Umgang mit Corona:Versicherungschef schlägt vor: Ungeimpfte könnten mehr zahlen

Impfaktion auf der Reeperbahn

Corona-Impfaktion in einer Bar im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Nicht-Geimpfte müssen womöglich mit Nachteilen bei der Versicherung rechnen.

(Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

Die Verärgerung bei manchen Managern über Impfverweigerer sitzt tief. Norbert Rollinger, Chef des Versicherers R+V, spricht sich nun dafür aus, Unterschiede bei den Tarifen zu machen.

Von Herbert Fromme und Friederike Krieger, Köln

Die Folgen der Pandemie beunruhigen den Wiesbadener Versicherer R+V, der den Genossenschaftsbanken gehört. Vorstandschef Norbert Rollinger kündigte im Gespräch mit der SZ einen Strategiewechsel des Konzerns an - und machte keinen Hehl aus seinem Ärger über Impfverweigerer. "Wir sollten über eine differenzierte Behandlung von Geimpften und Impfverweigerern auch bei Versicherungsabschlüssen nachdenken, wenn wir uns weiter so schwer tun, aus dieser Krise herauszukommen", erklärte Rollinger.

Deutschland stehe in einem ökonomischen Wettbewerb. "Großbritannien, Dänemark und Belgien haben schon viele Restriktionen aufgeben können, wir dagegen müssen sie aufrechterhalten", sagte der Versicherungsmanager. Schließlich gebe es unterschiedliche Inzidenzwerte. "Bei Geimpften liegen sie unter zehn, bei Nicht-Geimpften weit über 100", beklagte er. "Die Politik hat über die Lohnfortzahlung nachgedacht, die private Versicherungswirtschaft muss auch nachdenken dürfen."

Technisch möglich ist eine unterschiedliche Behandlung von Geimpften und Impfverweigerern bei der privaten Krankenversicherung und der Berufsunfähigkeitsversicherung. Doch zur konkreten Umsetzung wollte Rollinger nichts sagen. "Ich sehe das als Denkanstoß." Die Pandemie besorgt ihn nicht nur wegen der kurzfristigen Folgen. Das Unternehmen stellt gerade seine Strategie grundlegend um. "Wir müssen als Versicherer das Thema Profitabilität stärker in den Vordergrund rücken."

Pressefoto Norbert Rollinger, (c) R+V-Versicherung

Vorstandschef Norbert Rollinger will infolge der Pandemie die Strategie des Versicherers R+V ändern.

(Foto: R+V-Versicherung/oh)

Die R+V-Gruppe sei zwar gut durch die Pandemie gekommen, der Wechsel in das Home-Office habe gut geklappt. Die Pandemie habe die niedrigen Zinsen aber weiter zementiert, beklagte Rollinger. "Wenn wir nichts tun, werden wir eine Lücke beim Ergebnis von 150 Millionen Euro bis 200 Millionen Euro haben", sagte er. "Das kommt allein dadurch zustande, dass sich die niedrigen Zinsen in unsere Kapitalanlagen hineinfressen." Das käme bei den Eignern überhaupt nicht gut an. Der Versicherer gehört zu 92 Prozent der DZ Bank, dem Zentralinstitut der Raiffeisen- und Volksbanken, der Rest der Anteile liegt bei einzelnen Banken und anderen Organisationen im Verbund. In Zeiten niedriger Zinsen sind die Ausschüttungen der R+V und die Provisionen, die für die Vermittlung von Versicherungsverträgen an die Banken gehen, für sie von noch größerer Bedeutung als sonst.

Die Konsequenz: Um den Gewinn zu halten, will die R+V die rückläufigen Kapitalerträge über bessere Ergebnisse im Kerngeschäft Versicherung ausgleichen. Dazu muss das Unternehmen die Zügel anziehen bei der Bewertung der Risiken, die es übernimmt, ebenso wie bei der Schadenregulierung und bei den Kosten.

Im Strategieprogramm, das 2022 ausläuft, stand vor allem das Wachstum im Vordergrund. Das hat geklappt: Die R+V ist jetzt nach der Allianz der zweitgrößte Privatkundenversicherer im Land. Doch das Corona-Jahr 2020 machte der R+V beim Gewinn einen Strich durch die Rechnung, das Ergebnis brach um 70 Prozent ein. Gleichzeitig legte der Versicherer auch in dem Jahr mit einem Plus von acht Prozent weit stärker zu als der Markt, der ein Wachstum von nur 1,2 Prozent erreichte.

"Bisher waren wir in der Lage, überall wachsen zu können", sagte Rollinger. "Jetzt müssen wir differenzierter hinschauen, wo wir profitables Wachstum generieren können." Dennoch: Auch künftig soll der Umsatz nach oben gehen. Bisher hatte sich der Chef das Ziel gesteckt, 2022 einen Umsatz von 20 Milliarden Euro zu erreichen. Das werde vielleicht schon 2021 geschafft.

Personal will das Unternehmen nicht abbauen

Um Kosten zu senken und noch wettbewerbsfähiger zu werden, baut das Unternehmen seine IT grundlegend um. "Wir wollen die gesamte IT-Landschaft erneuern, damit wir deutlich schneller werden", sagte Rollinger. In der Pandemie hätten sich die Menschen stärker mit digitalen Themen wie dem Online-Shopping befasst, erläuterte er. "Dadurch ist den Kunden auch bewusst geworden, wie mangelhaft eigentlich die Digitalisierung in der Versicherungsbranche ist."

Personal will die R+V nicht abbauen. "Wir sind ein wachsendes Unternehmen." Die R+V baue jedes Jahr 300 Stellen auf. Rollinger kann sich aber vorstellen, die Zahl der netto neu hinzukommenden Stellen von 300 auf 100 zu drosseln. Auch die Vertreter werden nicht überflüssig, glaubt er. "Die Vermittler werden sich noch stärker auf das beratungsintensive Geschäft konzentrieren", erwartet Rollinger. Der persönliche Vertrieb werde auch weiterhin der "absolute Schwerpunkt" bleiben. Neue Elemente wie Telefonberatung und Abschlüssen per Internet würden aber an Bedeutung gewinnen.

Rollinger strebt auch für den Vertrieb eine Produktivitätssteigerung an. "Es wird erheblich mehr Termine geben, die abgearbeitet werden müssen, ob durch persönlichen Besuch oder Videochat oder indem man schriftlich kommuniziert", sagte er. Den Verkauf über die Banken im genossenschaftlichen Verbund will er deutlich steigern. "Ich sehe weiterhin große Wachstumschancen für uns, weil wir bisher nur rund 30 Prozent des Kundenpotenzials im Verbund ausgeschöpft haben."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB