um Software oder künstliche Intelligenz." Da es noch keine Umsätze gebe und der Volocity erst kurz vor der Zulassung stehe, sei Volocopter "in der ungünstigsten Kategorie, die man überhaupt nur haben kann und in Deutschland in einem deutlich risikoaverseren Investmentmarkt als etwa in den USA."

Wegen der schwierigen Lage hatte das Unternehmen zunächst versucht, sich in Baden-Württemberg eine staatliche Bürgschaft zu sichern. Diese hatte die Landesregierung aber am Ende abgelehnt, weil ihr die Risiken zu hoch waren. Daraufhin hatte sich Hoke, der ehemalige Chef von Airbus Defense and Space, an das Land Bayern gewandt.

Das Bundesverkehrsministerium betonte nun, der Bund sei weiter bereit, "das Unternehmen über einen staatlich verbürgten Kredit gemeinsam mit dem Freistaat Bayern zu unterstützen. Entscheidend ist, dass das Risiko zwischen dem Bund und dem Freistaat gleichmäßig verteilt ist." Neben einer Insolvenz ist nun auch auch ein Verkauf von Volocopter an ausländische Investoren ein denkbares Szenario.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.6568206
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.