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Nahaufnahme:Der Turmherr

"Wir schauen uns Netze und Funklöcher an und schlagen Netzbetreibern vor, wo sie ihre Abdeckung verbessern könnten."

(Foto: Mike Ellis/oh)

Vivek Badrinath soll mit den Sendemasten von Vodafone an die Frankfurter Börse gehen. Es dürfte eines der größten Debüts 2021 werden. Doch seine Bauvorhaben stoßen auch auf Widerstände.

Von Benedikt Müller-Arnold, Düsseldorf

Vivek Badrinaths Reich wächst dieser Tage weiter. Sein Arbeitgeber Vodafone will weitere 14 200 Mobilfunkstationen, die er mit dem Konkurrenten Telefónica in Großbritannien betreibt, in die eigene Tochter Vantage Towers einbringen. Das hat der Konzern gerade angekündigt. Damit herrscht Badrinath, Chef der Düsseldorfer Sparte, bald über 82 000 Türme und Dachstationen in Europa. Und die sollen dieses Jahr noch größer rauskommen: Vodafone will den Bereich von Badrinath noch im ersten Halbjahr an die Börse in Frankfurt bringen. Da Analysten den Wert auf bis zu 20 Milliarden Euro schätzen, dürfte es einer der größten Börsengänge 2021 werden.

Warum Masten so viel wert sind? Es gibt Hoffnungswerte: Der Datenverkehr wächst, Betreiber stopfen Funklöcher und rollen neue 5G-Netze aus. Schon jetzt sei vereinbart, dass Vantage Towers in den nächsten Jahren um mehr als 7000 Standorte wachsen werde, sagt Badrinath. Und während heute im Schnitt 1,38 Mieter einen Funkmast nutzen, also meistens lediglich die Mutter Vodafone, soll die Quote mittelfristig auf 1,5 steigen. "Wir wollen nicht nur auf Anfragen reagieren, sondern proaktiv auf Mieter zugehen", sagt der Franzose. "Wir schauen uns Netze und Funklöcher an und schlagen Netzbetreibern vor, wo sie ihre Abdeckung verbessern könnten."

Badrinaths Karriere ist geprägt vom Aufstieg des Internets: Nach dem Technikstudium in Paris arbeitete er zunächst im französischen Wirtschaftsministerium, förderte neue Technologien, auch in der Telekommunikation. Dann stieg er beim Pariser Konzern Orange vom Ingenieur im Netzausbau bis zum Vizechef auf; zwischendurch vertrieb er mal Elektronikgeräte in Indien. 2014 wechselte Badrinath die Branche, zeichnete im Hotelkonzern Accor wiederum als Vize für die Digitalisierung der Systeme verantwortlich. Seit 2016 arbeitet er für Vodafone, zuletzt als Chef der Geschäfte in Afrika, dem Mittleren Osten und in Pazifikstaaten. Ende 2019 bot ihm Konzernchef Nick Read dann die Leitung der neuen Funkturm-Firma an. "Ich habe noch am selben Tag zugesagt", verrät Badrinath. Seine Familie lebt noch in Paris; die Corona-Pandemie erschwert bislang die Zusammenführung.

Wenn sich mehrere Netzbetreiber einen Mast teilen, argumentiert Badrinath, braucht es weniger Türme für den Ausbau

Und Funkstandorte? Sind unter Investoren derzeit gefragt, weil sie planbare Einnahmen in Nullzinszeiten bringen. In Amerika ist es schon lange üblich, dass Telekomkonzerne Plätze auf den Masten spezieller Betreiber mieten, statt Türme zu besitzen. Auch hierzulande nutzen Netzbetreiber mehr und mehr Standorte gemeinsam. Wenn sie ihre sogenannte passive Infrastruktur nun mit Gewinn teilverkaufen, haben sie einmalig mehr Geld für den Netzausbau.

Allerdings regt sich vielerorts Widerstand gegen Masten; Anwohner sorgen sich etwa vor der Strahlung oder um das Landschaftsbild. In Großbritannien und den Niederlanden kam es voriges Jahr gar zu Brandanschlägen. Derlei Gewalt sei inakzeptabel, sagt Badrinath, "aber zum Glück ist das auch die absolute Ausnahme". Vantage Towers wolle jedenfalls mit Gemeinden und Bürgern zusammen schauen, wie der Empfang vor Ort besser werden könnte. "Dabei können wir auch mögliche Vorbehalte ausräumen", hofft der Ingenieur. Er verlasse sich auf neueste Technik und wissenschaftliche Erkenntnisse, wonach Mobilfunk unbedenklich sei, wenn alle Grenzwerte eingehalten werden. "Gleichzeitig möchten wir optisch attraktive Funktürme bauen, die sich gut in die Landschaft einfügen", kündigt Badrinath an. "Und wir ermöglichen, dass sich mehrere Netzbetreiber einen Sendemast teilen." So brauche das Land weniger Türme, als wenn jeder nur für sich bauen würde.

© SZ/jps
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