Süddeutsche Zeitung

Volkswagen:Alles kein Zufall

Volkswagen könnte in Bulgarien ein neues Werk bauen. Noch ist nichts entschieden, doch der Besuch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier im Land schürt bei den Bulgaren die Hoffnung darauf. Im Mai könnte die Enscheidung fallen.

Bulgarien ist noch dabei. Sozusagen in der Endauswahl, so viel steht fest. Einen Tag vor dem Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Sofia hat eine Besuchergruppe von Volkswagen gerade einen deutschsprachigen Kindergarten in der Hauptstadt unter die Lupe genommen. Der Autokonzern überlässt bei der Auswahl des möglichen Standorts für eine neue Fabrik in Südosteuropa offenbar nichts dem Zufall.

Für die Bulgaren gilt dasselbe. Es geht um eine Investition von 1,4 Milliarden Euro und rund 5000 Arbeitsplätze. "Dieses Projekt ist hier in allen Köpfen", sagt ein kundiger Diplomat. Bulgarien ist das ärmste Land in der Europäischen Union und mit etwa sieben Millionen Einwohnern auch eines der kleineren. Doch jetzt wittert man in Sofia die ganz große Chance. Modelle der Marken Seat und Škoda sollen in der neuen Fabrik gebaut werden. Tim Kurth, Präsident der Deutsch-Bulgarischen Industrie- und Handelskammer sagt, eine solche Fabrik würde für die Wirtschaft des Landes "völlig neue Maßstäbe setzen".

Das Werben um Volkswagen ist derzeit eine Art Staatsräson. "Alle bulgarischen Institutionen haben einen Konsens darüber erzielt, wie man gemeinsam die besten Voraussetzungen und größtmögliche Sicherheit bieten kann", sagt Präsident Rumen Radew während einer Pressekonferenz mit Steinmeier. Bulgarien sei bereit und "verdient" eine solche Produktionsstätte.

Als Kandidatenländer galten anfangs neben Bulgarien noch Rumänien, Serbien, Nordmazedonien und die Türkei. Schon im Mai könnte in Wolfsburg die Entscheidung fallen - wenn es denn so kommt. Denn dem Vernehmen nach stellt sich der Betriebsrat in Wolfsburg noch quer und fordert Klarheit über die Beschäftigungssicherung in Deutschland und die Auslastung bestehender Fabriken.

Der Kreis der möglichen Standorte soll inzwischen deutlich kleiner geworden sein - die Hoffnung in Bulgarien hingegen wird immer größer. Und nun auch noch der Besuch des Bundespräsidenten. Ein gutes Zeichen? Steinmeier, Schröder, Niedersachsen, Volkswagen - da war doch mal was. Die Anwesenheit des Bundespräsidenten regt in Bulgarien jedenfalls die Fantasie an, im wahrsten Sinne des Wortes: Obwohl Steinmeier in der Pressekonferenz ausdrücklich sagt, die Auswahl des Standorts treffe allein der Konzern, berichten mehrere lokale Medien später, der Bundespräsident unterstütze eine Entscheidung zugunsten Bulgariens.

Tatsächlich aber erlebt Steinmeier in Sofia und der benachbarten Stadt Plowdiw ein Land, das sich stark an Deutschland orientiert. Präsident Radew, der Steinmeier während der zwei Besuchstage immer wieder begleitet, ging als Kind zeitweise auf eine deutschsprachige Schule. Regierungschef Boyko Borisow wurde zu Beginn seiner politischen Laufbahn von der Konrad-Adenauer- und der Hanns-Seidel-Stiftung gefördert. Schon jetzt ist Deutschland mit 3,5 Milliarden Euro und einem Anteil von 8,5 Prozent der zweitgrößte ausländische Investor in Bulgarien. 5000 deutsche Firmen sind im Land präsent. 30 der 100 größten Investoren kommen aus Deutschland.

Auch in den politischen Gesprächen mit Steinmeier taucht das Thema Volkswagen immer wieder auf. Radew wirbt zwar selbstbewusst für sein Land, achtet aber auch darauf, nicht zu aufdringlich oder großspurig zu erscheinen. Ministerpräsident Boyko Borisow hat für das Projekt Volkswagen eigens einen Vize-Premier ohne Geschäftsbereich abgestellt, der sich um nichts anderes mehr kümmert. Anders als Radew gilt Borisow auch als Freund deutlicher Worte. So beklagt er vehement den Widersinn, dass Bulgarien als Mitglied der Europäischen Union mit Ländern außerhalb der EU um Volkswagen konkurriere, die Subventionen anbieten könnten, die der Regierung in Sofia von Brüssel verboten seien.

Ansonsten aber werden die Bulgaren nicht müde, ihre Vorzüge aufzuzählen: Das Land bietet die Annehmlichkeit einer Körperschafts- und Einkommensteuer von gerade mal zehn Prozent. Die Währung ist stabil, weil sie schon in Zeiten vor Einführung des Euro an die D-Mark gebunden wurde. Die Arbeitskosten sind niedrig, immer höher allerdings ist der Mangel an Fachkräften. Und das ist ein Problem.

Abhilfe soll auch hier ein deutsches Vorbild schaffen: die duale Ausbildung in Betrieb und Berufsschule. Die Zeit drängt, ein knappes Fünftel der gut ausgebildeten Leute sei mittlerweile ins Ausland gegangen, rechnet Präsident Radew während einer Veranstaltung mit deutschen und bulgarischen Vertretern vor. Ein Vertreter von BMW berichtet, in manchen Berufszweigen finde auf dem Arbeitsmarkt "ein Kampf um Fachkräfte statt". Defizite weist Bulgarien auch noch bei Themen wie Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsbekämpfung auf. "Alles wird besser, aber sehr langsam", sagt ein Teilnehmer des Wirtschaftsgesprächs.

Volkswagen hingegen scheint in Bulgarien kein Imageproblem zu haben. Der Diesel-Skandal taucht nur ein einziges Mal kurz auf, als der BMW-Vertreter berichtet, man baue in Bulgarien Kapazitäten für die Real Driving Emissions Tests auf, mit denen die Abgase wirklichkeitsgetreuer gemessen werden können. Weil Steinmeier zunächst nicht recht gehört hat, worum es sich handelt, erklärt der BMW-Mann, diese Tests stünden in Verbindung mit dem Abgas-Skandal. "Ach so", sagt Steinmeier, "davon wissen wir in Deutschland nichts." Es ist natürlich ein Scherz. Aber die Bulgaren kichern trotzdem lieber leise.

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SZ vom 06.04.2019
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