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Versicherungsbetrug:"Jemand hat mal mit dem Luftgewehr in den Fernseher geschossen"

Ein kaputter Rückspiegel eines Pkw.

(Foto: Bearbeitung SZ.de)

Viele betrügen ihre Versicherung. Schadensregulierer Timo Heitmann verrät die Tricks.

Interview von Kristina Wollseifen

Mal zerdeppert man eine alte Vase der Oma. Aber keine Sorge: Solche Schäden zahlt die Haftpflichtversicherung. Für manche ist das allerdings verlockend. Sie verursachen vorsätzlich einen Schaden oder stellen einen Vorfall falsch dar, um Geld von der Versicherung zu kassieren. Eine von zehn Schadensmeldungen ist erfunden oder manipuliert, schätzt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Die Betrügereien summierten sich auf vier Milliarden Euro pro Jahr. Timo Heitmann arbeitet bei der Gothaer Versicherung und kennt viele solche Fälle aus seinem Alltag als Schadensregulierer.

SZ: Wie tricksen die Menschen?

Timo Heitmann: Es kommt immer wieder vor, dass Kunden den Schaden größer machen, als er wirklich ist. Dann wird zum Beispiel der Anschaffungswert hoch gesetzt, indem man mit Photoshop die Rechnung fälscht. Oder es werden weitere Schäden einbezogen, obwohl die überhaupt nichts mit dem gemeldeten Vorfall zu tun hatten. Oft wird auch der Schadenshergang so manipuliert, dass die Versicherung für den Schaden aufkommen müsste, obwohl er eigentlich nicht versichert wäre. Zum Beispiel wenn ein Freund aus Gefälligkeit behauptet, er habe den Schaden verursacht und seine Versicherung dann zahlt. Richtig kriminell wird es bei vorsätzlicher Brandstiftung, aber das kommt nicht so häufig vor.

Bei welchem Produkt schummeln die Leute am häufigsten?

TV-Bildschirme gehen relativ häufig zu Bruch. In diesen Fällen hätten die Leute gern einen neuen Fernseher und behaupten deshalb zum Beispiel, dass jemand den alten umgeworfen hätte. Jemand hat mal mit dem Luftgewehr in den Fernseher geschossen. Angeblich aus Versehen.

Wann werden Sie misstrauisch?

Ich merke nicht immer sofort, dass ich belogen werde. Aber ich achte darauf, wie sich mein Gegenüber verhält, wenn er mir von dem Schaden berichtet: Erzählt er nur wenige Details? Fasst er seine Sätze kurz und knapp? Möchte er lieber über das Wetter als über den Schaden reden? Kann er keinen Augenkontakt zu mir halten? Das sind oft erste Anzeichen dafür, dass hier etwas nicht stimmt.

Also eine Gefühlsfrage?

Mein Bauchgefühl hilft sehr einzuschätzen, ob der Schadenshergang schlüssig ist oder nicht. Es passiert auch, dass ich mit einer Idee davon zu einem Termin komme, wie etwas passiert sein könnte. Aber die Realität ist dann doch oft anders. Deshalb ist es so wichtig, dass man offen und unvoreingenommen auf sein Gegenüber zugeht und nicht vorverurteilt oder beschuldigt.

Wie beweisen Sie, dass eine Geschichte nicht stimmt?

Ich frage nach scheinbar nebensächlichen Details. Ein Beispiel: Sie behaupten, ihre Freundin habe ihr Handydisplay zerstört. Dann frage ich, warum Sie beide sich an dem Tag überhaupt getroffen haben oder was es zu essen gab. Wer nicht die Wahrheit sagt, wird dann sehr schnell unruhig und fragt mich, wieso ich das denn jetzt wissen will.

Und dann sagt die eine, dass es Kuchen gab, und die andere sagt Butterbrote. Ist das wirklich so einfach?

Solche Dinge werden tatsächlich meistens nicht abgesprochen. Meist überlegen die Leute ja nur, wie der Schaden entstanden sein könnte.

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