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Versicherung:Pokémon gefangen, Telefonmasten gerammt

Zone restrictions expected for Pokemon Go players in Thailand

Gebannter Blick ins Smartphone: Eine Versicherung will jetzt Pokémon-Go-Spieler vor Unfallschäden schützen.

(Foto: dpa)

Eine Versicherung soll Pokémon-Go-Spieler entschädigen, wenn sie beim gebannten Blick ins Smartphone einen Unfall bauen. Die Sache hat aber mehr als einen Haken.

Ende Juli kollidierte ein 21-jähriger Autofahrer im Emsland mit einem Telefonmasten. Er hatte während der Fahrt das Online-Spiel Pokémon-Go gespielt und dabei die Kontrolle über seinen Nissan Micra verloren. Im kalifornischen Encinitas stürzten Mitte Juli zwei Männer auf der Jagd nach Pokémons von einer über 20 Meter hohen Klippe.

Die Fälle zeigen: Das Online-Spiel, bei dem die Nutzer mit dem Smartphone virtuelle Monster einsammeln, für den Kampf trainieren und gegeneinander antreten lassen, treibt sie nicht nur hinaus an die frische Luft. Es verleitet auch dazu, beim Starren auf das Handy reale Hindernisse auszublenden. "Stürze und damit einhergehende Verletzungen wie Prellungen, Brüche von Handgelenken oder Bänderrisse sind vorprogrammiert", sagt Jörg Droste vom Versicherer Barmenia.

Die Gesellschaft will sich den Hype um Pokémon-Go zunutze machen und hat eine spezielle Unfallversicherung namens Trainer-Schutz zusammen mit dem Versicherungs-Start-up Kasko entwickelt. Seit Ende Juli ist die Police über die App des Online-Maklers Knip erhältlich.

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Im Todesfall erhalten die Angehörigen 10 000 Euro

Der Vertrag kostet 35 Euro im Jahr und sieht eine Einmalzahlung von bis zu 30 000 Euro vor, falls Versicherte beim Pokémon-Spielen oder anderen Aktivitäten verunglücken und einen bleibenden gesundheitlichen Schaden davontragen. Wie hoch die Zahlung ausfällt, hängt davon ab, wie sehr sich der Versicherte verletzt. Wer unglücklich stürzt und danach die Hand nicht mehr benutzen kann, ist laut der Police zu 60 Prozent invalide und bekommt somit 18 000 Euro. Im Todesfall erhalten die Angehörigen 10 000 Euro. Die Versicherung endet nach einem Jahr automatisch.

Der Schönheitsfehler: Eine spezielle Unfallversicherung für Pokémon-Spieler ist gar nicht nötig. "Auch normale Unfallpolicen zahlen, wenn ein Kunde gedankenverloren Pokémon spielt und dabei verunglückt", sagt Rita Reichard von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Für unbedingt notwendig hält sie Unfallversicherungen ohnehin nicht, bei den Pokémon-Policen ist sie besonders skeptisch. "Es mag zwar sein, dass beim Pokémon-Spielen eine erhöhte Unfallgefahr besteht", sagt sie. "Der Versicherer zahlt aber erst, wenn dauerhafte Gesundheitsschäden zurückbleiben. Das ist unwahrscheinlich." Nur 1,8 Prozent aller Schwerbehinderungen seien auf einen Unfall zurückzuführen.

Wer dennoch eine Unfallversicherung haben will, sollte auf eine hohe Invaliditätssumme achten. Sie muss ausreichen, um im Ernstfall etwa das Haus oder Auto behindertengerecht umbauen zu können. "Die Pokémon-Police bietet mit einer Versicherungssumme von 30 000 Euro bei Vollinvalidität einen völlig unzureichenden Schutz", sagt Reichard. "Es besteht die Gefahr, dass sich die Kunden, die diesen Vertrag abschließen, in falscher Sicherheit wiegen."

Zwei Wochen kostenlos - gegen Maklervollmacht

Reichard empfiehlt eine Invaliditätssumme in Höhe des sechsfachen Jahresbruttoeinkommens für den Fall einer Invalidität von 100 Prozent. Eine solche Police kostet mit 120 Euro bis 140 Euro im Jahr aber mehr als die Pokémon-Versicherung. Sie sei als Einsteigerprodukt zu betrachten, sagt Michael Divé vom Makler Knip. "Wir wollen damit in erster Linie junge Menschen auf das Thema Unfallversicherung aufmerksam machen", sagt er. Viele hätten sich noch nie damit auseinandergesetzt. Die Barmenia betont zudem, dass sie bei der Pokémon-Versicherung für Beeinträchtigungen von Augen, Hand, Daumen, Finger und Gehör prozentual mehr zahlt als bei normalen Unfallpolicen.

Bisher ist die Resonanz auf die Pokémon-Versicherung gut. Knip hat schon mehr als 100 Verträge vermittelt. Das mag auch daran liegen, dass Neukunden in den ersten zwei Wochen die Police gratis erhalten. Dafür müssen sie allerdings nicht nur die Knip-App herunterladen, sondern auch eine Maklervollmacht unterschreiben. "Alle bestehenden und künftigen Versicherungsverträge des Kunden werden dann von Knip betreut", sagt Verbraucherschützerin Reichard. Die Vollmacht kann ein Problem sein, wenn der Versicherte bei seinem bisherigen Makler bleiben oder gar keinen Makler haben will.

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