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Verteidiger Sven Thomas:Ecclestones Stimme

Prozessauftakt gegen Bernie Ecclestone

Gefragter Interviewpartner: Ecclestone-Verteidiger Sven Thomas

(Foto: dpa)

Harter Mann, harter Job: Sven Thomas verteidigt den Formel-1-Boss Bernie Ecclestone. Er tritt freundlich auf und weiß aber auch, wie er seine Gegner treffen kann.

Es gibt diese Szene im Roman "Der Fremde" von Albert Camus. Die Hauptfigur steht vor Gericht, sie ist angeklagt, jemanden getötet zu haben. Das Schlussplädoyer spricht der Verteidiger, zur großen Verwunderung des Angeklagten, in Ich-Form: "Es ist wahr, dass ich getötet habe." Darf der das? Wie sehr sollte ein Verteidiger über seinen Mandanten bestimmen? Sven Thomas, 66, ist einer der bekanntesten Strafverteidiger Deutschlands. Er hat diese Frage einst in einem kleinen Aufsatz für die Neue Juristische Wochenschrift anhand dieses Romans erörtert und kam zu dem Schluss: Wenn sich ein Verteidiger wie in Camus' Text an die Stelle eines Mandanten setzt, nimmt er ihm dessen Identität und Autonomie.

Thomas' Kanzlei sitzt in Düsseldorf gegenüber vom Kunstmuseum Ständehaus. Er hat Wirtschaftsgrößen wie Otto Graf Lambsdorff, Heinrich von Pierer oder Rolf Breuer verteidigt. Für seinen aktuellen Mandaten spricht nun ausgerechnet Thomas in Ich-Form. Allerdings nicht mit dem Ziel, den Angeklagten zu bevormunden, das wäre angesichts des Egos des Betroffenen wohl auch nur schwer möglich.

Sven Thomas verteidigt Bernie Ecclestone, 83, den Chef der Formel 1, der wegen Korruption angeklagt ist. Er soll den ehemaligen Vorstand der BayernLB, Gerhard Gribkowsky, mit 44 Millionen Dollar dazu bewogen haben, dem Verkauf der Formel 1 an einen Investor zu forcieren, der Ecclestone keinen Ärger macht.

Gribkowsky soll gelogen haben

Die Verteidigung hält dagegen. Gribkowsky habe sich nicht von Ecclestone verführen lassen, vielmehr habe umgekehrt Gribkowsky den Formel-1-Boss erpresst, um das Geld zu bekommen. Der Landesbanker soll gedroht haben, Ecclestones Offshore-Geschäfte an die britischen Finanzbehörden zu verraten. Das erklärte Ecclestone ausführlich zum Prozessauftakt - vorgelesen vom Verteidiger Thomas, auf Deutsch, mit tiefer, lauter Stimme.

Thomas trägt die grauen Haare nach hinten gegelt; wenn er redet, beherrscht er den Saal. Wenn er neben seinem Mandanten steht, überragt er ihn deutlich. Er wirkt freundlich, mitunter kann er aber sehr ruppig sein. Auch für dieses Verfahren hat er eine offensive Strategie entwickelt, das liegt ihm. Er verteidigte Klaus Esser im Mannesmann-Prozess und schoss damals Widerworte gegen die Staatsanwaltschaft, bis die Richterin ihn ermahnte. Genauso war es, als er den ehemaligen Börsenstar Thomas Haffa in München vertrat.

Der Jurist weiß, wie er Leute treffen kann: Als der Schalke-Fan einmal im Stadion eine Niederlage gegen den FC Bayern erlebte, saß er hinter den Bayern-Bossen Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge - und Thomas überlegte, die Vereinshymne des FC Chelsea zu singen, um die jubelnden Bayern-Manager an die Niederlage im Champions-League-Finale zu erinnern.

Strategie der Verteidigung

Im Fall Ecclestone will er die Anklage so auseinandernehmen: Kann das Treffen überhaupt stattgefunden haben, bei dem Ecclestone und Gribkowsky die Bestechungssumme ausgehandelt haben sollen? Thomas kündigt an, neue Beweise vorzulegen. Zu lesen bekommen wird das Gericht diese Unterlagen erst, wenn Gribkowsky als Zeuge ausgesagt hat. Der Banker wurde 2012 im selben Gerichtssaal vom selben Richter verurteilt, weil er sich bestechen ließ. Er hat Ecclestone in seinem Geständnis schwer belastet. "Gribkowsky hat in entscheidenden Punkten die Unwahrheit gesagt", so Thomas.

Noch ist die Stimmung im Prozess gelöst. Nach dem Ende des ersten Verhandlungstags schlenderte Ecclestone zum Richter und dann zu den Staatsanwälten, wechselte ein paar Worte. Im Mai könnte es vorbei sein mit der Lockerheit. Dann muss Gribkowsky seine Geschichte vor Gericht wiederholen - und Thomas wird ihn sich vorknöpfen.