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Volkswagen:Die wahrscheinlich mächtigste Betriebsratschefin der Welt

Daniela Cavallo - VW

Mit ihr ein Kulturwandel? Daniela Cavallo, die Nachfolgerin von Bernd Osterloh.

(Foto: Kevin Nobs/dpa)

Daniela Cavallo folgt bei Volkswagen auf Bernd Osterloh. Einer der Unterschiede zum Vorgänger: Sie flucht nicht.

Von Angelika Slavik

Der Gebrauch von Kraftausdrücken ist von Daniela Cavallo bislang nicht dokumentiert, und dass man das eigens erwähnen muss, sagt einiges aus über diesen Job, den die Wolfsburgerin mit italienischen Wurzeln sich da ausgesucht hat. Cavallo, 46, ist ab sofort die Vorsitzende des Konzernbetriebsrats bei Volkswagen, einstimmig gewählt von den Mitgliedern der Arbeitnehmervertretung am Mittwoch. Sie ist nun also die wichtigste Vertreterin der fast 700 000 VW-Mitarbeiter, die rund um den Globus für Europas größten Autohersteller arbeiten. Die wahrscheinlich mächtigste Betriebsratschefin der Welt. Und sie flucht nicht? Das ist für Volkswagen, gelinde gesagt, ein Kulturwechsel.

Der Konzernbetriebsrat in Wolfsburg ist seit jeher mehr als einfach nur eine Arbeitnehmervertretung. Die Tradition der starken Mitbestimmung ist historisch gewachsen: Nach dem Krieg sollte bei diesem Konzern, den die Nazis geformt hatten, niemand einfach durchregieren können. Deshalb sitzen die Vertreter der Arbeitnehmer nicht nur im Aufsichtsrat des Konzerns, sondern die Stimmrechte in diesem Gremium sind ungewöhnlich geregelt. So können faktisch gegen den Willen der Arbeitnehmer keine Werke geschlossen oder verlagert werden. Und das Schicksal des Vorstandsvorsitzenden von Volkswagen liegt durch diese Konstellation immer auch maßgeblich in der Hand des Betriebsrats.

Manche sagen deshalb: Wer wissen will, wo in Wolfsburg die Macht sitzt, ist in der Vorstandsetage falsch - weil das Schicksal des Autokonzerns vom Betriebsrat entschieden werde, und von niemandem sonst.

Der Vorgänger redete über den Hintern des Vorstandschefs

In den vergangenen 16 Jahren wurde dieses Gremium von Bernd Osterloh geleitet, der nun als Personalvorstand zur Lkw-Tochter Traton wechselt. Und Osterloh, 64, betrachtete öffentliches Poltern stets als selbstverständliches Instrument zur Ausübung seiner Macht. Als es Probleme mit dem Golf gab, ließ er die Medien wissen, die Absatzzahlen seien ja "ein Trauerspiel". Als der Vorstand beschloss, dass man nun doch eigene Batteriefabriken bauen sollte, ätzte er, das habe er ja schon seit 2010 gefordert. Und als ihm die Sparpläne des Vorstandschefs Diess nicht passten, teilte er mit, dieser reiße "mit seinem Hintern" alle Gesprächsbrücken ein, die man mühsam aufgebaut habe.

Dass Volkswagen in der Außendarstellung oft eher wie eine Seifenoper daherkommt denn wie ein Weltkonzern, hat viel mit diesem Rollenverständnis Osterlohs zu tun: Er produzierte Schlagzeilen, auch weil er das Theater liebte, klar, aber vor allem, weil er dachte, dass es der Sache am Ende hilft. Dass es den Konzern voranbringen würde. Wie also will Cavallo es damit nun halten?

Neu im Betriebsrat ist sie ganz und gar nicht

Cavallo, Tochter italienischer Gastarbeiter, fing schon nach dem Abitur bei Volkswagen an, machte dort zuerst eine Ausbildung zur Bürokauffrau, später studierte sie berufsbegleitend Betriebswirtschaft. Sie engagierte sich früh in der Jugend- und Azubivertretung, seit 2002 ist sie Mitglied des Betriebsrats. In den vergangenen zwei Jahren agierte sie bereits als Osterlohs Stellvertreterin - dass der sie als seine Nachfolgerin sah, war lange bekannt. Sie sei "so strategisch denkend, dass viele sich noch wundern werden", sagt Osterloh jetzt über sie.

Inhaltlich unterscheidet sie wenig von ihrem Vorgänger. Dass Veränderungen wie die Umstellung auf die Elektromobilität nicht zulasten der Mitarbeiter gehen dürften, davon ist sie überzeugt. Wenn Tätigkeiten wegfallen oder sich verändern, müsse das Unternehmen Lösungen anbieten, sagte sie kürzlich der Lokalzeitung. "Da kann es keine andere Strategie geben." Und wie ist es nun mit dem Poltern und dem Fluchen? Menschen hätten eben unterschiedliche Herangehensweisen, sagt Cavallo. Sie sei "ruhiger, aber damit nicht weniger durchsetzungsstark". Ein Satz ohne Kraftausdruck, aber ein Versprechen. Man wird sie daran messen.

© SZ
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