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Volkswagen:Weiße Bühne und Tofu

Presentation of Volkswagen's electric ID.3 pre-production prototype car on the eve of the International Frankfurt Motor Show IAA in Frankfurt

Schau her: VW-Chef Diess vor dem ID3, der E-Mittelklasse.

(Foto: Ralph Orlowski/Reuters)

Volkswagen zeigt in Frankfurt sein neues Elektroauto und will die Vergangenheit endlich hinter sich lassen. Vor der Tür protestieren die Klimaschützer.

Vegetarisches Essen ist ein guter Gradmesser dafür, wie ein Gastgeber wahrgenommen werden will. Bei Festen der Grünen gibt es oft Tofubällchen, jedenfalls selten Fleisch. Wir sind nachhaltig, ist da die Botschaft. Bei der wichtigsten VW-Party des Jahres wurden Burger mit einem Tofu-Bratling serviert.

Ob VW damit zum Öko-Autobauer wird? Das ist fraglich, aber zumindest fügt es sich ins Gesamtkonzept dieses Konzernabends. Volkswagen 2019, das ist eine Unternehmung, die den alten Dreck hinter sich lassen will, das Dieselthema vor allem. "Hat VW etwas zu verbergen?", fragt die Moderatorin. Aber diesmal ist nur der riesige Vorhang gemeint, der den Messestand zunächst verhüllt. Weiß ist er, das erinnere an den Neuanfang, sagen die Marketingmenschen, an ein weißes Blatt Papier. Dreieinhalb Jahre haben sie an ihrem ersten Elektroauto gebastelt, das sie ID3 nennen und das sich hinter dem Vorhang verbirgt. Nach dem Käfer und dem Golf soll dieses elektrische Modell nun die Geschichte fortschreiben, sogar das VW-Logo haben sie dafür irgendwie modernisiert. All die juristischen Zwistigkeiten, die Kosten des Aufräumens, das schlechte Ansehen, der große Ernst sollen endlich mal weichen: An der Wand taucht in Übergröße sogar auf: "Sense of humor" - die Automenschen hier wollen jetzt ernsthaft lustig werden.

Der Schwung erreicht für den Moment sogar die großen Elektroauto-Zweifler im Konzern, von denen es viele gibt. Wolfgang Porsche, 76 Jahre alt und vorderster Vertreter der Eigentümerfamilien, hatte vor wenigen Monaten noch arge Bedenken angemeldet, ob die Kunden wirklich so viele Elektroautos wollen. An diesem Abend legt er seine Stirn nicht so sehr in Falten. Über die möglicherweise kurz bevorstehenden Anklagen der Staatsanwaltschaft gegen Konzernlenker Herbert Diess und gegen Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch im Zusammenhang mit der Dieselaffäre wolle er gerade nicht nachdenken. Letzterer steht ein paar Meter weiter, sagt zu seinem juristischen Problem, mit durchgedrücktem Rücken: "Jetzt warten wir mal ab, was es für Post gibt." Er lobt Herbert Diess ("gibt der E-Mobilität ein Gesicht") und Bram Schot, den Chef der Konzerntochter Audi ("gute Arbeit") - und behauptet dann sogar, dass die Proteste der Klimaschützer draußen vor den Toren das Unternehmen motivieren würden.

Da geht es dem Eigner dann doch ein bisschen anders. Er wolle nicht über die Proteste der "Freitagsleute" gegen die wichtigste Industrie Deutschlands sprechen, sagt Wolfgang Porsche: "Jetzt sind wir hier und schauen den ID3 an!" Der gefällt ihm offenbar, jedenfalls habe er bald keine Angst mehr, von Stuttgart nach München zu fahren mit einem Elektrowagen. Das schaffen die ja jetzt, sagt er, zum Glück. Jetzt schaut der freundliche, weißhaarige Herr sehr bestimmt. Volkswagen habe "nicht mehrere Schüsse" bei der Neuausrichtung: "Das muss sitzen."

Und er scheint daran zu glauben, dass es so kommt. Jedenfalls mag er einen Einstieg beim E-Auto-Pionier nicht ausschließen. "Tesla?", sagt er lächelnd, "der ist im Moment viel zu teuer." Was kein Nein ist. Aber vielleicht doch Ausdruck des neuen VW-Humors.

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