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Versicherung:Wenig Freude am Managerschutz

Haftpflichtpolicen für Manager (D&O-Deckungen) sind hoch defizitär. Aber generelle Preiserhöhungen sind nicht in Sicht.

Versicherungsangelegenheiten stehen selten auf der Tagesordnung, wenn sich Vorstände, Geschäftsleitungen und Aufsichtsräte treffen. Für diese öden Themen haben die Chefs Spezialisten, die sich um Policen und langwierige Verhandlungen mit den Versicherern kümmern. Es gibt allerdings eine klare Ausnahme: Wenn es um die Managerhaftung geht, nach dem US-Vorbild Directors' and Officers' Liability oder D&O genannt, dann ist die Aufmerksamkeit groß.

Denn inzwischen wissen die Manager, dass sie bei fehlerhaften Entscheidungen möglicherweise mit ihrem Privatvermögen haften. Für diesen Fall schließen die Firmen D&O-Versicherungen ab. Dann stellt nach einem Schaden meistens das eigene Unternehmen Ansprüche gegen den Manager - und die Versicherer versuchen erst, die Ansprüche abzuwehren. Später müssen sie möglicherweise zahlen.

Angesichts zunehmender rechtlicher Vorgaben und Regularien riskierten Manager ohne D&O-Police ihr Karriereende, warnt Hartmuth Kremer-Jensen vom Großmakler Aon. Ähnlich sein Kollege Udo Pana Kina vom Aon-Konkurrenten Marsh: "Nicht nur jede Aktiengesellschaft, auch jede GmbH sollte für ihre Geschäftsleitung eine solche Police kaufen."

Allerdings: Das stark wachsende Geschäftsfeld macht vielen Versicherern wenig Freude. Nach internen Zahlen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), die der SZ vorliegen, macht die Branche hier jährlich mehr als 100 Millionen Euro Verlust.

Seit etwa 25 Jahren gibt es die in den USA schon lange verbreitete Deckung auch in Deutschland, vorher war sie nicht erlaubt. Anfangs kauften vor allem Konzerne mit internationaler Präsenz die Policen, inzwischen auch immer mehr Mittelständler für ihre Geschäftsführer. Deren Hauptsorge: Im Fall einer Insolvenz müssen sie sich gegen rabiate Insolvenzverwalter wehren, die hohe Summen fordern. "Seit Jahren sind Insolvenzen das höchste Risiko", sagt Diederik Sutorius, Chef des Kölner D&O-Spezialisten VOV.

Da gibt es einerseits die Großschäden - bei Siemens nach dem Korruptionsskandal, bei VW wegen der Dieselaffäre, bei der Deutschen Bank nach dem Breuer-Interview. Andererseits gibt es die vielen kleineren Schäden bei GmbH-Geschäftsführern oder Vereinsvorständen. Laut GDV betrug der Schadenaufwand pro Vertrag 2016 genau 3 944 Euro - deutlich über den 3 656 Euro an Prämie pro Vertrag.

Eigentlich sind die D&O-Zahlen des Verbandes geheim. Während er jede Promilleänderung bei Wildschäden lautstark herausposaunt, hält er die Zahlen aus dieser wichtigen Sparte unter Verschluss.

Umso spannender sind die Daten: Der GDV schätzt, dass die Versicherer in Deutschland jährlich knapp 500 Millionen Euro mit D&O einnehmen. Die Zahl beruht auf Meldungen von Mitgliedern sowie Hochrechnungen für andere Anbieter. 2016 gaben die GDV-Versicherer 95 Prozent der Prämien für Schäden aus, inklusive der Kosten für die Abwehr von Ansprüchen. In der Branche sind außerdem 30 Prozent an Kosten üblich - etwa 15 Prozent Provision kassieren die Makler, dazu kommen Verwaltungskosten. 2016 erreichte die so errechnete Schaden- und Kostenquote 125 Prozent der Beiträge, im Jahr davor sogar 145 Prozent. Für jeden Prämien-Euro gaben die Versicherer also 1,25 Euro beziehungsweise 1,45 Euro für Schäden und Kosten aus. "Die Zahlen sind etwas irreführend, denn im Mittelstand und bei kleinen Firmen dürften die meisten Versicherer Gewinn machen", sagt Makler Pana Kina.

Das Defizit sollte eigentlich für deutliche Preiserhöhungen sorgen. Aber davon ist bisher keine Rede. Gerade Mittelständler können immer noch günstige Preise und gute Bedingungen erzielen. Pana Kina: "Wir sehen keine Tendenz, dass es im Markt flächendeckend zu Preiserhöhungen kommt." Der Trend in die roten Zahlen bleibt also - offenbar ist vielen Versicherern der Erhalt ihrer Marktanteile wichtiger als das Ergebnis.

© SZ vom 03.11.2017