Volkswagen VW setzt im Zulieferer-Streik auf Verhandlungspoker

VW will den Stillstand in gleich sechs Werken wegen des Lieferstopps von Prevent auf dem Verhandlungswege beenden. Bislang gibt es aber keine Einigung

(Foto: Bloomberg)
  • Die Zulieferfirmen Car Trim und ES Guss wollen, dass Volkswagen 58 Millionen Euro für eine beendete Kooperation zahlt.
  • VW erklärt die Forderungen als teils "dubios" und "sittenwidrig".
  • Aufgrund fehlender Bauteile - es geht vor allem um Getriebeteile - steht die Produktion in sechs VW-Werken still.
Von Max Hägler und Klaus Ott

Forderungen, Gegenforderungen, Vorwürfe: Die Emissäre von Volkswagen und der Unternehmensgruppe Prevent, die am Freitag in Wolfsburg ergebnislos verhandelten, waren wenig zimperlich. Es ging hart zur Sache. Am Wochenende ist Ruhe, trotz der prekären Lage für beide Seiten. Montag geht es weiter, doch eine Lösung ist noch nicht in Sicht.

Der Autokonzern VW versucht, den Lieferstreik von zwei Prevent-Firmen auf dem Verhandlungswege zu beenden. Der Lieferstopp bei Sitzbezügen und vor allem bei Getriebeteilen führte schließlich dazu, dass die Produktion des Golf im Stammwerk in Wolfsburg und in Zwickau eingestellt werden musste. Der Golf ist nach wie vor das wichtigste VW-Modell. Der durch die selbst verschuldete Abgas-Affäre ohnehin schwer angeschlagene Konzern muss in sechs Werken (Emden, Kassel, Braunschweig, Salzgitter sowie Wolfsburg und Zwickau) insgesamt mehr als 20 000 Beschäftigte in Zwangsurlaub schicken.

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VW könnte, rein juristisch betrachtet, Gerichtsvollzieher einschalten, um die für die Produktion fehlenden Sitzbezüge von Car Trim und Getriebeteile von ES Automobil Guss pfänden und in die eigenen Werke schaffen zu lassen. Die beiden Zulieferfirmen sind in Sachsen ansässig und gehören, teils über dazwischen geschaltete Gesellschaften, zur international weit verzweigten Unternehmensgruppe Prevent. Diese ist gewissermaßen ein Nachbar von VW in Wolfsburg.

VW soll 58 Millionen Euro zahlen

Es waren also für einige Beteiligte kurze Wege an den Verhandlungstisch, an dem sich am Freitag Vertreter von Volkswagen, Prevent und deren beiden Tochterfirmen zusammensetzten. Nach Angaben aus Verhandlungskreisen ging es immerhin etwas voran. Aber nicht so weit, dass es sich aus Sicht von VW gelohnt hätte, am Wochenende weiter miteinander zu reden. Auf der Gegenseite indes wird geargwöhnt, der Stillstand in einigen Werken sei dem Konzern gar nicht so unrecht. Weil VW wegen der Abgas-Affäre ohnehin weniger Fahrzeuge verkaufe als erhofft. In Volkswagen-Kreisen wird diese Darstellung zurückgewiesen.

Nach Angaben aus Verhandlungskreisen wird über folgende Punkte gestritten: Die Prevent Firmen Car Trim und ES Guss verlangen 58 Millionen Euro von VW, weil der Konzern eine Entwicklungskooperation einseitig beendet habe. Außerdem solle VW auf Schadenersatzforderungen wegen des Lieferstopps und des dadurch bedingten Produktionsausfalls verzichten. Hinzu kommen weitere Details.

Der VW-Vorstand will nach Angaben aus Konzernkreisen Anfang kommender Woche auf Basis der dann vorliegenden Gesprächsergebnisse entscheiden, wie man mit Prevent umgeht. Ob weiter verhandelt, oder ob - wie angekündigt - juristisch mit voller Härte vorgegangen werde. Indem der Konzern gegen die beiden Prevent-Firmen und deren Verantwortliche Ordnungsgeld beziehungsweise ersatzweise Ordnungshaft beantragt und versucht, die dringend benötigten Sitzbezüge und Getriebeteile beschlagnahmen und zu den Werken bringen zu lassen.

VW: Forderungen teils "dubios" und "sittenwidrig"

Bislang deutet wenig auf eine Einigung hin. "Für die Krise bei VW und die dadurch entstandene Kurzarbeit sind wir nicht verantwortlich", hatte Alexander Gerstung, Geschäftsführer von ES Guss, am Freitag erklärt. Die Krise bei dem Konzern sei hausgemacht. "VW verlagert die eigenen Probleme auf die Zulieferindustrie."

Aus den Chefetagen von VW wird heftig widersprochen. Manche Ansinnen von Prevent seien "dubios", manche sogar "sittenwidrig". Volkswagen tue alles, um den Streit und den Streik auf dem "Vergleichswege" beizulegen. Auf überzogene Forderungen werde man aber nicht eingehen.

Auslöser des Streits, so viel wenigstens steht fest, war eine von VW und Porsche gekündigte Entwicklungskooperation mit Car Trim aus dem sächsischen Plauen. Car Trim machte anschließend Ausfälle und Schäden in Höhe von 55 Millionen Euro geltend. 30 Millionen bei VW, 25 Millionen Euro bei der VW-Tochter Porsche. Inzwischen soll sich die Forderung auf insgesamt 58 Millionen Euro belaufen. Der VW-Konzern lehnt eine Zahlung aber ab, weil diese Summe "nicht plausibel" begründet werde.

Vor allem die Getriebeteile fehlen

Car Trim trat einen Teil der Forderungen an die Prevent-Schwesterfirma ES Guss ab, so dass diese nun auch Ansprüche gegen VW geltend machen kann. Bei VW glaubt man zu wissen, warum ES Guss auf diese Weise ins Spiel gebracht worden sei: Weil der Getriebeteile-Herstelle aus dem sächsischen Schönheide sonst keinen formalen Grund für einen Lieferstopp bei VW gehabt hätte und somit keinen Druck ausüben könnte. Dass Volkswagen die Produktion teilweise einstellen muss, liegt nach Angaben aus Konzernkreisen vor allem an den fehlenden Getriebeteilen von ES Guss und weniger an den ausbleibenden Sitzbezügen von Car Trim.

Die Prevent-Gruppe hält dagegen. "VW zwingt uns zu diesem Vorgehen", hatte ES-Chef Gerstung am Freitag erklärt. Man müsse die eigenen Mitarbeiter schützen. Der Autokonzern habe die Entwicklungskooperation "frist- und grundlos" gekündigt und eine Kompensation abgelehnt. Car Trim und ES Guss seien zu dem Lieferstopp gezwungen gewesen, um ihre Interessen zu wahren. Volkswagen nutze in diesem Konflikt "seine dominierende Marktstellung gegenüber der Zulieferindustrie klar aus".

Die Tonlage bei VW klingt auch nicht freundlicher. Dennoch: Am Montag soll weiter verhandelt werden.

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