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Virtueller Abnahmevertrag:Ökostrom zum Festpreis

Wind Turbines

Windpark im US-Bundesstaat Wyoming. Auch in den USA steigt der Bedarf an erneuerbaren Energien.

(Foto: Matt Young/picture alliance/AP Photo)

Damit die Industrie klimaneutral werden kann, muss sie ihren hohen Strombedarf künftig aus Erneuerbaren decken. Mehr und mehr Unternehmen schließen nun Abnahmeverträge mit Ökostrom-Anbietern ab. Doch es gibt auch andere Wege.

Von Benedikt Müller-Arnold, Düsseldorf

Im Bee County in Texas, nicht weit weg vom Golf von Mexiko, sollen im nächsten Frühjahr die Bautrupps anrücken. 60 Turbinen sind geplant, ein Windpark mit ähnlicher Kapazität wie ein kleines Kohlekraftwerk. Und schon jetzt - anderthalb Jahre vor Eröffnung - steht fest, wer den Strom abnehmen wird: Der Henkel-Konzern will zumindest die Hälfte der Leistung des Windparks abkaufen. So hat es der Waschmittel- und Klebstoff-Hersteller kürzlich vereinbart. Die Rotoren in Texas sollen künftig den Strombedarf sämtlicher Henkel-Fabriken in den USA decken.

Genug Ökostrom zu planbaren Preisen: Das ist eine Voraussetzung, damit die energieintensive Chemieindustrie künftig klimaneutral werden kann, wie es die Politik und die Verantwortung für das Weltklima verlangen. Henkel will dieses Ziel bis 2040 erreichen. Spätestens 2030 wollen die Düsseldorfer all ihre Fabriken weltweit mit Grünstrom betreiben.

Industriekonzerne können dafür entweder selbst Ökostrom erzeugen, etwa mit Solarzellen auf dem Werksgelände. Oder sie beziehen ihn von einem Wind- oder Solarpark in der Nähe. Oder aber sie schließen einen virtuellen Abnahmevertrag, wie Henkel in den USA: Der eine speist den Grünstrom ins allgemeine Netz ein, der andere nimmt andernorts die vereinbarten Mengen zum Festpreis ab. Solche Power Purchase Agreements (PPA) laufen über mehrere Jahre; immer mehr Unternehmen schließen derlei Verträge ab.

Beispielsweise hat der Kunststoffhersteller Covestro Ende 2019 vereinbart, Ökostrom eines neuen Windparks vor der Insel Borkum in der Nordsee einzukaufen. Die Turbinen des dänischen Versorgers Ørsted sollen sich voraussichtlich von 2025 an drehen. Covestro betreibt hierzulande Fabriken im Rheinland sowie in Brunsbüttel an der Nordseeküste. Der Windstrom aus Borkum soll künftig zumindest einen kleinen Teil des Bedarfs dieser Standorte decken.

Grünstrom-Anbieter wie Ørsted können mithilfe solcher Abnahmeverträge große Wind- und Solarparks auch ohne staatliche Förderung, beispielsweise aus der EEG-Umlage, bauen und betreiben. Denn PPAs garantieren ihnen feste Einnahmen, unabhängig von schwankenden Strompreisen. Dass mehr und mehr Ökostrom-Projekte ohne Subventionen auskommen, ist freilich auch dem technischen Fortschritt zu verdanken: Solarmodule sind im Laufe der Jahre günstiger geworden, Windturbinen effizienter.

Allerdings müssen Unternehmen den Grünstrom nicht unbedingt einkaufen, sie können ihn auch selbst erzeugen. So plant es etwa der Chemiekonzern Lanxess. Wie Henkel wollen auch die Kölner bis 2040 treibhausgasneutral werden - und ihre Energieversorgung dafür nach und nach umstellen. Ein Lanxess-Standort in Brasilien generiert Strom und Dampf schon seit 2010 aus Biomasse. Die eigenen Fabriken in Indien will der Konzern bis 2023 von Kohle und Gas auf Biomasse und Solarenergie umstellen - "auch hier in eigenen Kraftwerken", teilt Lanxess mit. An hiesigen Standorten decke man den Bedarf bislang ebenfalls in Eigenregie und wolle bis 2040 umsteigen. Mit Abnahmeverträgen für Ökostrom hingegen plane Lanxess derzeit nicht.

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