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Kommentar:Zurückzahlen, bitte

Herbert Fromme

Illustration: Bernd Schifferdecker

Die Versicherer haben in der Pandemie ihre Gewinne um Milliarden erhöht. Nur wenige geben den Kunden davon etwas zurück. Das wird sich schnell rächen.

Von Herbert Fromme

Viele deutsche Versicherer sehen sich gerne als Opfer. Als Opfer der Politik, die versucht, Provisionen zu begrenzen, oder die die Regeln für die Riester-Rente nicht so ändert, wie die Branche es gerne hätte. Als Opfer der Europäischen Zentralbank, deren Zinspolitik den Gesellschaften schwer zu schaffen macht. Und natürlich als Opfer der Presse, die angeblich gehässig und unqualifiziert über die Branche herzieht.

Die Frage, was die Versicherer denn selbst falsch machen, stellt selten jemand von ihnen. Die Opferrolle ist viel bequemer. Dabei ist die Klage, dass die Versicherungswirtschaft unfair behandelt wird, im Kern vollständig unbegründet.

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Aktuell behandeln die Versicherer ihre Kunden grob unfair, und sie wissen das auch. Sie profitieren in Milliardenhöhe von der Pandemie. Aber die meisten haben nicht vor, auch nur einen Cent davon an die Kunden zurückzugeben. Diese Politik sollten sie schleunigst ändern. Sonst kann man ihnen die angestrebte Rolle als echter Lebensbegleiter noch weniger abnehmen - und viele Kunden werden einfach kündigen.

Dass die Pandemie den Versicherern finanziell nützt, war lange nicht abzusehen. Vor einem Jahr mussten sie befürchten, dass die Prämieneinnahmen sinken, weil die Menschen weniger Geld haben und die Konjunktur einbricht. In der Regel ist das ein Auslöser von Umsatzrückgängen. Aber dazu kam es nicht. Die Prämien in der Sachversicherung, also Autos, Gebäude, Hausrat, Haftpflicht oder Unfall, stiegen um 1,6 Milliarden Euro auf 75 Milliarden Euro.

Anders sieht es bei den Leistungen aus, sie gingen um 1,3 Milliarden Euro zurück und betrugen 52 Milliarden Euro. Viele Autos blieben während der Home-Office-Zeit in der Garage, die Unfallzahlen im Straßenverkehr erreichten Tiefststände.

Entspannung auch in der privaten Unfallversicherung, weil die Kunden weniger Sport treiben konnten. Die Anwesenheit im eigenen Heim reduzierte die Zahl der Diebstähle. Jubel in der Branche: So profitabel wie 2020 war die Sachversicherung seit mehr als 20 Jahren nicht.

Wer eine Beitragsgutschrift von 5,62 Euro bekommt, fühlt sich gefoppt

Dass die Versicherer davon ihren Kunden etwas zurückgeben sollten, hat sich nicht durchgesetzt. Nur wenige Gesellschaften wie die HUK-Coburg oder die DEVK zahlen einen Teil zurück. Viel ist das auch nicht. Wer bei einer Jahresprämie von 300 Euro für seinen bei der HUK versicherten Pkw eine Beitragsgutschrift von 5,62 Euro bekommt, fühlt sich gefoppt. Der durchschnittliche Betrag liegt bei ebenfalls nicht gerade üppigen 18,63 Euro.

Dennoch: Diese Gesellschaften zahlen die Gutschrift zusätzlich zum Bonus für weniger gefahrene Kilometer. Das geht immerhin in die richtige Richtung. Denn sie erkennen an, dass ihre Kunden unter der Pandemie leiden und mehr Aufwand haben. Sie stecken sich die Vorteile, die sie aus der Covid-Belastung ihrer Kunden haben, nicht kommentarlos in die Tasche.

Die Autoversicherer in den USA haben schon 2020 Schecks an alle Kfz-Versicherten mit einem Ausgleichsbetrag geschickt. Wenn eine Gesellschaft das nicht von sich aus getan hat, hat die Aufsichtsbehörde sie daran erinnert. Die Finanzaufsicht Bafin hat diese Möglichkeiten nicht, sie darf das nicht von den Versicherern verlangen.

Da müssen die Gesellschaften schon selbst aktiv werden. Auch wenn sie keine Rückzahlung vornehmen wollten: Warum nicht eine einfache Nachricht an die Kunden schicken, dass der Schadenaufwand in der Krise gesunken ist und sie deshalb für Bestandskunden in den kommenden zwei Jahren die Preise nicht erhöhen? Oder das Versprechen, dass treue Kunden auch nach mehreren Jahren nicht mehr zahlen als Neukunden, die der Versicherer mit Lockangeboten gewinnen will?

Stattdessen streiten sich die Versicherer mit Gastronomen und Hoteliers vor Gericht, ob sie Pandemieschäden auszahlen, gegen die sich Betroffene mit speziellen Betriebsschließungspolicen versichert hatten. Die meisten Gesellschaften weigern sich.

Eine Umfrage des Marktforschers Infas Quo hat ergeben, dass die Pandemie Bedürfnisse und Erwartungen der Kunden drastisch verändert. Sie setzen auf Sicherheit und suchen einen verlässlichen Partner. Fairness ist ein zentraler Faktor bei der Bewertung von Versicherern - ob es um den Preis oder die Schadenbearbeitung geht. Wenn sie das Gefühl haben, unfair behandelt zu werden, sind sie heute viel eher bereit als vor zwei Jahren zu kündigen.

Für alle Verbraucher und die fairen Versicherer ist das eine gute Nachricht. Die unfairen Versicherer können sich dann wenigstens wieder als Opfer sehen.

© SZ/kö
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