Volkswagen-Konzern Ein Neuanfang ist nur mit neuen Managern möglich

Die - fast ausschließlich männlich besetzte - Riege der Vorstände bei Volkswagen.

(Foto: dpa)

Der gesamte VW-Konzern wird schlecht geführt, verhängnisvolle Allianzen verhindern echte Aufklärung. Solange alle miteinander verbandelt sind, wird es mit VW immer weiter bergab gehen.

Kommentar von Caspar Busse

Dass der amtierende Vorstandsvorsitzende eines 60-Milliarden-Euro-Konzerns in Untersuchungshaft muss, kommt nicht alle Tage vor. Seit Rupert Stadler am Montagmorgen in Ingolstadt wegen Verdunklungsgefahr von Ermittlern verhaftet worden ist, herrscht bei Audi und dem Mutterunternehmen Volkswagen Ausnahmezustand. Es geht um die Zukunft von Deutschlands größten Industrieunternehmen und die von insgesamt 640 000 Mitarbeitern, davon allein 90 000 bei Audi. Es geht zudem um das Ansehen von Europas größtem Autobauer, in Deutschland und auf wichtigen Auslandsmärkten, allen voran China. Kann dieser Verlust an Glaubwürdigkeit in absehbarer Zeit wieder wettgemacht werden?

Das Problem: Die Verantwortlichen bei VW und Audi sind auch fast drei Jahre, nachdem im September 2015 der Skandal um gefälschte Abgaswerte von Millionen Dieselfahrzeugen publik geworden ist, noch immer Getriebene. Sie sind weit davon entfernt, Herr des Verfahrens zu sein. Die Ergebnisse der internen Untersuchungen werden nicht veröffentlicht. Eingeräumt wird immer nur, was ohnehin schon ans Tageslicht gekommen ist. Nicht das Unternehmen selbst klärt den Skandal auf und schafft Transparenz, es sind die (Justiz-)Behörden. Das ist - bei allen Verfehlungen aus der Vergangenheit - das eigentliche Problem.

Audi-Chef wollte offenbar gegen Zeugen vorgehen

In einem abgehörten Telefonat soll Rupert Stadler erwogen haben, einen missliebigen Mitarbeiter beurlauben zu lassen - für die Staatsanwaltschaft ein Versuch, die Ermittlungen zu behindern. Von Klaus Ott mehr ...

Grund dafür ist, dass im VW-Konzern eine gute Unternehmensführung, eine funktionierende Corporate Governance, fehlt. Das 200-Milliarden-Euro-Unternehmen wird nach Gutdünken geführt (immerhin ist in Herbert Diess inzwischen ein Externer zum Vorstandsvorsitzenden berufen worden). Echte Aufklärung und entschlossenes Handeln, so der Eindruck, ist gar nicht gewünscht. Das zeigte sich auch jetzt wieder. Die Aufsichtsräte zögerten auch nach der Verhaftung Stadlers, trafen nicht sofort eine Entscheidung, debattierten sehr lange und beurlaubten erst am Tag danach Stadler vorläufig. Viel zu spät. Eigentlich hätte der Audi-Chef, auch wenn für ihn die Unschuldsvermutung gilt, sofort abgelöst werden müssen, als die Staatsanwälte Ermittlungen gegen ihn aufnahmen und vor einer Woche sein Haus durchsuchten.

Im VW-Aufsichtsrat sitzen vor allem Vertreter der Eigentümerfamilien Porsche und Piëch, des Landes Niedersachsen, von Katar sowie Arbeitnehmervertreter. Unabhängige und kritische Kontrolleure? Fehlanzeige. Ein Ministerpräsident, der im Aufsichtsrat auf Transparenz dringt? Nicht erkennbar. Die Gewerkschafter sind zudem eng mit dem Management verbandelt. Alle standen viel zu lange zu Stadler, der als ehemaliger Büroleiter von Ferdinand Piëch zum engsten Kreis gehört. An der Spitze des VW-Aufsichtsrats sitzt auch noch Hans Dieter Pötsch, der von 2003 bis 2015 im VW-Vorstand für Finanzen verantwortlich war. Der Mann, der ohne die eigentlich vorgeschriebene Abkühlphase von zwei Jahren zum Chefaufseher wurde, soll schonungslose Aufklärung, sozusagen in eigener Sache, betreiben. Das kann nicht funktionieren.

Verhängnisvolle Allianzen verhindern bei VW die Aufklärung

Dabei gibt es durchaus einige Beispiele, wie sich deutsche Unternehmen mit einem Neuanfang auf den Weg aus tiefen Krisen machten. Bei Siemens wurden nach dem Bekanntwerden der Korruptionskrise ein neuer Chefaufseher und ein neuer Vorstandschef installiert, die für Transparenz sorgten. Bei der Deutschen Bank wurde Paul Achleitner Vorsitzender des Aufsichtsrats, er versuchte einen Neuanfang und bereinigte, wenn auch sein endgültiger Erfolg weit entfernt erscheint. Oder die Deutsche Post: Hier hat Nikolaus von Bomhard den Aufsichtsratsvorsitz übernommen, und der Konzern nimmt wichtige Baustellen wie das deutsche Briefgeschäft in Angriff.

Ein wirklicher Neuanfang ist, wenn überhaupt, nur mit neuen Köpfen möglich, das gilt auch für Audi und den VW-Aufsichtsrat. Stattdessen sind es verhängnisvolle Allianzen, über lange Zeit entstanden, die Aufklärung verhindern. Jetzt, nach der spektakulären Verhaftung Stadlers, muss sich etwas ändern.

Audi - die Keimzelle des Abgasskandals?

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