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Viele Umweltsünder:Verbotene Jagd

Die EU-Kommission hat gerade 20 Mitgliedsstaaten gemahnt, ihre vertraglichen Verpflichtungen für den Naturschutz zu erfüllen.

Von Tobias Bug, Brüssel

Der Bauer unter den Tauben ist die Turteltaube. Sie liebt die Landluft, frisst Wildkräuter, und ist zierlicher als die graue Stadttaube. Ihre Federn schimmern rot, braun und orange, ihre Brust rosa. Die Turteltaube ist farbenfroh wie das Land, auf dem sie in Europa einst weit verbreitet war. Während es den Stadttauben gut geht, sind die Landbewohner vom Aussterben bedroht. Die Turteltaube steht weltweit auf der Roten Liste bedrohter Arten, gilt als schutzbedürftig. "In der EU ist die Population in den vergangenen Jahren um mehr als drei Viertel geschrumpft, heute gibt es noch etwa vier bis acht Millionen Brutvögel", sagt Eric Neuling, Referent für Vogelschutz beim Naturschutzbund Deutschland e.V. (Nabu). Dafür gebe es zwei Gründe: weniger Lebensraum und Jäger.

2,2 Millionen Turteltauben werden pro Jahr in der EU geschossen, sagt Neuling. Besonders am Mittelmeer würden die Tauben aus Spaß und Tradition erlegt, wenn sie im Herbst in die afrikanische Sahelzone flögen. "Die EU sollte die Jagd auf die Turteltaube so lange verbieten, bis sich der Bestand erholt hat." 2017 habe die Kommission die Frühjahrsjagd auf Malta verboten, die Kontrollen seien wenig wirksam. Auch die Franzosen wollen weiter jagen, sie haben sich eine Ausnahme für die Vogelschutzrichtlinie gesichert und erlauben die Jagd mit Klebstoff und Netzen. Die EU fordert Frankreich deshalb auf, "illegale Jagdmethoden zu stoppen".

Die Turteltaube brütet in Gebüschen und kleinen Bäumen. "Das Land wird heute dicht bepflanzt, um es effektiv zu nutzen", sagt Experte Neuling. Freiflächen und Brachen zwischen Feldern gebe es immer weniger. Herbizide, die in der Landwirtschaft versprüht würden, töteten das Unkraut, von dem sich die Vögel ernährten. "Bauern können stattdessen Saatmischungen setzen, deren Pflanzen die Turteltauben fressen", sagt Neuling. Das werde nur in England ausprobiert. "Die Kommission fordert Frankreich und Spanien auf, den Schutz der Turteltauben zu verbessern", steht in einer weiteren Mahnung der EU. Frankreich wird zudem aufgefordert, die ökologisch vorgeschriebene Abflussmenge des Rheins wiederherzustellen. Nur so könnten Fischarten über Staudämme hinaus migrieren. In der Wasserrahmenrichtlinie von 2000 einigten sich die Mitgliedsstaaten, Gewässer und deren Fische und Krebse zu schützen. Das Wasser müsse zum Erhalt der ökologischen Vielfalt abfließen können und dürfe nicht zu stark verschmutzt werden.

Slowenien präsentiert sich gerne als umweltbewusstes Land. Doch auch dort sind Tierarten bedroht: besonders die Wiesenvögel und die Schmetterlingsart der Wiesenvögelchen. Sie leben beide auf blütenreichen Wiesen. Slowenien bewirtschafte sein Land zu intensiv, freie Flächen würden nicht der Natur überlassen, sondern in Ackerland umgewandelt, heißt es in einem Experten-Bericht. Wenig nachhaltig sei das, und es führe zu einem "starken Rückgang der Vogel- und Schmetterlingspopulationen", so die EU-Kommission. Sie verweist auf die Verpflichtungen aus der Habitat-Richtlinie von 1992. Diese soll helfen, natürliche Lebensräume und wildlebende Tiere und Pflanzen zu erhalten. Die Kommission hat vor wenigen Wochen 20 der 28 EU-Länder abgemahnt oder verklagt, weil sie nicht genug für den Umweltschutz täten. In Polen gehe es den Wäldern schlecht. Irland gewinne Torf auf eine Weise, die der Umwelt schade. In Estlands Bemühungen, Bauprojekte umweltschonend zu planen, hat die Kommission "mehr als ein Dutzend Mängel" festgestellt. Die Länder müssen nun reagieren, sonst drohen weitere Mahnungen oder gar Klagen.

© SZ vom 02.08.2019
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