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Versicherungswirtschaft:Nichts wie weg

Weil sich das Geschäft wegen der Niedrigzinsen nicht lohnt, reichen Versicherer ganze Bestände an Policen weiter. Ein paar Investoren haben sich auf das Geschäft spezialisiert.

In Zukunft könnte es öfter passieren, dass sich die Kunden eines Lebensversicherers plötzlich bei einem anderen Anbieter wiederfinden, weil sich ihr ursprünglicher Vertragspartner entschlossen hat, den Versicherungsbestand für das Neugeschäft zu schließen und an einen externen Abwickler zu verkaufen. In der Versicherungsbranche wird das als Run-off bezeichnet. "Der Markt für Lebensversicherungs-Run-offs steht vor einer aufregenden Zukunft", sagte Caspar Berendsen, Partner beim Londoner Investor Cinven, auf einer SZ-Fachkonferenz. Cinven steht zusammen mit der Hannover Rück hinter dem Abwickler Viridium, der gerade die Generali Leben mit ihren vier Millionen Kunden übernimmt.

Der wichtigste Grund für die möglichen Bestandsverkäufe sind die Niedrigzinsen, sagte Berendsen. Es fällt den Versicherern immer schwerer, die hohen Garantiezinsen zu erwirtschaften, die sie ihren Kunden in früheren Jahren versprochen haben. Zudem müssen sie für dieses Geschäft unter den neuen Aufsichtsregeln Solvency II sehr viel Eigenkapital vorhalten. Hinzu kommen die veralteten IT-Systeme vieler Gesellschaften, der Rückgang im Neugeschäft und die demografische Entwicklung. Viele Versicherer wollen sich neuen, für sie weniger belastenden Policen wie fondsgebundenen Verträgen zuwenden und die Altbestände an klassischen Garantiepolicen loswerden.

In den vergangenen Jahren sind eine Reihe neuer Firmen entstanden, die Versicherern diese Bestände abnehmen wollen. In Deutschland sind das neben Viridium die Frankfurter Leben und Athora. Cinven-Manager Berendsen glaubt allerdings nicht, dass alle Run-off-Spezialisten im europäischen Markt überleben werden. "Der Markt der Konsolidierer wird sich konsolidieren", sagte er.

Der Markt sei zwar groß genug für alle. "Aber nicht alle verfügen über die nötigen Fähigkeiten, um erfolgreich zu sein", sagte Berendsen. Diese Unternehmen würden dann von Konkurrenten geschluckt. Ein kritischer Erfolgsfaktor sei die Unterstützung durch die Versicherungsaufsicht. "Wenn die versagt bleibt, wird es schwer, weitere Bestände zu akquirieren", sagte Berendsen. Ein Run-off-Spezialist in Italien sei bereits daran gescheitert, eine Genehmigung für einen Deal zu bekommen, und werde dort kaum auf weitere Übernahmen hoffen können. Auch für Viridium steht die Genehmigung für den Generali Leben-Deal durch die deutsche Finanzaufsicht Bafin noch aus.

Als Abwickler sei ein langer Atem von großer Bedeutung, betonte Viridium-Chef Heinz-Peter Roß. "Man braucht viel Geduld." Das Unternehmen sei jetzt seit mehr als zwei Jahren mit dem Generali-Deal beschäftigt. Es habe allein 22 Monate gedauert bis zur Unterschrift, seitdem sei Viridium in intensiven Diskussionen mit der Bafin. "Es wird weitere drei Jahre dauern, bis wir alle Bestände übertragen haben", sagte Roß. Momentan beschäftige das Unternehmen vor allem die Prüfung durch die Bafin. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Viridium die Übernahme von vier Millionen Verträgen finanziell und organisatorisch gestemmt bekomme.

Der Verkauf an externe Abwickler ist umstritten. Verbraucherschützer fürchten, dass die Kunden bei diesen Unternehmen schlechter behandelt werden als bei ihren jetzigen Anbietern. Die Spezialisten halten dagegen, dass sie viel geringere Kosten haben als die bisherigen Versicherer, wovon die Kunden direkt profitieren.

Die Vorbehalte machen sich auch im Geschäftsvolumen bemerkbar: Während es in Großbritannien und Irland im vergangenen Jahr acht Transaktionen im Wert von rund drei Milliarden Dollar (2,6 Milliarden Euro) gab, waren es in Kontinentaleuropa nur vier Verkäufe mit 495 Millionen Dollar.

© SZ vom 20.02.2019
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