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Versicherer:Die politische Fusion

Für das Zusammengehen der Sparkassenversicherer Provinzial Rheinland und der Provinzial Nordwest waren viele Kompromisse nötig.

Spätestens im August 2020 wollen die beiden Provinzial-Versicherer in Münster und Düsseldorf ihren Zusammenschluss bei den Handelsregistern eintragen. Das geht aus den Fusionsdokumenten hervor, die der SZ vorliegen.

Der Zusammenschluss soll rückwirkend zum 1. Januar 2020 gelten. Die neue Gruppe hat mehr als sechs Milliarden Euro Umsatz, es handelt sich um die größte Versichererfusion in Deutschland seit mehr als zehn Jahren. Der neue Konzern will in sieben Jahren 260 bis 340 der insgesamt 5200 Vollzeitstellen fusionsbedingt abbauen. Pro Jahr wollen die beiden Gruppen durch das Zusammengehen 108 Millionen Euro sparen.

Die Provinzial Rheinland und die Provinzial Nordwest gehören Sparkassen und den kommunalen Landschaftsverbänden im Rheinland und in Westfalen. Bislang waren die Differenzen über die Bewertung der beiden Gruppen, über Posten und Standorte zu groß, mehrere Fusionsversuche scheiterten. Doch Mitte 2018 hat der Sparkassenverband Westfalen-Lippe unter seiner energischen Präsidentin Liane Buchholz einen neuen Anlauf gestartet. Der ist jetzt wahrscheinlich erfolgreich.

Bis zuletzt gab es Auseinandersetzungen mit den Eignern der Provinzial Rheinland in Düsseldorf. Vor allem der Landschaftsverband Rheinland unter seiner Direktorin Ulrike Lubek fürchtete einen Verlust an Einfluss - und an Dividende für die klammen Kommunen. Der Verband hält 32,66 Prozent an der Provinzial Rheinland.

Doch jetzt haben auch Lubek und der Verband zugestimmt, nachdem sie eine Reihe von Sonderrechten durchsetzen konnten. In der Frage der Bewertung der beiden Gruppen hätte Lubek gern ein Verhältnis von 50:50 gesehen. Doch das konnten die Westfalen nicht mitmachen. Jetzt haben beide Seiten eine Bewertung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte akzeptiert, nach der die Anteilseigner der westfälischen Gesellschaft 55,87 Prozent der neuen Firma halten, die Rheinländer dagegen nur 44,13 Prozent.

Doch bei den Zahlen gibt es noch eine Hintertür: Sie sollen auf Grund der Geschäftsergebnisse 2019 aktualisiert werden. Außerdem wollen die beiden Seiten "mögliche Kapitalmaßnahmen" einrechnen. Im Februar 2020 gab es Berichte, dass die Provinzial Nordwest in Münster den Sparkassen eigene Aktien im Wert von 150 Millionen Euro bis 400 Millionen Euro abkaufen wolle. Wenn das tatsächlich geschieht und die Gesellschaft diese Aktien aus dem Verkehr zieht, sinkt ihr Eigenkapital und damit ihre Bewertung. Dann kämen die Rheinländer näher an das begehrte 50:50.

Technisch soll die Fusion so funktionieren, dass die Provinzial Rheinland Holding ihre Versicherungsgesellschaften an die Provinzial Nordwest abgibt und im Gegenzug Aktien dieser Gesellschaft erhält.

Die Fusionskosten sollen sich auf bis zu 232 Millionen Euro belaufen, haben die Vorstände der beiden Unternehmen kalkuliert. In den ersten zwei Jahren rechnen die Vorstände mit geringeren Gewinnen als beide Gesellschaften heute erzielen. Dennoch wollen sie von 2020 bis 2023 eine Dividende von jährlich 70 Millionen Euro bis 90 Millionen Euro ausschütten. Ab 2024 soll die Dividende dann 90 Millionen Euro bis 130 Millionen Euro betragen, heißt es in dem Dokument "Blueprint 1.0", das die Vorstände geschrieben und mit den Eignern abgestimmt haben.

Mit der hohen Dividende versüßen die Westfalen den Rheinländern den Deal. Es gibt noch weitere eindeutig fusionspolitisch bedingte Festlegungen, so auch bei den Aufsichtsratsmandaten. Politisch ist die Zusage der neuen Gesellschaft, an ihren Standorten in Düsseldorf, Münster, Kiel, Hamburg, Detmold und in Rheinland-Pfalz festzuhalten. Der Sitz des Konzerns ist Münster, aber der neue fusionierte Sachversicherer und der Vertrieb sollen in Düsseldorf angesiedelt sein.

Damit hat sich Sparkassenpräsidentin Buchholz durchgesetzt. Im Sparkassenlager zählt das viel, denn an der Aufgabe waren schon einige ihrer Vorgänger gescheitert. Buchholz werden Ambitionen beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband in Berlin nachgesagt. Wenn das stimmt, hat sie dafür viele Punkte gemacht.

Die jetzt getroffenen Vereinbarungen sind hoch politisch und zeigen an vielen Stellen den Kompromiss, der nötig war. Erst langfristig dürfte aus einem Konzern mit zwei Lagern von Anteilseignern, die sich misstrauisch beäugen, ein ganz normaler Versicherer werden. Die Fusion wird das gesamte Lager der Sparkassenversicherer in Bewegung bringen, schließlich können sich viele Manager auch ein Zusammengehen der regional agierenden Versicherungskammer Bayern mit den Kollegen der SV-Versicherung in Stuttgart vorstellen. Viele Sparkassenchefs verstehen ohnehin nicht, warum sie sich den Luxus der vielen regionalen Versicherer leisten, die seit Jahren beim Marktanteil stagnieren.

© SZ vom 01.04.2020
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