Versicherer:Bloß nicht bedeutungslos werden

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Versicherer: Norbert Rollinger ist der neue Präsident des Versichererverbandes GDV.

Norbert Rollinger ist der neue Präsident des Versichererverbandes GDV.

(Foto: Christoph Soeder/picture alliance/dpa)

Die Versicherungswirtschaft könnte wie die katholische Kirche unwichtig werden, wenn sie sich gegen Veränderungen sträubt. Das sagt ausgerechnet der frisch gewählte Präsident des Versichererverbandes GDV.

Von Jonas Tauber, Berlin

Wenn die Versicherer sich nicht an stark veränderte Realitäten infolge von Corona-Krise und Ukraine-Krieg anpassen, werden sie unwichtig. Diese Warnung kam am Donnerstag von Norbert Rollinger, frisch gewählter Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). "Wir wollen nicht enden wie die katholische Kirche, die sich massiv von konservativer Seite gegen Veränderungen wehrt", sagte er auf dem GDV-Versicherungstag. "Wir als GDV wollen auf gar keinen Fall irrelevant werden."

Die Herausforderung bestehe darin, neue Ideen und Konzepte zu entwickeln, anstatt an überkommenen Konzepten festzuhalten. Es könne zum Beispiel nicht gelingen, bei stark gestiegenen Energiepreisen energieintensive Industrien künstlich am Leben zu erhalten. "Wir brauchen neue Ideen." Die Versicherer stünden dabei bereit, die ökologische Transformation und andere Veränderungen zu begleiten, sagte er.

Deutschlands bisheriges Geschäftsmodell funktioniert laut Rollinger nicht mehr gut. Jetzt muss das Land neue Wohlstandsquellen erschließen. Da sehen die Versicherer ihre Chance, sagte Rollinger, der im Hauptberuf Vorstandschef der R+V-Gruppe ist. "Wir haben viele Gebiete, wo wir Gutes beitragen können." Die Versicherungsbranche sieht sich als idealen Partner für die Transformation der Wirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit. Sie verwaltet milliardenschwere Kapitalanlagen, die sie gewinnbringend und sicher anlegen muss.

Wenn die Gesellschaften damit gleichzeitig noch Gutes tun können, nehmen sie das gerne mit. Denn beim öffentlichen Ansehen steht es bei der Branche nicht zum Besten. Das liegt auch daran, dass viele Versicherungskunden während der Pandemie aus ihrer Sicht enttäuschende Erfahrungen gemacht haben, etwa wenn die Versicherer bei Betriebsschließungen nicht zahlten, obwohl die Unternehmer eine Versicherung abgeschlossen hatten. Das Thema Nachhaltigkeit bietet für die Versicherer eine gute Möglichkeit, sich positiv ins Bild zu setzen.

Rollinger kündigte an, den Verband schneller zu machen. Es gelte, die eigenen Stärken etwa in der privaten Altersvorsorge klarer zu bewerben und auch Herausforderungen wie in der Cyberversicherung nicht zu scheuen, sondern lösungsorientiert anzugehen.

Cyberversicherungen als Risiko

Die Absicherung von Cyberrisiken gilt der Branche einerseits als Zukunftsmarkt, andererseits fürchtet sie das so genannte Kumulrisiko in dem Bereich: die Gefahr, dass ein einzelner Cyber-Angriff sehr viele Kunden auf einmal trifft und zu einem Großschaden für den Versicherer führt. Wegen steigender Schäden in dem Bereich ist der Schutz für Industriekunden zuletzt deutlich teurer und knapper geworden. Inzwischen haben große Industriekonzerne selbst einen Versicherer gegründet. "Es wäre schade, wenn wir solche Felder einfach aufgeben", sagte Rollinger.

Wenn sich der GDV vom Besuch des Bundesfinanzministers Christian Lindner ein Versprechen für eine Reform der staatlich geförderten Riester-Rente erhofft hatte, wurde er enttäuscht. Auf Nachfrage von Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen sagte Lindner nur, dass in der Koalition auch darüber gesprochen wird, wie die Riester- und Rürup-Renten attraktiver werden könnten.

Freuen konnte sich die Branche dagegen über Lindners Aussage, die Versicherungswirtschaft sei eine Vorzeigebranche der deutschen Wirtschaft, deren internationale Wettbewerbsfähigkeit er stärken wolle. In diesem Zusammenhang versprach er eine angemessene Regulierung, die kleine Gesellschaften bei den Kapitalanforderungen nicht überfordert.

"Nicht jeder Versicherer ist eine Allianz", sagte der FDP-Minister im Hinblick auf den Branchenprimus. Der GDV pocht seit Jahren darauf, die so genannte Proportionalität auszubauen. Lindner äußerte selbst auch Wünsche an die Adresse der Versicherer. Er hoffe, dass sie nicht ihr gesamtes Kapital in Staatsanleihen investieren, sondern es auch in junge Unternehmen anlegen, sagte er mit Verweis auf den Zukunftsfonds der Bundesregierung für Wagniskapital.

Bei der angekündigten Aktienrente mit einem Startpaket von zehn Milliarden Euro innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung kündigte Lindner rasche Fortschritte an. Die entsprechende Gesetzgebung soll noch 2022 angestoßen werden.

Zusätzliches Geschäft stellte Lindner der Branche im Zusammenhang mit der geplanten Vorsorgepflicht für das Alter bei Selbstständigen in Aussicht. Diese Pflicht beschränke sich ausdrücklich nicht nur auf die gesetzliche Rentenversicherung. Das Feld sei auch offen für attraktive Angebote der privaten Versicherungswirtschaft, sagte der Finanzminister.

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