Volkswagen:"Wenn VW das macht, ist das ein Kardinalfehler"

Volkswagen: Volkswagen-Hauptversammlung im Mai 2018: der vorwärtstreibende Vorstandsvorsitzende Herbert Diess und seine mahnende Kollegin Hiltrud Werner.

Volkswagen-Hauptversammlung im Mai 2018: der vorwärtstreibende Vorstandsvorsitzende Herbert Diess und seine mahnende Kollegin Hiltrud Werner.

(Foto: Tobias Schwarz/AFP)

Juristen, Analysten und Gleichstellungsexperten kritisieren scharf, dass das Unternehmen offenbar den Vorstandsposten Compliance streichen will. Vor allem Konzernchef Diess scheint Probleme mit seiner Kollegin Hiltrud Werner zu haben.

Von Max Hägler

Die mächtigen Männer bei Volkswagen schweigen weiter, manche ihrer Mitarbeitenden reden indes leise unter der Zusicherung von Anonymität von "Fassungslosigkeit" oder "kulturellem Rückfall". Dafür üben unabhängige, außenstehende Experten offen sehr scharfe Kritik. So lassen sich die Reaktionen zusammenfassen am Tag, nach dem deutlich wurde, dass Volkswagen den Vertrag seiner Vorständin für Integrität und Recht, Hiltrud Werner, nicht verlängern will und sogar erwägt, den Vorstandsposten ganz zu streichen.

Deutlicher wird mittlerweile, dass wohl vor allem Vorstandschef Herbert Diess Probleme mit seiner Kollegin hat. Werner hatte dem VW-Chef im vergangenen Frühjahr dazu geraten, in einem Verfahren wegen möglicher Marktmanipulation im Zuge des Dieselskandals einer Einstellung gegen Geldauflage zuzustimmen. So würde ein wohl jahrelanger Gerichtsprozess abgewendet, der VW behindern würde. Diess wollte eigentlich seine völlige Unschuld darlegen, zahlte dann doch 4,5 Millionen Euro an die Justizkasse - und sieht dadurch seinen Ruf beschädigt. Mehrere Seiten bestätigen, dass Diess vor allem diese Causa der 55-jährigen Vorstandskollegin übel nimmt. Und sein Wort zählt gerade sehr viel, zudem ist Widerspruch derzeit kaum noch geduldet in Wolfsburg.

Ein anderer Grund, der zu hören ist in Wolfsburg von Arbeitgeber- wie auch Arbeitnehmerseite: Man habe nun fünf Jahre an neuen Regeln gearbeitet, die einen Dieselskandal verhindern sollen; diese seien genauso wie allmonatliche Online-Compliance-Schulungen mitunter derart überbordend, dass die Arbeit stocke. Überhaupt gehe es doch nun darum, die neue VW-Kultur wirklich in den Alltag zu integrieren: Im Gerede ist, dass Personalvorstand Gunnar Kilian oder aber Diess selbst dieses Ressort übernimmt.

"Wenn die Motivation zum Streichen des Postens lautet: Wir haben uns gewandelt und sind fertig und nun kommt es auf Agilität an und da stört Bürokratie, dann hat Volkswagen nichts gelernt, dann hat man es im Kern nicht verstanden, worum es bei Compliance geht", lautet indes das Urteil von Marco Mansdörfer, Professor für Strafrecht an der Universität des Saarlandes. Die Nicht-Verlängerung des zuständigen Vorstands und die Abschaffung des Vorstandspostens würden genau das bestätigen, sagt der Compliance-Experte. In fünf Jahren lasse sich keine Unternehmenskultur ändern, schon Mittelständler ohne eine solche Skandalvergangenheit bräuchten dafür mindestens ein Jahrzehnt. Um in einer digitalen, klimaneutralen, globalisierten Wirtschaft Compliance zu gewährleisten, brauche es "eine unabhängige Person, die kritisch und mit Widerspruchsgeist agiert", so Mansdörfer. Das könne man nicht beim Vorstandsvorsitzenden oder einem anderen Vorstand zusätzlich aufhängen. "Das ist nicht lege artis. Wenn VW das macht, ist das ein Kardinalfehler."

Übrig bliebe ein siebenköpfiger reiner Männervorstand

Auf den Aspekt, das mit Werner die einzige Frau ginge, nachdem bereits ihre Vorgängerin Christine Hohmann-Dennhardt geschasst wurde, verweist Wiebke Ankersen, Geschäftsführerin der Allbright Stiftung, die sich für Frauen in Führungspositionen einsetzt: "Ohne Not auf eine erfolgreiche Vorständin zu verzichten, wenn die Konsequenz ein siebenköpfiger reiner Männervorstand ist - das kann sich ein Dax-Konzern heute nicht mehr leisten." Andere Konzerne wie Telekom oder Allianz hätten bereits ganz selbstverständlich je drei Frauen im Vorstand. "Bei der Diversität in der Führung hinkt Volkswagen ohnehin schon deutlich hinterher", urteilt Ankersen. Und es könnte mit dieser Vorgeschichte sehr schwierig werden, eine andere Top-Managerin für eine Vorstandsposition im Konzern zu begeistern.

Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit bei Deka Invest und einer der renommiertesten Industrieanalysten, fasst beide Aspekte zusammen: "Die Streichung des Vorstandspostens macht die Corporate-Governance-Schwäche bei VW deutlich. Zudem ist es ein deutlicher Rückschritt bezüglich Diversity", so sein Urteil, das er auf der VW-Hauptversammlung am Donnerstag wiederholen will. Und der erfahrene Investorenvertreter macht den Umkehrschluss: "Gerade wegen der schlechten Corporate Governance ist die Beibehaltung der Compliance notwendig."

© SZ
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