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Volkswagen:"Eigentlich keiner, der hinschmeißt"

VW restarts production after lockdown

Blick ins Zwickauer Werk: Beim Elektroauto ID.3 gibt es massive Probleme.

(Foto: Hendrik Schmidt/Reuters)

Das Klima wird rauer: Erstmals gibt es Ablösespekulationen um Herbert Diess, nicht nur beim Betriebsrat wächst die Skepsis gegenüber dem VW-Chef. Auch der Aufsichtsrat hat "drängende Fragen".

Ganz schnell ganz groß wurde das, was da auf das Top-Management in Wolfsburg zurollte. Unruhig war die Lage im Volkswagen-Konzern schon seit Wochen. Im Manager Magazin war dann am Mittwoch zu lesen: Vorstandschef Herbert Diess habe eine Vertragsverlängerung bis 2025 gefordert. Das sei nicht so, heißt es zwar aus seinem Umfeld, aber die Nachricht war da und sorgte für Ärger: Maßlos sei das, in dieser Situation. Dann am Donnerstagmorgen die Überschrift in der Bild-Zeitung: Putschversuch gegen Herbert Diess!

Der Volkswagen-Chef solle abgesägt werden von den Arbeitnehmervertretern, stand da; die Gewerkschafter hätten auch schon einen Nachfolger in petto, und zwar den Personalchef Gunnar Kilian.

Mal wieder eine Revolution im größten Industriekonzern Europas? Einige Stunden am Vormittag war die Lage sehr unklar. Dann, als die Aufsichtsratssitzung am späten Mittag begann, dementierten die Arbeitnehmer sehr hart. Und Personalchef Kilian sagte der SZ am Mittag auf Anfrage: "Als CEO können Sie mich getrost vergessen, selbst wenn Herbert Diess in einigen Jahren mal aufhört." Kein Putsch also - aber es gibt enorm viel Ärger in der Konzernzentrale in Wolfsburg. Die Konfliktlinie verläuft so wie meist in den vergangenen Jahren: Betriebsrat gegen Management. Oder konkret Bernd Osterloh gegen Herbert Diess.

Jedenfalls waren es mal wieder 24 Stunden, die zeigten, wieso dieses Unternehmen mit seinen zwölf Marken und 640 000 Beschäftigten so schwer regierbar ist: Die Produkte sind komplex, aber die Interessen noch wesentlich vielschichtiger. Zuletzt machte VW wieder viele Schlagzeilen rund um die Dieselaffäre - der Bundesgerichtshof verdonnerte den Konzern zu Schadenersatzzahlungen. Aber weitaus schlimmer als der Imageschaden, der aus der ganzen Causa Diesel immer noch entsteht, sind für den Konzern die Probleme mit seinen beiden wichtigsten Autos: Sowohl beim Golf VIII als auch beim Elektroauto ID.3 gibt es massive Probleme. Und anders als bei der Dieselcausa fallen diese beiden Autos ganz klar in die Verantwortung des Konzernchefs Diess - er führt die Kernmarke des Konzerns seit fünf Jahren.

Die Auslieferung des Golf VIII musste zuletzt gestoppt werden, weil der automatische Notruf nicht funktioniert. Das ist kein Schönheitsfehler, sondern ein sicherheitsrelevantes Problem. Noch übler ist die Lage beim Prestigeobjekt ID.3, dem neuen E-Auto. Die Software ist extrem unzuverlässig, zuletzt war aus dem Konzernumfeld zu hören, der ID.3 scheitere derzeit an simpelsten Aufgaben, das Betriebssystem fahre nicht einmal zuverlässig hoch. VW hat die Probleme bereits eingeräumt: Der ID.3 werde erst mal nur in einer abgespeckten Software-Version auf den Markt kommen, hieß es. Das ursprüngliche Ziel, dem Elektro-Pionier Tesla Konkurrenz zu machen? Unerreichbar fern. Vor diesem Hintergrund wächst nun nicht nur beim Betriebsrat die Skepsis gegenüber Konzernchef Diess.

Die Vertreter der Eigentümerfamilien im Aufsichtsrat stünden nach wie vor zu Diess, heißt es im Konzernumfeld. Sie hätten aber "drängende Fragen". Tatsächlich spricht vieles gegen eine schnelle Ablösung des Vorstandschefs: Beim letzten Wechsel habe es ein halbes Jahr gedauert, bis der Konzern wieder voll handlungsfähig gewesen sei, erzählt einer aus dem Konzern. Das könne sich VW mitten in der Corona-Krise nicht leisten. Zudem wäre Diess bei einer schnellen Entlassung der zweite Kurzzeitchef nach dem unglücklich agierenden Müller. Da würde sich die Frage aufdrängen, ob es wirklich immer an den Vorstandschefs liegt oder ob der Laden in Wolfsburg schlicht unregierbar ist.

Volkswagen - Aufsichtsratssitzung

Herbert Diess (rechts) wurde im April 2018 als Vorstandschef eingesetzt. Der mächtige Betriebratschef Bernd Osterloh (links) gilt als der heimliche Herrscher des VW-Konzerns.

(Foto: Peter Steffen/dpa)

Zentrale Figur im Wolfsburger Machtspiel ist jedenfalls der Betriebsratschef Osterloh. Der demonstriert seinen Einfluss gerne öffentlich. Nicht umsonst nennt man ihn den heimlichen Herrscher im Konzern. Über den Golf VIII ließ er in der Betriebsratszeitschrift schreiben: "Anlauf missrät wie noch nie - Vorstand taucht weiter ab". Das ist nahe an der Höchststrafe und eher Kriegserklärung als konstruktive Provokation.

Ob die Gerüchte um eine Ablösung Diess' am Donnerstag auch tatsächlich von der Betriebsratsseite kamen, ist unklar. Aus dem Umfeld des Vorstandsvorsitzenden gibt man sich jedenfalls verärgert: Wieso agiere die Arbeitnehmerseite so "hinterzimmerhaft", zumal in einer so schwierigen Phase für die Industrie und auch das Unternehmen? Es werde schon seit Wochen gestichelt, statt konstruktiv zu arbeiten, meckert die Diess-Fraktion. Spekuliert wurde, ob Diess deshalb am Donnerstag die Vertrauensfrage stelle. Kenner des Unternehmens zeichnen das Bild einer Ehekrise: Die sei da, mal wieder, aber für die Scheidung reiche das noch nicht. Das Problem, so hört man auch von Eigentümerseite: Diess delegiere viel, fordere Zugeständnisse von den Arbeitnehmern. Aber er müsse selbst die Verantwortung übernehmen und Fehler eingestehen. Bei den schwierigen Produktanläufen oder auch bei dem Werbeskandal vor einigen Tagen, als das Unternehmen die Verantwortung für einen rassistischen Werbespot auf die externe Agentur schob - und die Frage, wer in Wolfsburg das abgenickt hat, außen vor blieb. Die Aufsichtsratssitzung am Donnerstag hat Diess am Ende überstanden.

Trotzdem bleibt die Frage: Kann es so weitergehen? Diess und Osterloh waren von Anfang an ein explosives Duo. Man richtete sich öffentlich Unfreundlichkeiten aus, um sich dann demonstrativ zusammenzuraufen. Bis zur nächsten Verbalschlacht, auch ein "Hintern" spielte da mal eine Rolle. Aber die beiden sind wohl aneinandergekettet. Osterloh kann faktisch nicht rausgeschmissen werden. Und Diess? Der sei "eigentlich keiner, der hinschmeißt", heißt es. Er will kämpfen, eine Ära prägen. Er hat nur eine Chance, wenn er den Golf VIII und den ID.3 auf die Straße bringt.

© SZ vom 29.05.2020

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