Es sind sehr ernste und ungewöhnlich mahnende Worte von oberster Ebene bei Volkswagen: "An vielen Stellen im Konzern gibt es noch Beharrungskräfte, die die alte Kultur wertschätzen: das stille Pflichterfüllen ohne Widerworte", sagt Hiltrud Werner, VW-Vorstandsmitglied für Integrität und Recht. Vor nun beinahe drei Jahren wurde der Dieselskandal durch US-Behörden aufgedeckt und die VW-Manager begannen, den Betrug einzugestehen. Dieser wurde wohl auch durch eine Kultur der Folgsamkeit und Obrigkeitshörigkeit ermöglicht.
Managerin Werner kennt dieses "alte System" noch, erzählt sie im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung: Die Textiltechnikerin und Ökonomin, die auch bei BMW und dem Fahrtechnik-Zulieferer ZF tätig war, hatte einen Teil ihrer Karriere bei Volkswagen zugebracht, bis zur Kündigung im Jahr 2014. Im Herbst 2015 holte der damalige Vorstandschef Matthias Müller sie nach Wolfsburg zurück in die VW-Revision. Er suchte jemanden, der Konfrontation nicht scheut, und zugleich das System kennt, jemanden wie Werner.
"Wenn Herr Dr. Piëch reinkam, konnte es einem schon mal zehn Grad kälter vorkommen", erinnert sie sich an Treffen mit dem ehemaligen VW-Patriarchen und ehemaligen Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch. Entscheidungen etwa zum Personal seien zu der Zeit, in der Martin Winterkorn als Vorstandschef das Unternehmen führte, "oft nicht nachvollziehbar" gewesen. "Das wollen wir ändern", sagt sie, auch wenn noch "viel Umlernen notwendig" sei. Wie das möglich ist? "Wir brauchen jetzt vor allem positive Beispiele", sagt die 52-Jährige: Leute, die ihre Meinung sagen und dennoch weiter Karriere machen.

Exklusiv VW-Abgasskandal:Drei Millionen Euro fürs Schweigen
Der Autokonzern treibt die Aufarbeitung des Dieselskandals voran. Früher flossen große Summen. Jetzt dürfen Manager nicht mehr arbeiten und Dutzenden droht die Kündigung.
Neben den geeigneten Konsequenzen müsse zugleich der in die Vergangenheit gerichtete Aufklärungsprozess weiterlaufen, auch wenn es dabei "nicht immer den richtigen, schönen Weg" gebe: "Manches wirkt mitunter falsch oder ganz falsch", sagt Werner. Das sei nicht zu ändern, da müsse Volkswagen durch: "Das Dieselthema muss vorne im Gehirn sein vom Management. Vorbei und abhaken, das geht nicht."
"Compliance und Integrität müssen dieselbe Bedeutung bekommen wie Fahrzeugentwicklung, Produktion und Vertrieb"
An diesem Montag wird die Topmanagerin mit einem anderen in Wolfsburg tätigen Integritätsspezialisten über den Zwischenstand der Aufklärung in Sachen Diesel berichten: Larry Thompson, ehemals stellvertretender US-Justizminister, wirkt gerade im Auftrag der US-Behörden als Aufpasser bei Volkswagen und hatte zuletzt schon mal Kritik anklingen lassen angesichts der zähen Aufarbeitung und etwa eingefordert, VW solle sich von mutmaßlichen Betrugshelfern trennen: "Compliance und Integrität müssen im Konzern dieselbe Bedeutung bekommen wie Fahrzeugentwicklung, Produktion und Vertrieb."
Thompson hat seine Arbeit weitgehend zeitgleich mit Werners Berufung in den Vorstand begonnen, die ebenfalls nicht ganz glücklich ist über die Aufarbeitung: Rückblickend hätte Volkswagen "noch stärker zentralistisch" arbeiten müssen, sagt sie. Die ab Herbst 2015 ausgerufene Strategie, mehr Verantwortung an die zwölf Konzernmarken, etwa Audi oder Porsche, abzugeben, sei zwar gut und richtig gewesen: "Aber es war wohl nicht der optimale Zeitpunkt dafür." In der Krise, meint Werner, wäre es besser gewesen, Entscheidungen nach oben zu ziehen. Tatsächlich hat Volkswagen, Europas größter Industriekonzern mit 640 000 Mitarbeitern, in den vergangenen drei Jahren bei der Aufarbeitung unterschiedliche Strategien entwickelt.
Im Zentrum steht Audi, wo die Dieselmotoren entwickelt wurden; Vorstandschef Rupert Stadler sitzt derzeit sogar in Untersuchungshaft; er weist alle Vorwürfe zurück. Porsche wiederum wollte zwischenzeitlich Audi in Regress nehmen. Und in Wolfsburg, wo auch die Konzernzentrale angesiedelt ist, dreht sich das meiste um die Marke Volkswagen.

