Versicherungswirtschaft:Allianz verliert Marktanteile

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Versicherungswirtschaft: Allianz-Zentrale in München. Der Konzern hat bei Lebensversicherungen seine Strategie geändert.

Allianz-Zentrale in München. Der Konzern hat bei Lebensversicherungen seine Strategie geändert.

(Foto: Alexander Pohl/imago)

Der Münchner Konzern fährt das Geschäft mit Policen gegen hohe Einmalbeiträge zurück. Die waren wegen des Garantiezinses umstritten.

Von Herbert Fromme, Köln

Deutschlands größter Versicherer Allianz verliert kräftig Marktanteile. Das geht aus der jüngsten Marktübersicht des Kölner Instituts für Versicherungsinformationen (Kivi) hervor. Demnach kam die Allianz mit allen Tochtergesellschaften im Jahr 2021 in Deutschland nur noch auf einen Marktanteil von 17,8 Prozent, den niedrigsten Stand seit 2017. Im Jahr 2019 hatte der Marktführer noch 20,4 Prozent aller Versicherungsbeiträge auf sich vereint, 2020 waren es immerhin noch 19,8 Prozent. Der Rückgang mag klein erscheinen, bedeutet aber Milliardensummen: Die Branche nahm nach Kivi-Daten 2021 satte 230,3 Milliarden Euro an Beiträgen ein. Ein Prozent Marktanteil macht also 2,3 Milliarden Euro aus.

Die Allianzführung muss nach Milliardenbelastungen aus dem Kapitalanlageskandal in den USA ohnehin um die Unterstützung der Aktionäre kämpfen, da kommt ein nachhaltiger Marktanteilsverlust nicht gut an. Doch Kivi-Chef Reiner Will gibt Entwarnung. Er hat eine nachvollziehbare Erklärung für den scharfen Rückgang: "Die Allianz hat deutlich weniger Geschäft gegen Einmalprämien gemacht", sagt er. 2021 gingen deshalb die gesamten Beitragseinnahmen der Allianz-Lebensversicherung um neun Prozent auf 23,9 Milliarden Euro zurück.

Tatsächlich hat die Allianz in der Lebensversicherung ihre Strategie geändert. Sie verkauft immer weniger Policen mit garantierter Verzinsung und stattdessen lieber Verträge, bei denen das Geld in Aktienfonds und anderen Wertpapieren angelegt wird. Dann trägt der Kunde das Kapitalmarktrisiko und nicht der Versicherer. Der verdient vor allem an den hohen Gebühren und Provisionen. Das Geschäft gegen Einmalbeiträge funktioniert aber nur gut mit der alten, klassischen Lebensversicherung. Dabei zahlen wohlhabende Kunden eine größere Summe ein, um von der vergleichsweise hohen Verzinsung zu profitieren. Bei Experten sind die Verträge umstritten, weil die hohen Zinserträge zu Lasten der treuen Kunden mit laufenden Beiträgen gehen können.

Wenn Marktführer Allianz Anteile aufgibt, gewinnen andere Versicherer, wenn auch in kleinem Umfang. Die Anbieter auf Rang zwei bis fünf haben leicht zugelegt: Die zu den Sparkassen gehörenden öffentlichen Versicherer (Versicherungskammer Bayern, Provinzial, VGH und andere) kamen 2021 zusammen auf 10,6 Prozent anstatt 10,4 Prozent. Auch die R+V, die zu den Raiffeisen- und Volksbanken gehört, steigerte sich leicht von 6,4 Prozent auf 6,8 Prozent, die Generali von 6,1 Prozent auf 6,3 Prozent und die zur Munich Re gehörende Ergo von 5,6 Prozent auf 5,7 Prozent.

Versicherer für Altbestände werden wichtiger

Große Fusionen, die eine Marktbereinigung in der stark fragmentierten Versicherungswirtschaft bewirken könnten, blieben auch 2021 aus. Doch Kivi-Chef Will sieht deutliche Veränderungen: Die Spezialversicherer für die Abwicklung von Altbeständen gewinnen stark an Bedeutung. Mit Viridium ist auch ein Abwickler unter den Top 20. Das Unternehmen kam auf 1,4 Prozent Anteil am Gesamtmarkt und Platz 19, obwohl es nur in der Lebensversicherung aktiv ist.

Wie die Allianz versuchen die meisten Versicherer, die klassische Lebensversicherung mit Zinsgarantie zugunsten von fondsgebundenen Angeboten zu reduzieren. "Wir haben jetzt schon 40 Prozent des Neugeschäfts in fondsgebundenen Verträgen", erläutert Will. Er glaubt nicht, dass die derzeitigen Einbrüche an den Börsen diesen Trend nachhaltig stören könnten.

Die steigenden Zinsen wirken sich langfristig positiv für die Versicherer aus. Allerdings könnten Inflation und Krisensorgen dazu führen, dass Kunden ihre Lebensversicherungen kündigen, um an Geld zu kommen oder es anders anzulegen. "Durch die steigenden Zinsen werden alternative Anlageformen wieder attraktiver", sagte Frank Grund, Chef der Versicherungsaufsicht bei der Bafin, vor kurzem. "Kündigen viele Kundinnen und Kunden auf einmal, kann sich das kritisch auf die Liquidität der Unternehmen auswirken."

Reiner Will rechnet nicht mit einer Kündigungswelle. "Es wäre jedenfalls sehr dumm, jetzt seine Altersvorsorgeleistungen zu reduzieren." Aber natürlich leide jede Form des Sparens unter der Inflation, auch die Lebensversicherung.

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